Globale Erwärmung

Junge-Reyer präsentiert Klimawandel-Aktionsplan

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Isabell Jürgens

Senatorin Junge-Reyer legt den bundesweit ersten Aktionsplan für den Klimawandel vor. Der soll besonders die Innenstadt schützen und Leitfaden für die Verwaltungsentscheidungen der Zukunft sein

Seit Jahrzehnten preisen Berlins Hauseigentümer ihre Wohnungen in Zeitungsinseraten mit dem Zusatz „Südwest-Ausrichtung“ an und versprechen den Wohnungssuchenden damit ein Höchstmaß an Sonne und Licht. Das wird sich in naher Zukunft ändern: Angesichts des globalen Klimawandels, der Berlin bis 2050 ein Plus von 2,5 Grad Celsius bringen wird, dürften besonders in der Innenstadt bald Wohnungen mit Nord-Ost-Ausrichtung hoch im Kurs liegen. Denn noch einmal fünf bis sieben Grad wärmer als am Stadtrand soll es in innerhalb des S-Bahn-Ringes werden. Das geht aus einer Studie hervor, die das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) im Auftrag der Senatsverwaltung vorgelegt hat und die als Grundlage für den Stadtentwicklungsplan Klima dient (StEP Klima), den Senatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) am Mittwoch vorgestellt hat.

Das bundesweit erste Klima-Planwerk soll Leitfaden für die Verwaltungsentscheidungen der Zukunft sein. „Wir müssen bereits jetzt die Weichen stellen, damit wir gerüstet sind für deutlich heißere und trockenere Sommer und wesentlich mildere und feuchtere Winter“, so die Senatorin. Die Umwälzungen machten ein grundsätzliches Umdenken in der Stadtentwicklung erforderlich. „Wir müssen nicht nur für reflektierende Häuseranstriche, die Entsiegelung von Innenhöfen, begrünte Dächer, eine bessere Durchlüftung und insgesamt mehr Straßenbäume in der Innenstadt sorgen“, so die Senatorin. Gleichzeitig müsste auch das komplette Wassermanagement in der Stadt neu ausgerichtet werden. Zwar werde sich die Niederschlagsmenge über das Jahr verteilt kaum ändern. Doch werde es künftig hauptsächlich im Winterhalbjahr regnen.

Künftig, so die Senatorin, müssen beispielsweise die Regenmassen des Winters in Zisternen aufgefangen werden, um im Sommer für die Bewässerung der Grünanlagen zur Verfügung zu stehen. Auch soll bei der Anlage neuer und Überarbeitung bereits bestehender Grünanlagen mehr darauf geachtet werden, dass Pflanzen zum Einsatz kommen, die Trockenperioden besser verkraften.

Bäume mit Trockenheit überfordert

Eile ist geboten: Bereits heute sind die Bäume mit der zunehmenden Trockenheit im Sommer überfordert. So hat der vor wenigen Tagen vorgestellte Waldzustandsbericht 2009 gezeigt, dass vor allem die für ein kühles und feuchtes Klima so wichtigen Laubbäume weit weniger anpassungsfähig als Nadelbäume sind. So weisen drei Viertel der Eichen, die knapp 20 Prozent der Berliner Waldfläche einnehmen, seit dem rekordverdächtigen Hitzesommer 2003 sichtbare Schädigungen der Baumkronen auf.

Sorge bereiten auch große Freiflächen wie etwa das Wiesenmeer auf dem Tempelhofer Feld, das bislang als Kaltluftschneise jede Nacht für eine gute Durchlüftung und Abkühlung in der Innenstadt sorgt. Doch aufgrund der hohen Verdunstung im Sommer droht der gerade erst neu gewonnenen städtischen Grünfläche in naher Zukunft die Versteppung, falls dort weiterhin auf eine Bewässerung verzichtet wird.

Doch nicht nur das städtische Grün, besonders die Bevölkerung in der Innenstadt muss vor den Folgen des Klimawandels geschützt werden. Denn die bislang statistisch eher seltenen „Extremereignisse“ werden zunehmen. Während 2000 bis 2010 innerhalb des S-Bahn-Ringes durchschnittlich bis zu 53 Hitzetage im Jahr mit Temperaturen über 25 Grad gemessen wurden, wird deren Anzahl im Zeitraum von 2046 bis 2055 auf 60 steigen. In den Jahren 2091 bis 2099 werden sogar im Jahresdurchschnitt 90 Tage vorhergesagt. Ähnlich sieht die Entwicklung der „Tropennächte“ mit Temperaturen nicht unter 20 Grad Celsius aus. Während in dieser Dekade in der Innenstadt durchschnittlich fünf bis sechs (am Stadtrand sogar nur eine!) Tropennächte gezählt wurden, werden es bis 2091 bis 2099 bis zu 20 Tage im Jahr sein. „Das Klima in Berlin wird künftig so sein, wie es heute in Rom ist“, so Heinz Brandl, Projektleiter des StEP Klima. Damit erübrigten sich eigentlich Sommerurlaube im Süden. Doch das extreme Wetter, so Brandl weiter, werde auch dazu führen, dass die Wasserqualität in den beliebten Badeseen der Berliner zum Schwimmen nicht mehr geeignet ist, sollte nicht durch geeignete Maßnahmen gegengesteuert werden.

Mieterverein nennt Plan heiße Luft

Während an der Analyse des renommierten Potsdamer Klimaforschungsinstituts kaum Zweifel geäußert werden, ist noch unklar, wie die im StEP Klima formulierten Aktionspläne umgesetzt werden sollen. Zunächst wird das Planwerk am kommenden Montag im Stadtentwicklungsausschuss des Abgeordnetenhauses diskutiert werden. Ab Februar befassen sich dann die Bezirke damit.

Ein millionenschweres Sonderprogramm für neue Straßenbäume beispielsweise werde es nicht geben, räumte die Senatorin ein. Dabei sorgt Baumschatten nachweislich am effektivsten dafür, dass die Luft am Boden unter ihren Kronen bis zu zehn Grad kühler und vor allem auch feuchter ist. Auch einen Baustopp für die immer rareren Baulücken in der Innenstadt oder die gesetzliche Verpflichtung, Neubauten nur noch mit reflektierenden Anstrichen zu versehen und den Hinterhof zu begrünen, sei vorerst nicht geplant. Die Senatorin setzt auf Freiwilligkeit: „Wir wollen Hauseigentümer davon zu überzeugen, dass begrünte Wohnanlagen wertvoller werden.“ Der StEP Klima diene aber vor allem auch der Verwaltung als Leitfaden, wie bei der Neuanlage von Grünflächen, von Kanalisation oder öffentlichen Gebäuden der Klimawandel zu berücksichtigen sei. Vom Berliner Mieterverein kam deshalb gestern auch gleich Kritik an dem Planwerk. Statt konkreter Maßnahmen enthalte der StEP Klima nur vage Vorstellungen. „Vorwiegend heiße Luft“, kommentierte der Geschäftsführer des Berliner Mietervereins, Reiner

Wild. „Wir vermissen Vorschläge zu quartiersbezogenen Maßnahmen, um

die Ziele des Klimaschutzes und der Klimaanpassung mit städtebaulichen Belangen abzustimmen“, sagte Wild. So sollten etwa Sanierungsgebiete und Stadtumbauquartiere mit einer klimagerechten Stadterneuerung verknüpft werden. Dabei könnte sich eine sinnvolle Bündelung von finanziellen Mitteln aus unterschiedlichen Förderprogrammen von EU und Bund ergeben.

Berlins Klima wird künftig so sein, wie heute in Rom Heinz Brandl, Projektleiter StEP Klima