Medizin

Berliner Chirurgen retten Bein von georgischem Jungen

| Lesedauer: 6 Minuten
Tanja Kotlorz

Foto: Massimo Rodari

Der Kunstfertigkeit von Berliner Ärzten hat es ein Junge aus Georgien zu verdanken, dass sein zerschossenes Bein gerettet wurde. Die OP dauerte acht Stunden.

Ein Dummejungenstreich ist Rati zum Verhängnis geworden. Fast hätte er sein linkes Bein verloren. Nur durch die Berliner Ärzte hat der Junge aus Georgien sein zerfetztes Bein behalten und die Chance, eines Tages wieder hinter einem Bus herzusprinten oder eine Freundin zum Tanz aufzufordern.

Es war der 8. April 2005, als sich das Unglück ereignete. Rati, der eigentlich aus dem 2645 Kilometer Luftlinie von Berlin entfernten Tiflis stammt, machte gerade mit seiner Familie Urlaub auf dem Land. Sie waren in dem Dorf Tsinarekhi zu Besuch. Rati ist zu dem Zeitpunkt neun Jahre alt, sein Bruder Tornig ist schon 15.

Es ist etwa 19 Uhr, als Tornig an diesem Apriltag die Idee hat, das Jagdgewehr aus dem Schrank zu stibitzen und Wachteln zu jagen. Natürlich begleitet Rati seinen älteren Bruder. Mutter Nino weiß nichts von dem gefährlichen Spiel ihrer beiden Söhne. Die Jungen gehen also in den Wald, um Federvieh zu schießen. Da springt ihnen plötzlich ein Jagdhund entgegen. Tornig erschreckt sich. Ein Schuss löst sich aus der Schrotflinte und plötzlich bricht Rati zusammen. Er ist sofort ohnmächtig, alles ist voller Blut. Sein Bruder Tornig bricht in panisches Geschrei aus. Die Mutter der Brüder hört sein Gebrüll und läuft – ebenso wie andere Dorfbewohner – vor die Tür. Mit vereinten Kräften wird der schwer verletzte Rati in das Dorfkrankenhaus transportiert.

Dort verschließen die Ärzte die zerstörten Arterien an der linken Lende und am linken Bein. Noch in der Nacht um zwei Uhr wird der schwer verletzte Neunjährige weiterverlegt in eine Klinik in der georgischen Hauptstadt Tiflis.

Mission: Ratis Bein retten

Die Ärzte in der Millionenmetropole sind geschockt über das zerfetzte Bein. Die Schrotladung bestand aus etwa 50 winzigen Metallkügelchen, die nun alle im linken Oberschenkel stecken. Fettgewebe, Muskeln, Sehnen und Nerven – alles wurde verletzt. Die georgischen Ärzte sind machtlos, raten dem Jungen, das Bein amputieren zu lassen. Doch die Familie will sich nicht mit dem Schicksal abfinden. Ratis Bein wird nicht abgenommen.

Natia Gabecheva, eine georgische Studentin, die in Berlin Germanistik und Informatik studiert, hört einige Zeit später von Ratis Schicksal. Sie und der Deutsch-Russische Integrationsverein in Mönchengladbach starten eine Hilfsaktion für den Jungen. Sie wollen, dass Rati sein Bein behalten und den Fuß wieder bewegen kann. Denn: Inzwischen ist sein Unterschenkel nahezu gelähmt. Rati humpelt auf der Außenkante des linken Fußes durchs Leben.

Dank finanzieller Zusagen seitens „Bild hilft e.V – Ein Herz für Kinder“, der „Franz Beckenbauer Stiftung“, der „Katarina Witt Stiftung“ und der AWD-Stiftung kann Rati nach Deutschland fliegen, um hier operiert zu werden. Die vier Stiftungen übernehmen die Operationskosten in Höhe von 20.000 Euro. Seit dem 20. September 2010 ist Rati in Begleitung seiner Mutter, einer Musiklehrerin, hier in Berlin. Unbürokratisch hatte die Deutsche Botschaft in Tiflis die Hilfsaktion unterstützt und Visa ausgestellt.

Der Retter von Ratis Bein ist Doktor Nektarios Sinis. Der 35-jährige Berliner Mediziner mit griechischen Wurzeln ist leitender Oberarzt der Plastischen Chirurgie im Martin-Luther-Krankenhaus in Charlottenburg-Wilmersdorf, das von der „Paul Gerhardt Diakonie“ getragen wird. Sinis ist ein Spezialist, wenn es darum geht, Sehnen zu verlängern, Nerven zu retten und Arterien wieder anzuschließen. Seine Arbeit ist sehr blutig und auch sehr diffizil, wie die Fotos auf seinem Computerbildschirm belegen. „Alles war bei Rati kaputt: Arterien, Venen, Nerven, Muskelmasse“, beschreibt der Arzt den Zustand seines Patienten. Seine Kollegen hatten das Bein im Prinzip bereits aufgegeben.

Nicht aber Sinis. Zunächst will er die „groteske Fehlstellung“ des linken Fußes im Sprunggelenk korrigieren. Weil wichtige Nerven und Arterien verletzt wurden, muss Rati auf der Außenseite des zu 80 Grad nach innen gekippten Fußes laufen. Jeder Schritt bereitet dem Jungen große Schmerzen. In einer dreieinhalbstündigen Operation schneidet Sinis den Fuß auf, verlängert mehrere Sehnen, die zu den Zehen führen, lagert eine Sehne um den Fuß herum und korrigiert so die Fehlstellung. Damit Rati den Fuß nicht abkippt und die gerade zusammengenähten Sehnen wieder zerreißt, wird ein Draht durch das Sprunggelenk geführt. Außerdem wird der Fuß, der nun wieder eine korrekte Stellung hat, eingegipst.

Achtstündiger Operationsmarathon

Nun muss Sinis den zerstörten Oberschenkel aufbauen. Der Oberschenkelmuskel ist nahezu verschwunden. Stattdessen hat Rati dort eine große Narbe. Ein aktuelles Röntgenbild zeigt immer noch das Ausmaß der inneren Zerstörung. Überall sind kleine Metallkugeln der Schrotladung zu sehen. „Wenn ein Chirurg so etwas sieht, dann hat man erst mal Angstschweiß auf der Stirn, wenn man da reinschneiden soll“, gesteht der Operateur. Auch das feine Geflecht der Nerven und Arterien ist nämlich verletzt. Der Arzt darf keine weiteren von ihnen verwunden, sonst ist das Bein des Jungen für immer verloren. In einer achtstündigen Operation manövriert Sinis sein Skalpell und die übrigen Instrumente an den Schrotkugeln vorbei. Der Chirurg ersetzt einen Nerv und transplantiert ein großes Stück Haut mit dem dazugehörigen Fettgewebe darunter vom gesunden Oberschenkel auf das verletzte linke Bein. Damit will er das verwundete Bein wieder aufbauen. „Das war ein anspruchsvoller Eingriff“, resümiert der Mediziner.

Es hat sich prominenter Besuch am Krankenbett eingefunden: Gabriela von Habsburg, Botschafterin von Georgien, ist ins Martin-Luther-Krankenhaus ins Zimmer 441 gekommen, um Rati zu besuchen. Sie findet es „großartig“, dass es solche wichtigen Hilfsinitiativen gibt. Letztlich habe Rati den „fantastischen Ärzten“ in Berlin viel zu verdanken.

Zehn Operationen hat der Teenager aus Tiflis seit dem Unfall hinter sich. Wenn alles gut geht, und danach sieht es im Moment aus, wird er in ein paar Wochen aufstehen dürfen. Er wird herumlaufen und Fahrrad fahren können. Ein Triathlet wird er wohl nicht mehr. Aber er wird auf beiden Beinen durchs Leben laufen. Bis vor kurzem erschien das noch undenkbar.