Sprachförderung

Was Berliner Schulen für die Integration tun

Sprachkenntnisse sind die Grundlage für eine erfolgreiche Integration und schulischen Erfolg. Zwei Berliner Schulen verfolgen dabei ganz unterschiedliche Wege: Deutsch-Garantie-Klasse oder Kooperationsunterricht auf Türkisch. Morgenpost Online stellt die Modelle vor.

Foto: Marion Hunger

Integration ist gegenwärtig das große Thema. Vor allem Schulen müssen sich fragen lassen, was sie dafür tun, Migrantenkinder zu fördern und ihnen eine Chance auf Teilhabe an der Gesellschaft zu ermöglichen. Sprachförderung gilt dabei als wichtigste Voraussetzung für gelingende Integration. In Berlin gibt es verschiedene Modelle, wie Deutschkenntnisse der Schüler gefördert werden können. Zwei davon stellen wir vor.

Helin und Hazal melden sich voller Inbrunst. Die beiden wissen genau, was Blau auf Türkisch heißt. Am liebsten würden sie das richtige Wort laut in die Klasse rufen. Doch ihnen ist klar, dass Lehrerin Angelika Tiedemann das nicht gern hat. Sie fordert schließlich Helin auf, das türkische Wort zu nennen: „mavi“ kommt es wie aus der Pistole geschossen. Als alle Farben in beiden Sprachen an der Tafel stehen, bittet Angelika Tiedemann ihre Schüler, die Wörter in ihre Hefte zu schreiben. Eigentlich müsste ihre türkische Kollegin in dieser Stunde gemeinsam mit ihr vor der 2b stehen. Aber Rüya Yurttgül ist krank, deshalb muss Angelika Tiedemann heute auch den türkischen Part bestreiten.

Sogenannte Kooperationsstunden, in denen Deutsch und Türkisch gelernt werden, gehören an der Rixdorfer Grundschule in Nord-Neukölln zum Schulprofil. Für jeweils eine Klasse pro Jahrgang steht dieser Unterricht auf dem Stundenplan. „Bei uns sind es immer die B-Klassen“, sagt Schulleiterin Anke Peters. Diese Klassen haben in den ersten vier Schuljahren fünf Stunden Türkisch zusätzlich pro Woche, in der 5.und 6.Klasse sind es dann drei zusätzliche Stunden. Hinzu kommen fünf bis sieben Kooperationsstunden pro Woche. In dieser Zeit bestreiten eine deutsche und eine türkische Lehrerin gemeinsam den Unterricht. Die deutschen Kinder können auch an der Türkisch-AG teilnehmen, in der sie zwei Stunden pro Woche mit der türkischen Sprache vertraut gemacht werden. „Am Ende der sechsten Klasse können sich diese Schüler zumindest in den Grundlagen gut auf Türkisch verständigen“, sagt Peters.

Die Rixdorfer Grundschule hat gute Erfahrungen mit dem Türkisch-Unterricht gemacht. „Unsere Schüler schneiden zum Beispiel besser bei den Vergleichsarbeiten (Vera) ab. Sie bringen Leistungen, die im berlinweiten Durchschnitt liegen“, sagt Schulleiterin Anke Peters. Kinder aus den Klassen mit Türkisch-Unterricht würden zudem häufiger eine gymnasiale Empfehlung bekommen. Das Wichtigste aber sei, dass die Schüler besser Deutsch lernen würden, wenn sie ihre Muttersprache beherrschen, so Peters.

Anders arbeitet die Gustav-Falke-Schule in Wedding. Dort gibt es zum Beispiel eine Deutsch-Garantie-Klasse. Sie wurde eingerichtet, um vor allem deutsche und bildungsnahe Eltern aus dem angrenzenden Kiez Alt-Mitte anzuziehen. In der Modellklasse sitzen nur Kinder, die einen Sprachtest absolviert und mit sehr guten Ergebnissen (mehr als 80 von 100 Punkten) bestanden haben. „Die Hälfte von ihnen kommt aus deutschen Elternhäusern“, sagt Schulleiterin Karin Müller. Ansonsten seien elf Nationen in der Klasse vertreten. Da die Kinder keine Förderstunden in deutscher Sprache brauchen, bekommen sie zusätzlich naturwissenschaftlichen Unterricht (Nawi). Die Deutsch-Garantie-Klasse mit dem Nawi-Profil ist mit 24 Schülern voll. Keiner sei am Schuljahresanfang noch abgesprungen, sagt die Rektorin. Daher gebe es nun bereits eine Warteliste. 35 Kinder hatten sich zum Deutschtest angemeldet.

"Nicht alle haben ihn geschafft, auch deutsche Kinder nicht“, sagt Karin Müller. Sie hält nicht unbedingt die Mischung der Kinder in einer Klasse, sondern den altersgemäßen Sprachstand für eine Grundvoraussetzung, um eine Klasse erfolgreich zu unterrichten. Das sieht auch Sabine Grycke so. Sie ist Klassenlehrerin der Deutsch-Klasse und sagt: „Es ist ein leichteres Arbeiten, Lernfortschritte lassen sich schneller erzielen.“ Das sei auch den Eltern geschuldet, die oft bildungsorientiert und bei Problemen ansprechbar sind. Schließlich bedeuteten sehr gute Sprachkenntnisse noch nicht, dass alle Kinder gleich leistungsstark seien.

In ihrer Klasse stehen an diesem Tag die Anlaute auf dem Stundenplan. Die Kinder müssen Buchstaben in einer Tabelle ergänzen. Als Erster ist Almin fertig, es folgen Keno, Tamer und Frida. Sie sind nicht nur schnell, sie haben auch alles richtig. Die anderen folgen rasch. Das Tempo überrascht an diesem Tag sogar die Lehrerin. Schulleiterin Karin Müller hat 150 Kinder in ihrem Einzugsgebiet, die im kommenden Schuljahr eingeschult werden. Sie hofft, dass viele Eltern ihre Kinder ab dem 25.Oktober an ihrer Schule anmelden. Detlef Wingerath gehört dazu. Seine Tochter Luise kommt nächstes Jahr zur Schule, deshalb will er sich mehrere Schulen ansehen. Am Tag der offenen Tür ist er an die Gustav-Falke-Schule gekommen. „Nur, weil die Schule in Wedding ist, muss sie ja nicht schlecht sein“, sagt der Künstler aus Alt-Mitte. Er habe einen guten Eindruck. Über die Deutsch-Klasse hat er sich im Internet informiert. Sollte er seine Tochter an der Schule anmelden, habe er schon ein Interesse, sie in der Modellklasse unterzubringen, sagt der Vater.

Auch an der Rixdorfer Grundschule in Neukölln können sich die Eltern vom 25.Oktober an anmelden. Das Interesse an der Klasse mit Türkisch-Unterricht bringt der Schule auch Schüler aus anderen Kiezen. „Bisher wurden immer so viele Kinder angemeldet, dass wir eine Klasse voll bekommen haben“, sagt Schulleiterin Anke Peters. Dass nicht mehr Grundschulen Türkisch-Unterricht anbieten, findet sie schade. Vor einigen Jahren seien es noch zwanzig Schulen gewesen, inzwischen nur noch fünf. „Dieses Unterrichtsmodell ist sehr anstrengend und arbeitsaufwendig“, sagt die Schulleiterin. Außerdem fehle es an türkischen Kollegen, um das Tandemprinzip umzusetzen. Dabei sei das Modell erfolgreich. „Neben dem Effekt, dass die Schüler die deutsche Sprache besser lernen, ist es wichtig für sie, dass sie sehen, dass ihre Muttersprache ernst genommen wird.“ Das stärke das Selbstbewusstsein der Kinder und motiviere sie, Schule ernst zu nehmen.