Prozess

Baby von überforderter Mutter misshandelt

Ein fünf Monate alter Junge erlitt schwerste Verletzungen, weil ihn seine Mutter über einen längeren Zeitraum immer wieder gebissen und geschlagen hat. Die Alleinerziehende steht nun vor Gericht.

Am Ende hatte Birte E. selber bei der Feuerwehr angerufen. Vermutlich, weil die 42 Jahre alte Mutter darüber erschrocken war, was sie getan hatte. Und weil sie befürchtete, dass ihr fünf Monate altes Söhnchen an den Verletzungen, die sie ihm selbst zugefügt hatte, sterben könnte.

Birte E. muss sich nun in Moabit vor einem erweiterten Schöffengericht wegen gefährlicher Körperverletzung und Misshandlung Schutzbefohlener verantworten. Die 42-Jährige senkt den Blick und kämpft mit den Tränen, als die Staatsanwältin den Anklagesatz verliest. Und es ist unfassbar, was dort an Vorwürfen zur Sprache kommt.

So soll Birte E. ihrem Säugling an Weihnachten 2009 „wissentlich und willentlich“ das linke Schienbein gebrochen haben. „Indem sie dieses entweder durch festes Anpacken verdrehte oder über ein Kante brach“, heißt es in der Anklageschrift. Sie sei damals mit dem Baby jedoch nicht zum Arzt gegangen und habe so die Gefahr eines bleibenden Schadens im Kauf genommen. In den Tagen darauf soll es zu weiteren Misshandlungen gekommen sein: Sie soll das Kind in ihrer Wohnung in Prenzlauer Berg geschlagen, grob angepackt und gekniffen haben, so der Vorwurf.

Den traurigen Höhepunkt gab es den Ermittlungen zufolge dann in der Nacht zum 8. Januar dieses Jahres. Es grenzt an ein Wunder, dass der Kleine dieses Martyrium überlebte. Im Anklagesatz ist von Bissen die Rede: „Insgesamt drei mal in die rechte Wange, weil sich das weinende Kind nicht beruhigen wollte.“ Auch soll sie gegen den Kopf des Jungen geschlagen oder getreten haben, wodurch dieser einen Schädelbruch sowie Blutungen in der Kopfschwarte und der Hirnhaut erlitt. In jener Nacht hatte Birte E. dann auch die Feuerwehr alarmiert.

Ihre Erklärung zu diesen Vorwürfen ist verschwommen. „Ich kann mir als Mutter nicht vorstellen, dass ich das gemacht habe“, lässt sie von ihrem Verteidiger vortragen. Gleichwohl käme aber nur sie als Täterin in Frage, das sei ihr bewusst. Und sie könne sich auch noch dunkel erinnern, das Kind gebissen zu haben. Sie bedauere das alles unendlich.

Die als Zeugen geladenen Notärzte berichten vor Gericht, Birte E. habe in jener Nacht zum 8. Januar „sehr aufgewühlt“ gewirkt. Sie haben keinen zusammenhängenden Satz äußern, den Sachverhalt aus ihrer Sicht aber schildern können: Angeblich sei ihr schwindlig geworden. Sie sei mit dem Kind, das sie auf dem Arm hielt, gestolpert und zu Boden gestürzt. Beide Ärzte beschreiben eine starke Schwellung am Kopf des Säuglings. Es war damals jedoch den Notärzten und auch den sofort herbeigerufenen Polizisten klar, dass es sich hier kaum um einen tragischen Unfall handeln konnte. Denn alarmierend waren ja nicht nur die Verletzungen des Babys, sondern überdies auch die total verwahrloste Wohnung, in der sich auch noch ein zweites Kind aufhielt. Ebenfalls ein Junge, drei Jahre alt.

Birte E. wurde festgenommen, kam 14Tage später jedoch wieder auf freien Fuß. Untersuchungen ergaben, dass die allein erziehende Frau mit der Versorgung ihrer Kinder völlig überfordert war. Auch habe sie unter dem Einfluss von Cannabis und Amphetaminen gestanden.

Beide Kinder leben jetzt in Pflegefamilien. Bei dem Säugling ist noch nicht klar, welche Folgen die Misshandlungen haben werden. Es bestehe die Gefahr, „dass das Kind dauerhafte körperlicher Schädigungen, wie Wachstumsstörungen des Schädels, die Ausbildung eines Wasserkopfes oder Hirnspätfolgen davonträgt“, heißt es im Anklagesatz.

Birte E. ist einverstanden, dass der Junge dauerhaft in dieser Pflegefamilie bleibt. Aber ihren größeren Sohn, so lässt sie vor Gericht vortragen, wolle sie gern wieder zu sich nehmen und ihm „eine gute Mutter“ sein. Der Prozess wird fortgesetzt.