Sanierungsgebiete

Berliner Edelkiez erhält die letzten Millionen

Zwei Milliarden Euro hat Berlin in seine Sanierungsgebiete investiert. Davon ist nun nicht mehr viel Geld übrig. Die letzte Millionen werden auch in den Kiez am Helmholtzplatz in Prenzlauer Berg gesteckt.

Foto: Reto Klar

Die Wiederbelebung der Berliner Sanierungsgebiete ist nach Einschätzung der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung in den vergangenen Jahren in den meisten Fällen gelungen. Die Bevölkerungszahl in den elf zuletzt noch ausgewiesenen Gebieten, die hauptsächlich in der östlichen Innenstadt liegen, habe sich um fast 20 Prozent erhöht. Die Quartiere seien in den vergangenen Jahren auch ein „beliebter Wohnort für Familien mit Kindern geworden“, heißt es in einem Zwischenbericht zum Stand der Sanierungsverfahren ans Abgeordnetenhaus. Daraus ergebe sich ein erhöhter Bedarf an Schulplätzen, warnen allerdings die Beamten der Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD). Berlin hat aus eigenen Mitteln sowie aus Förderprogrammen des Bundes und der EU 1,9 Milliarden Euro in die elf Gebiete investiert. Damit wurden unter anderem Spielplätze und Grünflächen angelegt, die Sanierung von Häusern gefördert und Gewerberäume subventioniert.

Insgesamt hatte Berlin seit 1993 das Instrument des Sanierungsgebiets für 22 Quartiere eingesetzt. Kieze wie die Spandauer Vorstadt in Mitte oder der Soldiner Kiez in Wedding sind bereits seit mehreren Jahren nicht mehr Teil des Programms. Derzeit befinden sich noch sieben Gebiete in diesem im Baurecht definierten Status. Vier der Projekte laufen im nächsten Jahr aus. Bis 2012 werden der Teutoburger Platz und der Helmholtzplatz in Prenzlauer Berg sowie Niederschöneweide im Bezirk Treptow-Köpenick noch als Sanierungsgebiete gefördert. Bis zum Ende der Maßnahmen wollen die Planer noch 54 Millionen Euro in den Gebieten ausgeben. Die mit 10,3 und 9,5 Millionen Euro größten Beträge sollen in den Kiez Warschauer Straße (Friedrichshain) und an den Helmholtzplatz (Prenzlauer Berg) gehen.

Frisch renovierte Fassaden, begrünte Balkone und Dachterrassen, moderne Häuser zwischen sanierten Altbauten. Selbst im herbstlichen Grau wirkt der Helmholtzplatz in Prenzlauer Berg einladend und freundlich. Kneipen, Restaurants, Bioläden und Designer-Shops machen den Kiez entlang der Lychener, Lette- und Dunckerstraße lebens- und liebenswert. Da mutet es einigermaßen überraschend an, dass ausgerechnet in diesem aufstrebenden Viertel in den kommenden Jahren mehr öffentliche Mittel in die Aufwertung des Kiezes investiert werden sollen als irgendwo sonst in der Stadt, mit Ausnahme des ebenso angesagten Viertels rund um die Warschauer Straße in Friedrichshain.

Sanierung brachte viele Veränderungen

Insgesamt flossen über die Jahre 2,1 Milliarden Euro in meist in der Innenstadt gelegenen Altbauquartiere. Viele Kieze sind deutlich verschönert worden. Aber die Sanierungen und Modernisierungen haben einiges an Veränderungen gebracht. Die bisherige Bevölkerung, die den Kiez jahrelang prägte, hat die Erfolge der Sanierung nicht miterlebt.

Die Mieten steigen, kleine Läden verschwinden und andere passen ihr Angebot der neuen, kaufkräftigeren Nachbarschaft an. „Viele ältere Anwohner konnten die Mieten nicht mehr zahlen und sind weggezogen“, sagt Jorge Pereira, Geschäftsführer der Bar „Stadtkind“. „Noch gibt es eine angenehme Mischung, es ist sehr persönlich und familiär, aber es ist elitärer geworden.“ Studentenzimmer würden bis zu 500 Euro im Monat kosten, und wenn eine Wohnung für 700 Euro Miete leer wird, dann muss der nächste Mieter 900 Euro zahlen.

In vielen Fällen werden die Wohnungen auch zum Kauf angeboten. Pereira hat in seinem Lokal früher auch Frühstück angeboten, doch das ist jetzt vorbei. „Vor einigen Jahren sind die ganzen Studenten zum Frühstück gekommen. Die sind weggezogen, und die meisten Bewohner hier im Kiez gehen früh arbeiten“, sagt er. Das Frühstück hat er von der Karte gestrichen. Auch bei seinen Fußballübertragungen im Lokal sieht er den Wandel. „Zu einem Hertha-Spiel kommen sehr wenige Gäste, bei den Spielen von Bayern und Stuttgart ist es brechend voll.“

Erst seit einer Woche lebt Henri Kronech am Helmholtzplatz. Der Sportstudent aus Hamburg hatte Glück und fand ein WG-Zimmer für 275 Euro. „Meine Schwester wohnt hier, und mir hat es sofort gefallen“, sagt der Neu-Berliner.

„Die Gründe, aus denen die Menschen früher hier her gezogen sind, gibt es jetzt in dieser Form nicht mehr“, sagt Falk Brödner. „Wer hier wohnen will, muss Doppelverdiener sein.“ Es herrsche zwar immer noch eine tolle Stimmung, aber es sei nicht mehr so preiswert und so locker. Alles sei jetzt viel geschäftsmäßiger. Brödner hat einen Bio-Laden. Begonnen hatte er mit einem Geschäft für Ostprodukte, doch Angebot und Nachfrage haben sich geändert. „Aus geschäftlicher Sicht hat sich der Kiez positiv verändert.“

Oft ist die Stimmung mies

Dass es aber nicht unbedingt das Sanierungsgebiet als Solches ist, das eine Gegend aufwertet, sondern eher der Zuzug von höher Qualifizierten und besser verdienenden, ist in den Kiezen zu sehen, die trotz Sanierungsmaßnahmen weiterhin als problematisch gelten. So hat das Gebiet um die Wederstraße in Neukölln trotz des Einsatzes von 13,3 Millionen Euro in den 15 Jahren seit Beginn der Sanierung 9 Prozent seiner Bewohner verloren. Und auch dem Beusselkiez in Moabit hat die Sanierung, die hier schon 2007 auslief, offenbar kaum geholfen.

Einige frisch gestrichene Fassaden können nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich um einen Problemkiez handelt. „Es hat sich ein wenig äußerlich verändert, aber die Stimmung ist mies“, sagt Udo Kramer. „Es ist ungemütlich.“ Es gibt einen großen Ladenleerstand an der Beusselstraße. Dafür boomen Automatencasinos, Sportbars und Wettlokale. „Es müssen mittlerweile ungefähr 13 Stück sein.“

Das bestätigt auch Kati Lamm. „In nur drei Monaten haben fünf Casinos neu eröffnet.“ Die junge Frau zieht nach nur einem Jahr an der Beusselstraße wieder weg. „Meine Wohnung war nicht schön, und der Vermieter hat auch nichts gemacht.“ Sie zieht nach Friedrichshain. „Jeder, der einen Job hat oder ein wenig Geld, zieht doch von hier weg“, sagt Heinz Meding. „Nachts ist es unsicher auf der Straße, und die nächsten Supermärkte sind an der Turmstraße.“

In Berlin soll das Instrument der Sanierungsbiete aber weiter angewendet werden, auch weil es möglich ist, darüber Städtebaufördergeld des Bundes in die Kieze zu kanalisieren. Nach Auskunft der Stadtentwicklungsverwaltung werden Voruntersuchungen für 13 Gebiete durchgeführt – der erste Schritt, um neue Sanierungsgebiete ausweisen zu können.