Arbeitswelt

Wie ein blinder Berliner seinen Job verlor

Jörg Züfle ist von Geburt an blind. „Ich kann nicht sehen. Das ist alles", sagt er. Scharf kritisiert er die Behandlung von Behinderten in der Arbeitswelt. Bei seinem letzten Job wurde er mit lauter Musik gemobbt.

Foto: Massimo Rodari

Jörg Züfle steht im Supermarkt, horchend, spürend. Kassen piepen, rechts vorn lachen Kinder, weiter hinten fällt etwas Gläsernes zu Boden. Wäre der weiße Stock nicht, man würde sein Blindsein nur an seiner besonderen Aufmerksamkeit erkennen – ein aufmerksamer Konzertbesucher. „Ich könnte ja jetzt am Gemüsestand alles betatschen“, sagt Züfle. „Niemand würde sich empören. Wollen Sie angegrabbeltes Gemüse essen?“ Er bittet einen Kunden, ihm Waren in den Korb zu legen. „Ist besser für die Gurken. Und geht viel schneller.“

Was Jörg Züfle fehlt: die Demut, die manchmal von behinderten Menschen erwartet wird. „Ich bin nicht behindert“, sagt er. „Ich kann nicht sehen. Das ist alles.“ Er legt das Gemüse zurück, der „Einkauf“ war nur fürs Foto gedacht. Viel kann er sich momentan nicht leisten. Jörg Züfle, 39 Jahre alt, ist arbeitslos. Er ist Kaufmann für Telekommunikation, hat zwölf Jahre in der kaufmännischen Leitung einer Kinder- und Jugendeinrichtung im Schwarzwald gearbeitet. 2007 verlor er den Job und kam nach Berlin in der Hoffnung auf Arbeit, Anschluss, ein neues Leben. Wenig davon hat bisher geklappt.

Wieder auf der Straße, steuert Züfle auf die Fußgängerampel zu, die im Verkehr leise klackt – eine Blindenampel. Er höre meist nicht auf das Signal, sagt er, sondern auf den fließenden Verkehr. „Wenn die Autos drüben stoppen, erkenne ich, dass es für mich grün sein muss. Oder ich frage Passanten.“ Berlin gilt als behindertenfreundliche Stadt, mehr als die Hälfte der Ampeln sind blindengerecht. Was aber bedeutet: Die andere Hälfte ist es nicht. „Über die muss ich ja auch rüber“ sagt Züfle und marschiert los.

Am Arbeitsplatz drehten sie die Musik auf

Wie lebt man, wenn man nichts sieht? „Ganz normal, hätte ich bis vor Kurzem gesagt.“ Züfle rückt die Sonnenbrille zurecht, er lächelt nicht. „Inzwischen musste ich akzeptieren, dass ich zu einer Randgruppe gehöre.“ Das meint er ironisch. Genau zwei Monate ging sein Berliner Leben gut – er arbeitete in einer Vertriebsfirma im Telefonverkauf, bis er merkte, dass die Produkte, die er verkaufen sollte, nicht in Ordnung waren. „Die Firma agierte am Rande des Betrugs, ich wollte damit nichts zu tun haben.“ Als er seine Vorgesetzten darauf ansprach, „lief im Büro plötzlich ununterbrochen laute Technomusik“. Für Blinde ist Lärm, was für Sehende Dunkelheit ist. „Laute Geräusche nehmen einem jede Orientierung.“ Er hielt die Musik zunächst für Gedankenlosigkeit. „Aber dann war plötzlich mein PC untauglich.“ Als er noch krankgeschrieben wurde, verlor er den Job. Inzwischen ist sein Verdacht: „Ich wurde wohl nur als soziales ‚Aushängeschild’ angestellt.“

Jörg Züfle wird jetzt noch wütend, wenn er daran denkt, aber er beherrscht sich. Er habe früh gelernt, seine Kräfte zu messen, sagt er. „Ich bin gut im Armdrücken.“ Er grinst. Im Schwarzwald, wo er behütet aufwuchs, lernte er schon als Kleinkind schwimmen und Ski fahren. „Meine Eltern wollten, dass ich selbstständig werde.“ Doch als er mit elf Landesjugendmeister im Skilanglauf der Behinderten wurde, stoppte ihn die ungerechte Wirklichkeit: „Gegen die Sehenden durfte ich nicht antreten, obwohl es dafür keine Begründung gab.“

Wer blind ist, hat eben behindert zu sein: Auf seiner Jobsuche habe er das wieder und wieder erfahren, sagt Züfle. So lud ihn eine große Kosmetikfirma in Düsseldorf ein. Der Personalchef führte viele Gespräche mit ihm – „dann hörte ich nichts mehr. Vielleicht hat man sich einfach nur gern mit mir, dem Blinden, unterhalten?“ Als er, inzwischen auf Hartz IV, Wohngeld beantragen wollte, „riet man mir, ich solle doch gleich Rente beantragen. Jemand wie ich finde ohnehin nie wieder einen Job.“ Doch er machte weiter, trampte zu Vorstellungsterminen, sparte.

Für Geburtsblinde "nicht geschult"

Und hörte sich weitere Ratschläge an. Umschulungen, Rehamaßnahmen, Anträge auf Zuschüsse und milde Gaben. „Aber ich will mein Geld selbst verdienen.“ Schließlich kam ein hoffnungsfroher Anruf: „Man habe eine feste Stelle für mich, hieß es. Und dann stand ich in einer Behindertenwerkstatt!“ Züfle schluckte seinen Ärger hinunter. „Ich kann arbeiten, in mehr Berufen als viele andere“, sagt Züfle. „Mir fehlt nichts außer einem Job – und jemandem, der an mich glaubt.“

Der Lapsus war ausgerechnet den Experten des Berliner Integrationsfachdienstes unterlaufen. Sieben Spezialisten bemühen sich um Arbeit für Menschen mit Handicaps – meist solche, die durch Unfälle oder Krankheit zu Rehafällen wurden. Für gut ausgebildete „Geburtsblinde“ sei man nicht geschult, heißt es.

Das Recht auf Gleichbehandlung ist im Grundgesetz verankert. Von einem Recht auf Karriere, auf ein höheres Einkommen als in Fördermaßnahmen oder Behindertenwerkstätten steht nichts darin. Stephan Großgerge, Diplom-Rehapädagoge, arbeitet seit zwei Jahren an diesem Problem – in der beruflichen Beratung von behinderten Menschen. „Taktilum“ heißt sein Verein. „Im Vordergrund steht bei uns nicht die Schädigung, sondern die Fähigkeiten des Einzelnen.“ Mit seiner Hilfe hat Züfle inzwischen wieder eine Tastatur mit Blindenschrift und einen geliehenen Laptop. Gut 20.000 Euro kostet eine solche Anlage. „Zwar wird ein solcher Computer gefördert“, sagt Großgerge, „aber erst, wenn ein Arbeitsvertrag vorliegt. Doch wie sollen sich blinde Menschen ohne die Technik um Arbeit bewerben?“

Mehr als 1000 Bewerbungen hat Züfle verschickt – erfolglos. Dabei wären die Bedingungen für die Einstellung von Blinden in Deutschland eigentlich gut, dank Gesetzen, Zuschüssen und Förderung. Wie schwer die Suche dennoch ist, erforscht zurzeit der Marburger Arbeitsmarktexperte Heinz Willi Bach in einer aktuellen Studie. Bach, 60, ist selbst glaukomgeschädigt. „Dass ich heute überhaupt noch ein wenig sehen kann, grenzt an ein Wunder“, sagt er. Sein Augenlicht konnte durch Operationen teilweise gerettet werden. Bach arbeitet am PC mit einer speziellen Software, vergrößerter Schrift und der „Sprachausgabe“ am Computer: Eine synthetische Stimme liest Texte vor. Was für den Laien penetrant klingt, nennt Bach „das Beste, was es gibt“.

Aggressivität auf der Straße gegen Behinderte

Bach war lange Berater im höheren Dienst bei der Bundesanstalt für Arbeit in Mannheim. Später ging er als Dozent für Arbeitsmarkt- und Behindertenfragen an die dortige Hochschule. Für seine Studie hat er mehr als 300 Blinde und Sehbehinderte aus akademischen und verwandten Berufen befragt. Sein Fazit: „Wer gut ausgebildet und kompetent ist, hat zum Beispiel in den IT-Bereichen heute recht gute Chancen.“ Andere versuchten jedoch trotz guter Qualifikation seit Jahren vergeblich, Fuß zu fassen. Entscheidend sei zum einen die fachgerechte Beratung, so Bach: „Es fehlen die Spezialisten, in der Bundesagentur für Arbeit und erst recht in den Hartz-IV-Ämtern“. Immerhin gebe es in Bonn die Vermittlungsstelle für behinderte Akademiker.

Das Wichtigste aber sei das Selbstvertrauen, sagt Bach. „Im Alltag begegnen Blinde immer wieder kränkenden Äußerungen, ungerechtfertiger Kritik, persönlichen Angriffen.“ Dazu komme oft eine gewisse Scham. „Weil heute die meisten Sehschäden erst im Laufe des Lebens auftreten, erinnern sich die Betroffenen an das Bild des ‚ungeschickten Blinden’ und leiden an der Vorstellung, nun selbst so zu erscheinen.“ Bach veranstaltet Seminare, um damit besser zurechtzukommen. In Rollenspielen wird geübt, auf Vorurteile schlagfertig zu reagieren. Im kommenden Jahr, sagt Bach, plane er einen erweiterten Kurs „Qi Gong und die Selbstverteidigung mit dem Langstock.“ Denn auch wenn die Akzeptanz von Menschen mit Behinderungen im Alltag sehr gestiegen sei, sagt er, „nimmt leider die Aggressivität auf der Straße zu“.

Anja R. (Name geändert) ist ein Beispiel für das Selbstbewusstsein, das Bach meint. Einen typischen „Blindenberuf“ habe sie nicht, Anja R. lächelt, „aber es war eben mein Traumjob“. Die 34-Jährige arbeitet im gehobenen Dienst des Auswärtigen Amtes. „Ich hatte schon immer Spaß an Sprachen, wollte die Welt sehen.“ Ihre Bewerbung stellte die Auswahlkommission der Fachhochschule des Bundes jedoch vor ein Problem. Anja R. ist blind. „Wenn in der Kommission nicht jemand Erfahrung mit einer blinden Mitarbeiterin gehabt hätte, wäre ich wohl nicht hier.“ So aber konnte sie die Ausbildung beginnen – als einzige sehbehinderte Studentin.

Viele zahlen lieber, statt einzustellen

Doch für Ausbilder und Arbeitgeber sind oft nicht Gesetze und Zuschüsse entscheidend, um schwerbehinderte Menschen einzustellen, sondern praktische Erfahrungen. Auch Anja R.s Gymnasium in Schleswig-Holstein ließ sich erst nach vielen Bitten der Eltern auf die blinde Schülerin ein. Anja R. lenkt den Blick darauf, wie die Hindernisse gemeistert wurden. „Ich hatte viele Freunde, die mir die Wege zeigten. Die Lehrer erstellten digitale Dateien für den PC oder bestellten Reliefs mit Landkarten bei Spezialbibliotheken.“ Nach dem Studium in Bonn zog sie nach Berlin zu ihrer ersten Arbeitsstelle beim Auswärtigen Amt. „Danach war ich vier Jahre in Dänemark, inzwischen bin ich wieder hier.“ Wieder das gewinnende Lächeln, das ihr auch im Arbeitsalltag manches erleichtern mag – bei schwierigen Telefongesprächen zum Beispiel. Ein Lächeln kann man hören. Das wissen selbst Menschen, die sehen können.

Anja R.s Büro liegt im Neubautrakt des Amtes. Türen und Flure sind breit und barrierefrei, die Knöpfe im Fahrstuhl tragen Brailleschrift. Ihr Arbeitsplatz hat einen Computer mit Braillezeile und normaler Computertastatur, außerdem arbeitet ein Assistent für sie, der zu ihrer Unterstützung eingestellt wurde. Er legt nach ihren Anweisungen Akten ab oder entziffert handschriftliche Texte.

Auf dem Flur kommt ein Kollege vorbei – im Rollstuhl. Auch für Mitarbeiter mit Behinderungen gelte hier uneingeschränkt das Leistungsprinzip, betont man im Auswärtigen Amt. Von etwa 6900 Beschäftigten seien rund 300 behindert, davon 250 schwerbehindert, damit ist die gesetzliche Quote erfüllt. Das ist nicht selbstverständlich. Viele Arbeitgeber zahlen lieber die Ausgleichsabgabe.

Wohl auch deshalb sucht Jörg Züfle weiter nach einem Job. Er hat inzwischen Werbeslogans geschrieben und ein Buch – mit Hilfe einer sehenden Bekannten. 136 Seiten hat die Geschichte eines kleinen Jungen, der schwimmt, taucht, Ski fährt und seine Zwillingsschwester beschützt, die viel kleiner ist als er. „Nach der Geburt musste sie in den Brutkasten. Mich legte man aus Sorge dazu, mir könne auch etwas fehlen.“ Dies war Ursache seiner Blindheit, sagt Züfle: eine Überdosis Sauerstoff im Brutkasten schädigte den Sehnerv. Sozusagen eine Überdosis des Gutgemeinten, von dem es heißt, es sei oft das Gegenteil des Guten. Wer wissen will, wie die Welt eines ganz normalen Blinden aussieht, sollte Züfles Buch lesen. Nur: Man kann es nicht lesen. Noch nicht. Er sucht noch einen Verleger.