Kriminalität

"Minderjähriger" Dealer narrt Behörden

Immer wieder hatte ein Drogendealer erklärt, er sei erst 13 Jahre alt und damit strafunmündig. Immer wieder musste ihn die Berliner Polizei deshalb wieder laufen lassen. Doch ein Gutachten belegt jetzt: Der Mann ist mindestens 21 Jahre alt. Das hatte sofort Konsequenzen.

Monatelang haben zwei als „Kinder-Dealer“ bekannt gewordene Jungen mit der Berliner Polizei Katz und Maus gespielt. Immer wieder wurden sie im Sommer dieses Jahres beim Verkauf von harten Drogen an einschlägig bekannten Umschlagplätzen erwischt. Und mussten als vermeintlich strafunmündige Kinder jedes Mal wieder freigelassen werden. Wie sehr eines der Drogen-Kinder die Behörden tatsächlich genarrt hat, brachte jetzt ein rechtsmedizinisches Altersgutachten an den Tag. Es kommt zu dem Ergebnis, dass das „Kind“, das sein Alter stets mit 13 Jahren angab, tatsächlich ein mindestens 21 Jahre alter Erwachsener ist.

Für den jungen Mann hatte das sofort Konsequenzen: Er wurde am Mittwochabend in einem geschlossenen Jugendheim festgenommen, wo er sich seit mehreren Wochen aufhielt. Eine Ermittlungsrichterin erließ Haftbefehl wegen gewerbsmäßigen Drogenhandels. Wie Justizsprecher Martin Steltner am Freitag mitteilte, werden dem Mann zudem Verstöße gegen das Waffengesetz und Widerstand vorgeworfen.

„Der Mann steht in dem dringenden Verdacht, zwischen Juli 2009 und Juli 2010 unter anderem im Bereich von U-Bahnhöfen mit Heroin gehandelt zu haben“, sagte Steltner. Zudem habe er sich bei einer Festnahme heftig gewehrt und sei dabei mit einem Schlagring und Reizgas bewaffnet gewesen.

Falsche Angaben bei der Polizei

Gegenüber der Polizei gab sich der Mann stets als 13-jähriger, ohne Begleitung in Deutschland gestrandeter Bürgerkriegsflüchtling aus dem Nahen Osten aus. Bevor das wahre Alter des Dealers bekannt wurde, hatte die Polizei lediglich die Möglichkeit, ihn regelmäßig in Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen abzuliefern. Der Verdächtige wurde nach seinen Aufgriffen beim Kindernotdienst in Kreuzberg oder, später, in einem Jugendheim in Lichterfelde untergebracht. Von dort verschwand der Junge ebenso regelmäßig wie schnell wieder – um danach sofort erneut in die Drogenszene abzutauchen.

„Die Staatsanwaltschaft hatte bereits seit Längerem Zweifel an den Altersangaben des Verdächtigen und deshalb ein gerichtsmedizinisches Gutachten in Auftrag gegeben“, sagte Steltner. Dass junge Straftäter ihr Alter mit unter 14 Jahren angeben, ist nicht neu. Die Banden, für die sei arbeiten, wissen um die Strafmündigkeitsgrenze in Deutschland. Dass ein Verdächtiger allerdings stolze acht Jahre älter ist als angegeben, stellt nach Ansicht von Experten schon eine Besonderheit dar. Die Ermittlungen gegen den mutmaßlichen Drogenhändler dauern an.

Am 27. Juli 2010 war der junge Mann im U-Bahnhof Gneisenaustraße beim Handel mit Heroin beobachtet worden. Sein 27 Jahre alter Kunde bestätigte der Polizei, dass ihm Drogen angeboten worden seien. Erneut wurde der Dealer festgenommen. Er hatte Geldscheine bei sich, die als Erlös aus einer Straftat beschlagnahmt wurden. Da der vermeintliche Jugendliche zuvor bereits am Hermannplatz, im U-Bahnhof Möckernbrücke und auf anderen Umschlagsplätzen gedealt hatte, erfolgte ein Beschluss der Staatsanwaltschaft, das wahre Alter von einem Gerichtsmediziner klären zu lassen.

„Für solche Aufgaben gibt es nur wenige spezialisierte externe Experten, die erst einmal zu beauftragen sind. Zudem gab es Schwierigkeiten bei der Terminvereinbarung“, begründet Steltner die lange Zeit, bis der Staatsanwaltschaft Ende September das Ergebnis des Gutachtens vorlag. Zudem gelten solche Expertisen rechtlich als umstritten. Es gebe kein allgemein anerkanntes standardisiertes Verfahren, sagte Steltner. Im Wesentlichen beruhe die Altersbestimmung auf der Untersuchung bestimmter Merkmale des Knochenwachstums, etwa des Kiefers oder der Handwurzelknochen.

Auch ein Elfjähriger wird überprüft

Das Ergebnis einer zweiten Altersbestimmung für einen ebenfalls polizeibekannten Drogenverteiler, der sein Alter stets mit elf Jahren angibt, steht laut Steltner noch aus. In Berlin waren im ersten Halbjahr dieses Jahres 26 Kinder unter 14 Jahren beim Verkauf von Drogen gefasst worden. Von ihnen haben 20 eine deutsche Staatsangehörigkeit mit zumeist arabischer Herkunft, sechs sind Ausländer mit teils ungeklärter Herkunft.

Der CDU-Abgeordnete Peter Trapp forderte, bei Verdachtsfällen Altersbestimmungen frühzeitiger vorzunehmen. „Die Staatsanwälte sollten in diesen Fällen sofort Altersuntersuchungen in der Charité veranlassen. Denn ansonsten besteht die Gefahr, dass die angeblichen Kinder verschwinden und weitere Delikte begehen“, sagte Trapp. Wenn man den Rechtsstaat durchsetzen wolle, müsse man auch bereit sein, dafür Geld auszugeben. „Die Devise muss lauten: im Zweifel eine Untersuchung“, so der CDU-Politiker.

Er verwies auf ein ähnliches Phänomen. Vor einigen Jahren waren „Klau-Kinder“ in Berlin aufgetaucht. Wenn sie von der Polizei festgenommen wurden, gaben sie an, 13 Jahre alt zu sein. Nach Untersuchungen stellte sich heraus, dass fast alle 14 Jahre oder älter und damit strafmündig waren. In der Szene hätten sich die Altersuntersuchungen schnell herumgesprochen. „Das Phänomen der ,Klau-Kinder' war dann fast weg“, sagte Trapp.

Aufgrund der Diskussionen über den Umgang mit minderjährigen Straftätern hatte die Senatsbildungsverwaltung im September eine Arbeitsgruppe eingerichtet. Auf Nachfrage sagte ein Verwaltungssprecher, dass konkrete Ergebnisse ihrer Arbeit noch ausstünden.