Gutachten

Berliner Dealer Arub M. ist bereits 15 Jahre alt

Gegenüber der Berliner Polizei hatte Arub M. stets angegeben, er sei erst elf Jahre alt. Gutachten haben jetzt das wahre Alter des Heroinhändlers ans Licht gebracht. Er kann folglich also strafrechtlich belangt werden.

Foto: Steffen Pletl

Stück für Stück kommt die Wahrheit über die angeblich strafunmündigen Kinderdealer ans Licht. Zumindest was das Alter der jungen Kriminellen betrifft. Arub M. hatte vorgegeben, er sei erst elf Jahre alt. Der arabischstämmige Junge, der im Sommer immer wieder beim Verkauf von Heroin in Kreuzberger und Neuköllner U-Bahnhöfen gefasst und von der Polizei laufen gelassen werden musste, ist tatsächlich etwa 15 Jahre alt. Das hat jetzt das Gutachten zur Altersbestimmung ergeben, bestätigte die Berliner Staatsanwaltschaft. Außerdem sei Anfang der Woche die Untersuchung eines vermeintlich zwölf Jahre alten Drogenhändlers durch einen Experten in Bad Saarow erfolgt. Das Ergebnis dieser Altersbestimmung stehe indes noch aus. Es dürfte Ende dieses Monats vorliegen.

Schon der zweite Fall

Arub M. gilt – so das Ergebnis des Gutachtens – nun juristisch als Jugendlicher. Bislang war er aufgrund seines Alters ein Fall für Jugendämter und -heime, nicht für ein Gericht. „Die Kriminalpolizei kann jetzt die Ermittlungen wieder aufnehmen. Das bisher bestehende Hindernis dagegen ist entfallen“, sagte gestern Martin Steltner, Sprecher der Staatsanwaltschaft, zu den Folgen. Da die Straftaten eines Minderjährigen mit dem Erreichen des 14. Lebensjahres verfolgt werden können, stellt auch die maximale Ungenauigkeit der rechtsmedizinischen Altersbestimmung von bis zu einem Jahr keine Hürde mehr für die Strafverfolgung dar.

Erst am Freitag vergangener Woche hatte die Staatsanwaltschaft mitgeteilt, dass ein angeblich 13-Jähriger polizeibekannter Heroinhändler mindestens 21 Jahre alt sein dürfte. Die Konsequenz: Für Hassan El F. wurde umgehend Untersuchungshaft angeordnet. Wegen des Vorwurfs des gewerbsmäßigen Handels mit Rauschgift drohen dem schmächtigen jungen Mann nun bis zu fünf Jahren Gefängnis. Wie berichtet, werden ihm zudem der Verstoß gegen das Waffengesetz und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte vorgeworfen.

Solch harte Sanktionen wie Untersuchungshaft drohen Arub M. als Jugendlichem vorerst nicht. Der als angeblich allein stehender staatenloser Palästinenser nach Deutschland eingereiste Jugendliche ist seit einigen Wochen in einer Einrichtung in Brandenburg untergebracht. Dort kann er rund um die Uhr pädagogisch betreut werden. Er habe sich freiwillig der angeordneten Untersuchung gestellt, sagte Steltner.

Das kriminelle Handeln der Kinderdealer in Berlin hatte bundesweit eine Debatte über den Umgang mit den jungen Straftätern ausgelöst. Das Für und Wider geschlossener Heime stand dabei im Mittelpunkt. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) und der Innensenator Ehrhart Körting (SPD) plädierten für geschlossene Einrichtungen. Wowereit wurde deshalb auch vom Koalitionspartner Linke scharf kritisiert. Innensenator Körting sagte: „Heime, in denen die Kinder kommen und gehen können wie sie wollen, sind völlig sinnlos.“ Zuvor hatte sich bereits das bürokratische Prozedere um die Zuständigkeiten als Hemmschuh erwiesen. Arub M. war in einem Heim an der Wupperstraße in Zehlendorf untergebracht, das er tagsüber jederzeit verlassen konnte.

Als Vormund war jedoch der Bezirk Lichtenberg für den Nachwuchskriminellen zuständig. Arub M. türmte regelmäßig aus den Heimen, auch aus einer Klink verschwand er, nachdem er vermutlich Heroinportionen verschluckt hatte, als er beim Dealen in einem U-Bahnhof von der Polizei überrascht wurde. Schließlich ergriff die Staatsanwaltschaft die Initiative und beantragte für mehrere Kinder, nach Morgenpost-Informationen acht, rechtsmedizinische Untersuchungen. Die Kriminalbeamten hatten längst Zweifel, dass die Verdächtigen jünger als 14 Jahre waren. Prompt zeigte sich, dass es in Berlin an geeigneten Experten mangelt, die im Auftrag der Staatsanwaltschaft solche rechtsmedizinische Altersbestimmungen durchführen können. Gestern Abend teilte die Geschäftsführung der Charité mit, dass mit dem Leiter der Rechtsmedizin, Professor Michael Tsokos, ein Ansprechpartner für die Justiz ernannt wurde. Er werde künftig die Organisation forensischer Altersdiagnostik nach Maßgabe der gesetzlichen Vorgaben sicherstellen.

Dass die Drahtzieher im Rauschgiftgeschäft gezielt junge Verteiler einsetzen, ist nicht neu. Auch die Zigarettenmafia beschäftigt junge Vietnamesen, die eingeschleust werden, ohne Pass, verschuldet und damit praktisch wehrlos sind. Sie müssen dann unverzollte Zigaretten in der Hauptstadt verkaufen. Auch die Hintermänner der einst als rumänische „Klau-Kids“ berüchtigten Taschendiebe bedienten sich dieser Methode.

Zwei Festnahmen

Die rechtsmedizinischen Altersbestimmungen könnten auf Dauer den Trend beim Heroinhandel brechen. Strafmündige Verteiler sind ohnehin genügend vorhanden. Erst gestern meldete die Polizei die Festnahme von zwei 18 und 23 Jahre alten Männern in Neukölln. Sie waren von Beamten bei der Übergabe von Heroin in der Selkestraße – zwischen den U-Bahnhöfen Neukölln und Leinestraße – beobachtet worden. Kurz darauf beschlagnahmte die Polizei in einer Wohnung fast 270 Szeneportionen Heroin.