Ausgesetzt

Jugendamt übergibt Findelkind nicht an Tante

Eine Ladendiebin hat in Berlin einen kleinen Jungen im Kinderwagen im Geschäft zurückgelassen. Nun hat sich eine Verwandte beim Jugendamt gemeldet. Doch die Mitarbeiter dort schickten sie wieder fort.

Der kleine Junge, der am Sonnabend von einer Ladendiebin auf der Flucht einfach in einem Supermarkt zurückgelassen worden war, ist identifiziert: Nach Informationen von Morgenpost Online meldete sich am Montag die Tante des Kleinkindes beim Jugendamt. Sie wollte den Jungen abholen. Doch der Plan ging nicht auf: „Wir haben den Jungen in Obhut genommen“, sagte Monika Goral, Leiterin des Jugendamtes in Mitte. Die Fachdienststelle des LKA 125 hat die weiteren Ermittlungen wegen Verletzung der Fürsorge- und Aufsichtspflicht übernommen.

Vorangegangen waren jedoch Überlegungen des Jugendamtes, das Kind sofort wieder in die Familie zu geben. Die Mitarbeiter entschieden sich dann doch dagegen und ordneten an, dass der Junge, dessen Alter auf ein bis eineinhalb Jahr geschätzt wird, so lange beim Kindernotdienst betreut wird, bis sich Sozialarbeiter ein genaues Bild über die häusliche und soziale Situation der Familie gemacht haben. Das soll am Dienstag passieren. „Mitarbeiter des Jugendamtes werden die Familie besuchen und erste Gespräche führen. Wir wollen mögliche Probleme erkennen, um dann die richtige Hilfe anbieten zu können“, erklärte die Leiterin der Behörde. Sie bestätigte, dass sich das Kind gut gepflegt und wohlauf ist.

Außerdem stehen noch die Ermittlungen wegen des Diebstahls an. Und die Polizei muss klären, ob es sich bei der Diebin um die Mutter des Kindes handelt oder um eine Verwandte oder Freundin. Die 30- bis 40-jährige südeuropäisch aussehende Frau war am Sonnabendnachmittag in einem Netto-Markt an der Kurfürstenstraße dabei beobachtet worden, wie sie mehrere Packungen Hackfleisch und Seife stahl. Sie war in Begleitung von zwei minderjährigen Mädchen und dem kleinen Jungen. Als sie von einer Mitarbeiterin des Marktes angesprochen wurde, flüchtete die Täterin mit den Mädchen und ließ den Kinderwagen mit dem Jungen zurück.

Ob der Kleine durch die Vorfälle traumatisiert wurde, kann im Moment noch nicht eingeschätzt werden. „Stabile Kinder können traumatische Erlebnisse gut verarbeiten“, sagt Andreas Wiefel, Experte für Kinder- und Jugendpsychiatrie, ohne sich auf den konkreten Fall zu beziehen. Ausschlaggebend sei, ob es sich um ein einmaliges Krisenerlebnis handele oder ob das Kind solchen Ängsten bereits öfter ausgesetzt war.