Prozess

Totschlag hätte verhindert werden können

Patrick M. töte im Stadtteil Britz brutal drei Männer. Laut Verteidigung hätte der psychisch Kranke bereits viel früher von der Straße geholt werden müssen.

Foto: dpa / dpa/DPA

Wurde dem Treiben eines psychisch kranken Gewaltstraftäters lange Zeit zu wenig Beachtung geschenkt? Könnten drei Menschen heute noch leben, wenn gegen den 26-jährigen Patrick M. konsequenter eingegriffen worden wäre? Richter Ralph Ehestädt gab auf diese Fragen am Montag eine sehr konkrete Antwort: Der Beschuldigte hätte „früher verhaftet werden müssen, dann wären die drei Männer noch am Leben. Die Handhabe dafür war da.“

Patrick M. hatte im Sommer vergangenen Jahres im Neuköllner Stadtteil Britz drei Männer bestialisch zugerichtet und zu Tode gebracht: In der Nacht zum 18.Juni den 35-jährigen MaikS., am 8.Juli den 61-jährigen JürgenSch. und den 50-jährigen FritzP. Alle drei gehörten zum Britzer Trinkermilieu. Mit allen dreien war PatrickM., der sich an die Gewaltexzesse nach eigenen Angaben später nicht mehr erinnern konnte, zuvor freundschaftlich verbunden.

Das Schwurgericht wies den Beschuldigten am Montag wegen dieser Taten dauerhaft in die geschlossene Psychiatrie ein – den sogenannten Maßregelvollzug. Dabei stützten sich die Richter auf ein Gutachten des forensischen Psychiaters Hans-Ludwig Kröber, der PatrickM. eine schizophrene Erkrankung attestierte. Er sei zur Tatzeit „mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht steuerungsfähig, aber mit Sicherheit vermindert steuerungsfähig gewesen“, sagte Kröber. Für ihn sei der psychisch kranke, unberechenbare und hoch gefährliche Beschuldigte „ein klassischer Fall für den Maßregelvollzug“.

Aber auch der renommierte Gutachter konnte keinen konkreten Grund für die unvermittelte „massive, überschießende Aggressivität“ des Beschuldigten nennen. Er sah jedoch einen möglichen Ausgangspunkt in der katastrophalen, von Gewalt, Angst und Bindungslosigkeit geprägten Kindheit. So war PatrickM. schon als Schüler der ersten Klasse einer Sonderschule aufgefallen, nachdem er einen Mitschüler mit einem Stein attackierte. „Das war schon eine andere Gewalt als das, was sonst üblich ist bei Streitereien zwischen Kindern“, sagte Kröber. Später habe es für PatrickM. eine „Odyssee durch Heime und Pflegefamilien“ gegeben. Und immer wieder sei der Beschuldigte durch aggressive Ausbrüche aufgefallen.

Sogar nach seiner Festnahme und der zunächst vorläufigen Unterbringung in der geschlossenen Psychiatrie habe PatrickM. noch einen Mitpatienten geschlagen. Obwohl er zu diesem Zeitpunkt schon unter dem Einfluss hochdosierter Psychopharmaka gestanden habe. Der Gutachter sprach von einem „eingeschliffenen Verhaltensmuster“, das wohl nur durch eine langwierige Verhaltenstherapie zu ändern sei.

Als einen denkbaren Ansatzpunkt, sich bei den Gewaltausbrüchen gerade auf „ältere, heruntergekommene Männer“ zu kaprizieren, nannte Kröber „Zorn und Verachtung“. Der Beschuldigte war als Jugendlicher von einem älteren Mann sexuell missbraucht worden, was auch zu einer Verurteilung des Täters geführt hatte. Später hatte er sich bei Männern für Geld prostituiert. Es sei schon möglich, dass auch „Wut über die eigene Entwürdigung“ bei der Wahl der Opfer eine Rolle gespielt hätte, so Kröber.

In dem Schwurgerichtsverfahren hatten auch die Staatsanwaltschaft und die Verteidigung für eine Unterbringung des Beschuldigten in der geschlossenen Psychiatrie plädiert. Anwalt Mirko Röder kritisierte die seines Erachtens zu inkonsequente Reaktion auf die bisherigen Taten seines vielfach vorbestraften Mandanten. „Wenn ich mir diesen Lebensweg und die bisher eingeleiteten Verfahren anschaue“, sagte Röder, „dann wird doch deutlich, dass man den jungen Mann viel früher von der Straße hätte holen müssen. Nicht zuletzt, um ihn vor sich selbst zu schützen.“ Als Beispiel nannte Röder Entscheidungen von Jugendrichtern, die fünf Verfahren, „bei denen es fünf Mal um schwere Straftaten ging“, nicht geahndet, sondern nach dem Jugendgerichtsgesetz eingestellt hätten. Aber auch die Behörden, so Röder, hätten versagt. Zwar sei PatrickM. den Unterlagen zufolge „sehr engmaschig“ betreut worden – es habe einen gesetzlichen Betreuer, einen Bewährungshelfer und eine Therapeutin gegeben. Aber letztlich sei es nicht gelungen, den psychisch auffälligen und zunehmend gewalttätiger werdenden jungen Mann aufzuhalten.

Richter Ehestädt sagte bei seinen abschließenden Worten, dass die Kammer auch heute noch sprachlos sei angesichts der „enormen Grausamkeit und Brutalität“ des Beschuldigten. „Man findet keine Erklärung“, die einzige sei die psychische Erkrankung des Beschuldigten. Deswegen könne er auch nicht bestraft, sondern müsse in den Maßregelvollzug eingewiesen werden. Dabei werde es sich „um einen langen Zeitraum handeln, wie lange, kann heute keiner wissen“, sagte Ehestädt mit Blick auf PatrickM. Es gebe jedoch keine Alternative. „Wir müssen davon ausgehen, dass solche schweren Straftaten nicht mehr stattfinden können. Die Allgemeinheit muss geschützt werden.“