Neue Dauerausstellung

So leisteten DDR-Jugendliche Widerstand

In der Galiläakirche widmet sich eine neue Dauerausstellung dem Jugendwiderstand in der DDR. Im Fokus sind dabei Menschen und Ereignisse aus Friedrichshain.

Foto: Marion Hunger

Sie wollten ihre Welt nur ein bisschen bunter machen: Am 26. November 1983 zogen 20 junge Leute zum „Storkower Tunnel“ – einem mehr als 100 Meter langen Übergang von der Eldenaer Straße zum S-Bahnhof Storkower Straße – um die grauen Wände mit Farbe zu versehen. Die Stasi war bereits informiert. Als die ersten Blumen und Tiere die Wand zierten, griff sie zu. Alle 20 wurden verhaftet, 14 nach zwei Tagen freigelassen. Die anderen blieben noch in Untersuchungshaft. Für die nächtlichen Malerarbeiten wurden die Jugendlichen schließlich zu hohen Geldstrafen verurteilt.

Die Geschichte vom „Happening im Storkower Tunnel“ ist eine von vielen, die symbolisch für das Leben der jungen Leute in der DDR steht. Lange Haare und die Äußerung einer eigenen Meinung reichten, um in der DDR nicht zum Abitur oder zum Studium zugelassen zu werden. Wer Kritik übte, musste mit Konsequenzen rechnen, die die persönliche Lebensplanung zunichte machte. Der Widerstand gegen ein System, das immer mehr einengte, wuchs dennoch von Jahr zu Jahr.

Im Mittelpunkt dieser Widerstandsbewegung stand auch die Galiläakirche an der Rigaer Straße in Friedrichshain, wo am Sonnabend die neue Dauerausstellung „Wartet nicht auf bess're Zeiten – Jugendwiderstand und Jugendopposition in der SBZ / DDR 1946–1989“ eröffnet wird. Seit 2008 nutzt die Hedwig-Wachenheim-Gesellschaft, die unter anderem in der Jugendarbeit tätig ist, die Räume der Galiläakirche für den Aufbau eines Jugendwiderstandsmuseums. Ziel ist es, Schulklassen und Jugendgruppen das Leben junger Menschen in der DDR näherzubringen.

Schon vorab konnte in dieser Woche die 10. Klasse des Händel-Gymnasiums in Friedrichshain die Ausstellung besuchen. Einige haben bereits einen sehr genauen Blick auf die DDR-Jugend, wie zum Beispiel Rebecca. „Die Jugendlichen waren sehr gut über Politik informiert, sie wussten viel mehr als wir heute“, sagt die Schülerin. Anna-Lena wiederum hatte schon von den Punks und den Widerstandsgruppen gehört, die dem Staat trotzten. „Den Jugendlichen wurde zu 90 Prozent vorgeschrieben, was sie zu denken hatten“, fügt Johanna hinzu. Sie sei froh, heute frei über ihr Leben entscheiden zu können. Carl-Johan schließlich sieht in der Ausstellung eine Chance, die Erzählungen seiner Eltern noch besser einordnen zu können.

Die Galiläakirche als Ort der Ausstellung könnte authentischer kaum sein. Pfarrer Gerhard Cyrus hatte seine Kirche zu DDR-Zeiten für Abweichler geöffnet. Berühmt wurde sie unter anderem für die Aufführung von Theaterstücken wie „Wolokolamsker Chaussee“; es gab aber auch Punk-Konzerte zum Gottesdienst. Eineinhalb Jahre hat ein Team um Historiker Dirk Moldt für die Ausstellung recherchiert, Akten und Ordner gesichtet. Viele Dokumente stammen aus dem Bundesarchiv zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, das das Projekt auch finanziell förderte.

Dirk Moldt gehörte seit 1983 zum Kreis von Pfarrer Cyrus. Er hatte lange Haare und eine Wohnung an der Rigaer Straße besetzt. „Jeder, dem es nicht gut geht, soll hereinkommen“, so beschreibt er das Konzept von Pfarrer Cyrus. Er sei offen gewesen, für alle, die nicht weitergewusst hätten. Auf der Empore habe er sich mit den Aussteigern unterhalten, die aus Frust vor der gesellschaftlichen Intoleranz zu ihm geflüchtet waren. Dirk Moldt wusste damals von der Tunnel-Malaktion und hätte sogar mitgemacht, wäre er nicht gerade verreist gewesen. Der damalige Uhrmacher ist heute promovierter Historiker und Buchautor. Als er von dem Ausstellungsprojekt hörte, war er sofort dabei.

Auf mehr als 30 Schautafeln ist jetzt nachzulesen, wie die jungen Leute trotz Repressionen Mut zum Aufbegehren fanden. Im Fokus sind dabei Menschen und Ereignisse aus Friedrichshain. So ist zum Beispiel zu erfahren, dass 1969 in der Samariterstraße 26 die „Kommune 1 Ost“ – als Gegenstück zur „Kommune 1“ im Westen gegründet wurde. Vom ersten Tag an stand sie unter Stasi-Überwachung, schon ein Jahr später wurde sie aufgelöst. Interessant ist auch die Geschichte des Jugendklubs „Die Box“, der 1971 an der Grünberger Straße gegründet wurde und zu Debatten und Filmen einlud. Bis DJ Lord Knuds aus West-Berlin den Klub besuchte und später einen Besuch im Rias empfahl. Das war das Ende der „Box“.

Und schließlich hat auch das Kunstwerk, das „Dem unbekannten Deserteur“ gewidmet ist und vor dem die Stasi kapitulieren musste, einen Platz in der Ausstellung gefunden. Eine Tafel mit der Inschrift ist auf einen mächtigen Betonsockel montiert. Darauf ist eine Stahlschiene angebracht, von der sich ein Strang abspaltet – als Sinnbild, für die Aussteiger, die nicht mit der Masse mitzogen. Die Skulptur entstand 1988 in einer Friedenswerkstatt und wurde neben der Samariterkirche aufgestellt. Eine Provokation, wie die Stasi sofort befand. Doch sie schaffte es nicht, das Kunstwerk zu entfernen. Sie hätte einen Kran anfordern müssen – zu auffällig für eine konspirative Aktion.

„Wartet nicht auf bess're Zeiten“:

Eröffnung 15. Januar, 19 Uhr, Galiläakirche, Rigaer Straße 9–10, Friedrichshain.

Geöffnet: Mo., Di., Mi., Fr., 9.30–16 Uhr, Do., 13–19.30 Uhr, Sbd., 10–16 Uhr, Eintritt frei