IBA 2020

Warum Berlin auf eine Bauausstellung setzt

Der Senat will Berlin mit einer neuen Internationalen Bauausstellung, der IBA 2020, nach vorn bringen. Stadtentwicklungssenatorin Junge-Reyer (SPD) und Senatsbaudirektorin Lüscher präsentierten die Leitideen des Großprojektes. Ein erstes Konzept soll bis Mai stehen.

Foto: Massimo Rodari

Morgenpost Online: Frau Lüscher, warum benötigt Berlin eine IBA?

Regula Lüscher: Da gibt es zwei Ausgangspunkte. Als das Tempelhofer Feld vor drei Jahren stark in der Diskussion war, stand für mich fest, dass Tempelhof ein Kristallisationspunkt für zukunftsweisende und experimentelle Formen der Stadtentwicklung in Berlin ist. Zum Zweiten glaube ich, dass Berlin wieder so etwas wie ein Qualitätssiegel braucht, wie die Debatte über die Architektur am Hauptbahnhof zeigt.

Morgenpost Online: Der Begriff allein garantiert aber noch keine Qualität. Was ist denn Thema der IBA?

Lüscher: Es geht um die Stärken Berlins im internationalen Vergleich unter dem Aspekt, Wege einer sozialen und nachhaltigen Stadtentwicklung aufzuzeigen.

Morgenpost Online: Welche Stärken meinen Sie?

Lüscher: Das Kapital dieser Stadt – und das hat auch etwas mit Tempelhof zu tun – sind die vielen Freiräume. Das ist das, was alle lieben an Berlin, was alle loben, aber auch das, um das man sich kümmern muss, wenn es um Fragen geht wie die des Klimawandels, des demografischen Wandels, der sozialräumlichen Polarisierung und die Frage der Integration. Das sind internationale Fragen…

Morgenpost Online: … und die Leitideen der IBA? Nun sind die nicht besonders originär, sondern ähneln denen der IBA in Hamburg.

Lüscher: Ja, weil es Themen unserer Zeit und unserer Metropolen sind und nicht nur die Themen der IBA Hamburg. Wir haben sie spezifisch für Berlin aufgearbeitet und in ein erstes Konzept unter den Überschriften Hauptstadt, Raumstadt und Sofortstadt umgesetzt.

Morgenpost Online: Können Sie das konkretisieren?

Lüscher: Die Hauptstadt ist die Klammer. Berlin hat hauptstadtrelevante Orte wie das Humboldtforum oder die Tempelhofer Freiheit. Aber es gibt auch die Quartiere, die Kieze. Diese beiden Welten zu verbinden, ist der Rahmen dieser IBA.

Morgenpost Online: Was meinen Sie mit Raumstadt?

Lüscher: Eine städtebauliche Strategie, die das herausragende Kapital, den Raum der Stadt, aufnimmt. Dabei setzen wir uns mit den Freiräumen Berlins auseinander, kartieren sie und evaluieren dann, ob die Lücken frei bleiben – beispielsweise aus klimatischen Gründen – oder ob sie langfristig bebaut beziehungsweise temporär genutzt werden sollen. Das ist die städtebauliche Strategie dieser IBA, die Raumstadt.

Morgenpost Online: Und was meint Sofortstadt?

Lüscher: Die Sofortstadt ist die Methode. Menschen wollen, dass schnell etwas entsteht, aber Stadtentwicklung dauert oft lange. Die Sofortstadt nutzt die Möglichkeit, öffentliche Räume schnell mit Zwischennutzungen, Pioniernutzungen und Ideen von Bürgern temporär zu gestalten. Beispiel Kulturforum: Wir haben beschränkte Mittel, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz setzt ihre Mittel woanders ein, der Ort braucht aber trotzdem eine Aufwertung. Jetzt ist unsere Strategie, den Freiraum aufzuwerten. Das Zweite ist, dass wir den Ort bespielen mittels eines Kulturmanagements, mit Events. Und das meine ich mit Sofortstadt, dass man auch an Orten, die im Moment nicht aktiviert sind, weil uns die Mittel fehlen, mit den Möglichkeiten, die wir haben, trotzdem Stadtentwicklung betreibt.

Morgenpost Online: Das heißt, der Prozess als solcher ist das Wesentliche der neuen IBA im Vergleich zu den Vorgänger-IBAs, bei denen es primär um das Gebaute ging?

Lüscher: Die Interbau 1957 und die IBA 84/87 waren Repräsentations-IBAs, die am Schluss Neubauten präsentiert haben. Die IBA 2020 ist eher ein Transformationsprozess. Und das passt in das Thema der prozessualen Stadtentwicklung. Nicht desto trotz ist es mir wichtig, zu sagen, dass man mit dieser IBA eben auch kleinteilige Lücken zum Thema macht und sagt, auch der private Entwickler, das Engagement von Baugruppen und einzelner Bürgers ist wichtig. Da geht es ganz stark um Partizipation und das war ja bei der IBA 84/87 auch ganz wichtiger Punkt.

Morgenpost Online: Ein gutes Stichwort. Sie haben bereits im September ein sogenanntes Prä-IBA-Team präsentiert, das ausschließlich aus Wissenschaftlern besteht. Warum sitzen in diesem Gremium keine Vertreter der Bevölkerung oder der Fachöffentlichkeit?

Lüscher: Ich glaube es ist unerlässlich, dass man sich erst einmal in einem geschlossenen Raum diesem Thema nähert. Und zwar interdisziplinär – das ist ja das Wesentliche an diesem Team, in dem Ökonomen, Soziologen Architekten und andere vertreten sind. Mit der Eröffnung des IBA-Studios beginnt jetzt ein intensiver Dialog mit den Bürgern, Experten, Bezirken, Initiativgruppen. Sie alle sind aufgerufen, sich an den Diskussionen, die wir jetzt führen werden, zu beteiligen.

Morgenpost Online: Diskutiert und kritisiert wurde bereits der anfängliche Ansatz, die IBA 2020 räumlich auf Tempelhof zu fokussieren. So wurde die IBA offiziell als Antwort auf den Erwartungsdruck bezüglich der Nutzung Tempelhofs begründet. Auch Protagonisten der früheren IBA haben gesamtstädtische Vorschläge gemacht. Reagiert das neue Konzept auf diese Kritik?

Lüscher: Die Vorschläge haben mich nur bestärkt. Die IBA räumlich weiter zu fassen, war meine Vorgabe für die Weiterentwicklung des Konzeptes mit dem Prä-IBA-Team. Die Hauptstadt-Raumstadt-Sofortstadt ist mein Konzept für ganz Berlin.

Morgenpost Online: Zur Organisation. Momentan sind allein in Tempelhof eine Vielzahl von Gesellschaften oder Verwaltungen mit dem Areal oder dem Bau befasst: die Tempelhof Projekt GmbH, GrünBerlin, die Senatsverwaltungen, das Prä-IBA-Team und und und. Wie soll das funktionieren?

Lüscher: Das wird funktionieren wie jede andere IBA auch. Das Land muss eine IBA-Gesellschaft gründen.

Morgenpost Online: Noch vor den Wahlen?

Lüscher: Nein, davon gehe ich nicht aus.

Morgenpost Online: Können veränderte politische Verhältnisse Ihre IBA-Pläne gefährden?

Lüscher: Nein, wenn es uns gelingt, noch vor den nächsten Koalitionsverhandlungen die Idee der IBA auch im politischen Feld gut zu kommunizieren, ist das auch für die nächste Regierung eine gute Grundlage.

Morgenpost Online: Wie soll das mit der IBA-Gesellschaft beispielsweise in Tempelhof funktionieren?

Lüscher: Wenn der ehemalige Flughafen, wovon ich ausgehe, ein IBA-Projekt wird, dann bleibt der Träger weiter verantwortlich für das Gebäude, aber die inhaltliche Zielsetzung der Entwicklung muss dann mit der IBA-Gesellschaft abgestimmt werden.

Morgenpost Online: Wie soll das gehen? Es ist ja denkbar, das die Tempelhof Projekt GmbH wirtschaftlicher orientiert ist als die IBA-Gesellschaft. Wer hat die Entscheidungsgewalt?

Lüscher: Da wird es natürlich einen Lenkungsausschuss geben, der politisch besetzt ist, auch mit den Bezirken, und dann wird es eine politische Entscheidung geben.

Morgenpost Online: Welchen finanziellen Rahmen halten Sie für die Ausstellung für erforderlich?

Lüscher: Das lässt sich jetzt noch nicht sagen, das wollen wir noch bis zum Mai klären. Ebenso wie die Frage denkbarer Finanzierungsmodelle für die jeweiligen Projekte.

Morgenpost Online: Die IBA 2020 wird nach Ihren Ausführungen keine klassische Bau-Ausstellung sein. Warum kleben Sie so an dem Begriff IBA?

Lüscher: Es gibt Formate, unter denen sich jeder Interessierte etwas vorstellen kann. Vor allem in Berlin, der Mutter aller IBAs, da macht es einfach Sinn, wenn man stadtentwicklungspolitische Themen vorwärtsbringen will, auf das bekannte Format zurückzugreifen.

Morgenpost Online: Auch wenn der Begriff ganz andere Erwartungen provoziert?

Lüscher: Die Erwartungen haben sich verändert. Die Internationalen Bauausstellungen entsprechen längst nicht mehr dem traditionellen Format der Interbau 1957 im Hansaviertel. Das hat ja schon die 87er-IBA durchbrochen mit der Beteiligung der Bürger. Themen der neuen IBA sind natürlich auch Sanieren und Klimaschutz. Die Bauten der letzten IBA kommen in die Jahre. Was gibt es schöneres, als innerhalb der neuen IBA das Erbe zu beachten? Jetzt geht es darum, zu gucken, wie können wir innovativ mit diesen Bauten umgehen. Auch deshalb macht es Sinn, im Format der IBA zu bleiben.

Morgenpost Online: Die neue IBA integriert also die Themen der IBA 84/87?

Lüscher: Ja, wir überlegen auch, eine Art Informationspfad zu den Bauten der vorigen IBA zu gestalten mit Tafeln, die über die Projekte und ihre Entstehungsgeschichte informieren. Was die Fragen der Sanierung dieser Gebäude betrifft, könnte man im Rahmen der IBA Wettbewerbe ausschrieben.

Morgenpost Online: Welche Rolle spielt moderne Architektur?

Lüscher: Innovative Architektur muss ein Thema sein. Eine lebendige Hauptstadt muss ihr Gesicht immer wieder neu definieren und die Architektur prägt das Gesicht.

Morgenpost Online: Glauben Sie, dass Sie die IBA noch als Senatsbaudirektorin eröffnen werden?

Lüscher: (lacht) Das ist mein Traum, ich bin ja noch nicht so alt.

IBA 2020: Am 26. Januar 2011 wird um 19 Uhr in der Alten Zollgarage am Flughafen Tempelhof der Arbeitsraum des Prä-IBA-Teams und künftige Veranstaltungsort der IBA-Planungen eröffnet. Im Internet steht künftig das aktuelle Programm.