Stadtführungen

Wie Berliner zu rasanten Schnitzeljägern werden

In Berlin greift das große Rätselreisen um sich. In zusammengewürfelten Grüppchen mit Namen wie "Schwangere Auster", "Goldelse" oder "Telespargel" wagen sich Urberliner, Neuberliner und Touristen auf einen Stadtrundgang der besonderen Art.

Bei der Schnitzeljagd durch Berlins historische Mitte gilt es rund 30 Fragen zu einer Strecke vorbei am Berliner Dom und anderen Sehenswürdigkeiten zu beantworten. Organisiert wird die Tour von Berlin Rallye: einem Unternehmen, das sich auf die spannende Jagd durch Architektur und Geschichte der Stadt spezialisiert hat.


Die "Schwangere Auster" wetteifert an diesem Sonnabendnachmittag mit drei weiteren Teams um den Sieg. Während bei einigen Fragen zum Beispiel nach dem Ursprung des Namens "Alexanderplatz" das Handy mit Internet-Zugang helfen konnte, gilt es für alle Teilnehmer stets eine besonders harte Rätselnuss zu knacken. "Was ist der G-Punkt des Nikolaiviertels?" Da können selbst 25.000 Wikipedia-Einträge aus dem Netz nicht weiterhelfen.

Einige der sechs "Austern" schleichen um die Nikolaikirche, andere bücken sich um zwischen Baugerüsten nach einem Hinweis zu suchen. Der Rest hastet von einem Laden zum nächsten, um die ortskundigen Verkäufer zu befragen. Der Ehrgeiz ist groß und die Laune gut. "Der G-Punkt?", fragt der verwirrte Mann im Buchladen. "Nee, davon hab ich noch nie etwas gehört." Seit er in dem Geschäft arbeite, werde er danach gefragt. Verraten habe es ihm aber noch niemand. Und das ist auch so beabsichtigt.

"Bei dieser Frage bekommen wir immer die lustigsten Antworten", sagt Silvia Ryrko von Berlin Rallye. Gefunden haben den G-Punkt nur wenige Schnitzeljäger, denn - so viel sei verraten - es gibt es ihn tatsächlich. Immerhin geben die Veranstalter am Ende der Tour allen erfolglosen Teilnehmern preis, was es damit auf sich hat. Mit der Bitte, es für sich zu behalten. "Es wäre schade, wenn jemand die Lösung verrät", sagt Silvia Ryrko.

Schon 2005 hat die Eventmanagerin ihre erste Schnitzeljagd für eine Firma organisiert. "Die Idee kam mir durch einige Familienbesuche", sagt sie. Der Cousin ist Architekt und wollte die Architektur Berlins entdecken, die Tante wiederum wollte lieber eine Schlössertour machen. "Also habe ich mir überlegt, wie man das alles unter einen Hut bringen kann." Schließlich gründete sie das Unternehmen Berlin Rallye und bietet seitdem hauptberuflich verschiedene Schnitzeljagden an. Ob eine Marlene-Dietrich-Tour, eine Jagd vorbei an Mauerstandorten oder eine Kiezrallye durch Charlottenburg - fast alles ist möglich.

Bei Firmenausflügen kommt es vor, dass für einen Teil der Strecke Fahrrad oder Roller genutzt werden. Und auf der Weihnachtsrallye gibt es sogar Kutschen und Glühwein. "Beliebt sind aber auch die offenen Rallyes", sagt Ryrko. Sie finden von Frühling bis Herbst jeden Sonnabend statt und für 30 Euro kann teilnehmen, wer möchte - Überlebenspaket und Sektempfang inklusive.

Fragen wie die nach dem G-Punkt des Nikolaiviertels sollen dabei für die nötige Prise Humor sorgen. Im Vordergrund stehen aber die Geschichte und Architektur der Mitte Berlins. So gibt die Schnitzeljagd Einblick in die Geschichte der Berliner Juden und Teile der baulichen Entwicklung der Stadt. Passend zu den Fragen finden sich im Aufgabenbuch Hintergrundinformationen und kleinere Anekdoten.

Die Strecken hat sich die Eventmanagerin selber ausgedacht. Bis heute läuft Ryrko sie regelmäßig ab. "Das ist wichtig, denn manchmal fehlt plötzlich eine Brücke oder die Tour ist aus anderen Gründen gesperrt." Fragen und Strecken müssen immer wieder angepasst werden. Das Teilnehmerfeld ist bunt gemischt. Ryrko hat schon Schnitzeljäger im Alter von 15 bis 88 Jahren gesehen. Ob Tourist oder Berliner mache keinen Unterschied. Die Fragen gebe es auf Deutsch und Englisch. Mit dabei sind an diesem Nachmittag auch Monika Rolke (38), die schon seit Jahren in Berlin lebt, und ihr Lebensgefährte aus Mitte. "Man sagt ja immer, dass die Berliner ihre Stadt am schlechtesten kennen, und das wollten wir ändern", spricht's und verschwindet. Schließlich gilt es bis 18 Uhr noch viele Fragen zu lösen.

Fast zweieinhalb Stunden später sind die Beine schwer, die Mägen leer, das Fragenbüchlein voll und alle zufrieden. Selbst die Urberliner erzählen begeistert, dass sie bei der Rallye noch etwas dazu gelernt hätten. Bevor es zur Preisverleihung geht, werden noch schnell Telefonnummern ausgetauscht. Auch als Kontaktbörse scheinen die Rallyes beliebt. "Wir hatten schon Pärchen, die sich hier kennengelernt haben und alte Schulfreunde, die sich wiedergetroffen haben", erzählt Silvia Ryrko. Vielleicht werde es schon bald auch eine Tour eigens für Singles geben.

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