Fürsorgewerk

EJF-Chef wehrt sich gegen Untreue-Vorwurf

Wieder gibt es in Berlin einen Betrugsverdacht gegen den Chef einer sozialen Einrichtung. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Doch der EJF-Vorstandsvorsitzende, Siegfried Dreusicke, sieht sich als Opfer einer Intrige.

Foto: David Heerde

"Das Böse ist in der Welt“ – so theologisch kommentiert der pensionierte Pfarrer Hans-Jürgen Krödel die Affäre um den Chef des Evangelischen Jugend- und Fürsorgewerks (EJF). Krödel ist Vorsitzender des 30-köpfigen EJF-Vereins, dem die gemeinnützige AG gehört. Diese ist in den vergangenen Jahren zu einem der größten Imperien in der Berliner Sozialbranche gewachsen. Jetzt gibt es handfesten Streit unter den Mitgliedern. „Die Opfer sind wir und unser gutes Werk“, so der Pfarrer.

Der Vorstandsvorsitzende der EJF gAG, Siegfried Dreusicke steht nach Hinweisen aus dem internen Kreis des EJF nun im Verdacht, verdeckte Provisionen für die Vergabe eines Bauauftrags für ein fast drei Millionen Euro teures Seniorenwohnhaus an die Baufirma MBN kassiert zu haben. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Dreusicke bestreitet die Vorwürfe. Man sieht dem weißhaarigen Mann mit der großen Brille an, dass er die Nachfragen danach als eine Zumutung empfindet. Das EJF war fast pleite als er kam, er hat einen leistungsfähigen, weit verzweigten Sozialkonzern aufgebaut. Er habe MBN aufgrund seiner großen Erfahrung im sozialen Sektor lediglich bei anderen Bauvorhaben in Nordrhein-Westfalen und Polen beraten, erklärt er.

Die Vergabe des Auftrags für den Bau der Kornmesserstraße 18 sei sauber gelaufen, beteuern Aufsichtsräte und Vorstände der EJF AG. Als Beleg verteilten sie am Donnerstag einen dicken Aktenordner an die eilig herbeizitierten Journalisten. Die Bau-Unterlagen sollen belegen, dass allein die zeitliche Abfolge einen Zusammenhang zwischen Auftragsvergabe und Abschluss des Beratervertrages unmöglich machten.

Die Firma MBN, die schon eine Behinderteneinrichtung in Biesdorf 1998 und ein Wirtschaftsgebäude in Reinickendorf für das EJF errichtete, hatte am 2. November 2007 ein verbindliches Angebot für den Bau der Seniorenresidenz in Lichterfelde abgegeben. Mit im Rennen seien zwei weitere Firmen gewesen, berichtete der EJF-Aufsichtsratschef Ulrich Baßeler, der gerade am Donnerstag mit Dreusicke von einer gemeinsamen Reise nach Israel zurückgekehrt war. Das Angebot von MBN sei das günstigste gewesen, das habe die Bauabteilung des EJF unabhängig vom Vorstand ermittelt.

Damals keine Bedenken

Weil aber nicht klar gewesen sei, ob die Mieteinnahmen den Bau refinanzieren könnten, sei zunächst keine Entscheidung für das Vorhaben gefallen. Aber am 7. August 2008 habe der Vorstand aus Dreusicke und seinem Kollegen Andreas Eckhoff das Angebot angenommen. Nachträglich seien in geringem Umfang weitere Vergaben an MBN im Umfang von 60000 Euro erfolgt. Der Beratervertrag mit MBN datiere dann vom September, sagte der Aufsichtsratsvorsitzende Baßeler, der an der Freien Universität Volkswirtschaft lehrt.

Warum er zwei Monate nach der Vergabe eines Auftrags über 2,67 Millionen Euro an einen Generalunternehmer für eben jene Firma einen Beraterauftrag in seiner Nebentätigkeit als Anwalt übernommen hat ,erklärt Dreusicke wie folgt: Für ihn sei der Auftrag mit der Entscheidung für das MBN-Angebot ein halbes Jahr zuvor erledigt gewesen. „Ich hätte es nicht noch einmal gemacht“, sagte der EJF-Chef, „aber damals hatte ich keine Bedenken.“

Seit seinem Einstieg in den Vorstand des freien Trägers 1993 habe er „alle möglichen anwaltlichen Mandate angenommen“, sagte Dreusicke. Wegen seines anfangs niedrigen Gehaltes von 50000 Euro habe er sich diese Nebentätigkeiten genehmigen lassen. Er habe aber keine anderen Firmen vertreten oder beraten, die Aufträge vom EJF erhalten hätten.

Inzwischen verdient Dreusicke 150000 Euro im Jahr. Dass er dennoch die Baufirma MBN in einem Umfang von „25 Stunden im Monat“ beraten habe begründete der Jurist damit, dass er im nächsten Jahr aus Altersgründen aus dem Vorstand ausscheide. Seine Anwaltstätigkeit wolle er aber weiter führen und Kontakte halten.

Die Hinweise an die Staatsanwälte und die gestreuten Informationen über finanzielle Unregelmäßigkeiten bezeichnete der EJF-Aufsichtsratsvorsitzende Baßeler als „Rachefeldzug“ des Juristenehepaars Wolfgang und Astrid Lipps, die beide aus dem Verein ausgeschlossen werden sollen. Der einst von Dreusicke in den EJF-Verein geholte Pfarrer Krödel ergänzte, der Rechtsanwalt Lipps habe früher für sie gearbeitet und auch Honorare erhalten. Man wolle in Zukunft aber nicht mehr Vereinsmitgliedern Geld für Arbeiten im EJF geben. Als ihnen die Aufträge nicht mehr erteilt worden seien, habe das Ehepaar eine Kampagne gegen den Vorstand begonnen. Noch 2009 seien die 90000 Euro, die das EJF insgesamt an Externe für Beratungen bezahlt habe, „vor allem“ an die Lipps geflossen, so Baßeler. Pfarrer Krödel sagte außerdem, die Dreusicke-Kritiker hätten im brandenburgischen Dorf Liepe im Barnim neben einer EJF-Betreuungseinrichtung „mit dem bei uns erworbenen Wissen“ einen Verein gegründet und ein Programm aufgelegt, das sich mit dem des EJF überschnitten habe.

Die öffentlich Beschuldigten jedoch weisen auf Nachfrage der Morgenpost diese Vorwürfe weit von sich. Ja, sie sähen die Art und Weise, wie Siegfried Dreusicke das EJF führe, kritisch. 2009 hätten sie allenfalls wenige 1000 Euro vom EJF erhalten, insgesamt könnte über mehrere Jahre aber eine Summe von 90000 Euro zusammen gekommen sein, sagte Wolfgang Lipps. Er habe Dreusicke selbst in einem Rechtsstreit mit dem alten Aufsichtsrat des EJF vertreten. Dreusicke hatte 2006 kurzzeitig wegen interner Differenzen den Vorstandsvorsitz verloren. Lipps Frau, die Notarin ist, sagte, sie habe in Liepe einen Verein gegründet, der Kochkurse und Literaturtreffs organisiere. Mit dem Programm des EJF habe sich das ihre „nicht überschnitten“.

Beide Seiten wollten am Donnerstag nicht ausschließen, gegen die jeweils andere wegen „Verleumdung“ juristisch vorzugehen. Was die Staatsanwaltschaft angeht, so zeigte sich Dreusicke „100-prozentig sicher, dass die Ermittlungen eingestellt“ werden.