Bildung

Eltern und Schüler wehren sich gegen Lehrermangel

Der Markt für Fachlehrer ist leer gefegt. Überfüllte Klassenzimmer, unerfahrene Vertretungslehrer und Unterrichtsausfall erschweren das Lernen.

Foto: David Heerde

Die Situation spitzt sich zu. Immer mehr Eltern beklagen sich über Lehrermangel an der Schule ihrer Kinder. Sie wollen nicht länger hinnehmen, dass Unterricht ausfällt. Auch Schüler wenden sich mit der Bitte um Hilfe an die Öffentlichkeit. So schreibt eine Schülerin der Neuköllner Clay-Sekundarschule an diese Zeitung, dass in ihrer Klasse seit Längerem der Physikunterricht ausfalle: „Ich bin Klassen- und Jahrgangssprecherin, und es schockiert mich, dass uns Lehrer zugewiesen werden, die zur selben Zeit Unterricht in einer weiteren Klasse haben. Es stehen keine Vertretungslehrer zur Verfügung, denn es fehlt das Geld.“ Das führe dazu, dass die Lehrer völlig überfordert seien, schreibt die Schülerin. „Das ist nicht nur in meiner Schule der Fall, das betrifft ganz Berlin.“

Der Schulleiter der Clay-Schule, Hartwig Beier, konnte auf Nachfrage am gestrigen Freitag wenigstens bezüglich des Physikunterrichts in den achten Klassen Entwarnung geben. „Wir haben eine Vertretungskraft gefunden“, sagte er. Diese habe zwar nur das erste Staatsexamen und habe lediglich bis zum Ende des Schuljahres eingestellt werden können, trotzdem sei man sehr froh. Es fehlten allerdings noch weitere Lehrkräfte, so Schulleiter Beier.

Große Aufregung herrscht auch an der Charlie-Chaplin-Grundschule im Märkischen Viertel in Reinickendorf. Dort fehlen seit Langem mehr als zwei Lehrer. Der Vorsitzende der Gesamtelternvertretung der Schule, Martin Regling, hat deshalb bereits an Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) und den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) geschrieben. „Bisher haben wir keine Antwort bekommen“, sagt er. Die Eltern fordern nun dringend, dass Lehrer eingestellt werden, damit kein Unterricht mehr ausfalle. „Wenn nicht bald etwas passiert, behalten wir uns weitere Schritte vor“, sagt Regling.

Doch es geht noch schlimmer. Am Werner-von-Siemens-Gymnasium in Steglitz-Zehlendorf fehlen laut Gesamtelternvertreterin Susanne Düwel zurzeit neun Lehrer. „Jeden Tag fällt Unterricht aus“, sagt Düwel. Die Eltern planen deshalb eine Protestveranstaltung. Am 24. Februar wollen sie in der Schule mit verschiedenen Aktionen auf den akuten Lehrermangel aufmerksam machen. „Unser Schulleiter ist nur noch mit der Mangelverwaltung beschäftigt“, sagt Düwel. Die Lehrer seien zwar sehr engagiert und machten jede Menge Vertretungsunterricht. Trotzdem reiche es hinten und vorne nicht aus. Auch Vertretungskräfte seien kaum noch zu finden. „Der Markt ist völlig leer“, so Düwel.

Auch Neueinstellungen, die Bildungssenator Zöllner für das zweite Halbjahr plant, sind offenbar nur schwer zu realisieren, weil Fachlehrer fehlen. Eine Übersicht, die dieser Zeitung vorliegt, zeigt den eklatanten Mangel. Demnach werden berlinweit 33 Gymnasiallehrer mit den Fächern Mathematik oder Physik gesucht. Zum zentralen Bewerbungsverfahren vor wenigen Tagen wurden 52 dieser Fachkräfte eingeladen. 20 erschienen. 19 konnten eingestellt werden. Ähnlich sieht es in diesen Fächern bei den Sekundarschullehrern aus. Berlinweit fehlen 14 dieser Lehrer. 18 wurden zum zentralen Bewerbungsverfahren eingeladen, fünf erschienen, vier konnten eingestellt werden. Zehn fehlen weiterhin.

Lothar Semmel, Mitglied des Vorstands der Vereinigung der Berliner Schulleiter, sagt, dass es jede Menge Rückmeldungen aus den Schulen darüber gebe, dass Lehrer fehlen und die einzustellenden Pädagogen bei Weitem nicht ausreichen, um alle Lücken zu schließen. Berlin habe sich wieder einmal zu spät um die Einstellung von Lehrkräften gekümmert, sagt Semmel.

Kritik kommt auch von der GEW-Vorsitzenden Rose-Marie Seggelke. „Berlin ist und bleibt für viele Lehrkräfte kein attraktiver Arbeitsplatz. Solange die finanzielle Benachteiligung und die strukturelle Unterausstattung bestehen bleiben, wird sich daran auch nichts ändern.“

Probleme hat schließlich auch das Hildegard-Wegscheider-Gymnasium in Wilmersdorf. Dort sind viele Lehrer krank. Schulleiter Peter Lischka sagte: „Wir sind gezwungen Vertretungslehrer einzustellen, die nicht mal das zweite Staatsexamen haben.“ Außerdem müssten die anderen Kollegen den unerfahrenen Vertretungskräften oft helfen. Das führe zu einer Überbelastung und hebe den Krankenstand weiter.