Integrationsschüler

Berlins Lehrer fordern Verstärkung

In Berlins Klassenräumen ist es bereits eng. Nun wird das Problem des Lehrermangels noch verschärft. Lernbehinderte Schüler aus den Sonderschulen sollen an den Regelschulen eingegliedert werden. Doch es gibt zu wenig Fachpersonal für diesen Plan.

Foto: David Heerde

Der Senat muss sich in den kommenden Wochen auf einen Proteststurm von Lehrern und Eltern gefasst machen. Das Problem des Personalmangels wird noch verschärft angesichts der Pläne, zunächst die verhaltensauffälligen, geistig behinderten und lernbehinderten Schüler aus den Sonderschulen an den Regelschulen einzugliedern. Später sollen dann auch alle anderen behinderten Kinder die freie Schulwahl haben. Für Unruhe in der Lehrerschaft sorgt vor allem, dass die Umsetzung „kostenneutral“ erfolgen soll.

Das entsprechende Konzept von Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) soll nach Informationen aus der Bildungsverwaltung voraussichtlich am Dienstag im Senat vorgestellt werden. Mit der schrittweisen Abschaffung der Sonderschulen will Zöllner der von Deutschland ratifizierten UN-Konvention zur Inklusion behinderter Kinder gerecht werden. Demnach sollen alle behinderten Kinder auf Wunsch der Eltern auch an einer Regelschule unterrichtet werden können.

Pläne unter Verschluss

Ursprünglich sollte das Konzept bereits im Frühjahr vergangenen Jahres dem Abgeordnetenhaus vorgelegt werden. Doch bis heute sind die Pläne unter Verschluss. Zöllner wollte offenbar nicht, dass die umstrittene Abschaffung der Sonderschulen seine Sekundarschulreform torpediert. Doch jetzt wächst auch vom Abgeordnetenhaus der Druck zur Offenlegung des Konzepts. Bekannt ist bereits, dass Zöllner die Integration der behinderten Kinder an den Regelschulen weitgehend kostenneutral umsetzen wird. Drei Millionen Euro zusätzliche Kosten sind in den Jahren 2012 bis 2016 eingeplant. Etwa die gleiche Summe soll durch die Schließung von Schulen und den Wegfall von Schulleiterstellen eingespart werden.

Doch gerade gegen die kostenneutrale Umsetzung richtet sich der Protest. Ohne zusätzliches Fachpersonal, sagen Schulleiter, sei eine erfolgreiche Integration nicht möglich. Schon jetzt kommen Schulen, die behinderte Kinder integrieren, an ihre Grenzen. Denn während immer mehr Kinder einen sogenannten Förderstatus erhalten, bleibt die Zahl der dafür vorgesehenen Lehrer gleich.

Im Schuljahr 2004/2005 hatten sechs Prozent aller Schüler einen sonderpädagogischen Förderbedarf. 2009/2010 waren es schon 6,7 Prozent. 57 Prozent dieser behinderten Kinder werden in Sonderschulen unterrichtet. Den größten Anteil an den Sonderschulen machen die Lernbehinderten mit 4665 Schülern aus.

Lothar Semmel von der Vereinigung Berliner Schulleiter warnt davor, dass unter dem Deckmantel der Inklusion die Bedingungen für alle Schüler weiter verschlechtert werden. „Seit Jahren haben wir immer nur Mittelkürzungen bei der Integration von behinderten Kindern erlebt“, sagt Semmel, der an der Clay-Gesamtschule in Neukölln unterrichtet. Die Qualität in den Integrationsklassen an der Clay-Gesamtschule könne derzeit nur aufrechterhalten werden, indem anderen Klassen Lehrerstunden weggenommen würden. Denn bei vier lernbehinderten oder verhaltensauffälligen Kindern in einer Klasse müsse es permanent zwei Lehrer in einer Klasse geben.

Zwei Lehrer in einer Klasse

Für einen Integrationsschüler gibt es je nach Behinderung aber nur zwei bis drei zusätzliche Lehrerstunden pro Woche. Fünf Zusatzstunden wären nötig, um durchgängig zwei Lehrer in der Klasse zu haben. „Es ist ganz klar, dass die Inklusion der behinderten Schüler an Regelschulen nicht zum gleichen Tarif zu haben ist wie die Beschulung an Sonderschulen“, sagt Semmel. Es sei denn, man nehme bewusst eine Verschlechterung in Kauf.

Während die Clay-Gesamtschule bereits seit 18 Jahren Erfahrungen mit der Integration behinderter Schüler hat, ist die Herbert-Hoover-Sekundarschule in diesem Jahr zum ersten Mal mit dem Problem konfrontiert. Als Sekundarschule musste die ehemalige Realschule in diesem Schuljahr erstmals auch lernbehinderte Schüler aufnehmen. In jeder siebenten Klasse gibt es in der gefragten Schule nun vier sogenannte Integrationskinder. „Bisher hatten wir zwar in Einzelfällen Erfahrungen mit verhaltensauffälligen Kindern, nicht aber mit Schülern, die gar nicht rechnen und lesen können“, sagt Thomas Schumann, Leiter der Hoover-Schule in Wedding. Für die Lehrer sei das bei einer Klassengröße von 26 Schülern eine riesige Herausforderung.

„Wichtig ist nicht nur mehr Personal, sondern auch sonderpädagogisch ausgebildete Lehrer“, sagt Schumann. Sonst werde die Integration zu einem Hohn. Die behinderten Kinder könnten ohne Fachpersonal lediglich betreut, nicht aber gefördert werden. Das Konzept von Senator Zöllner sieht vor, dass die ausgebildeten Sonderpädagogen von bestimmten Förderzentren ambulant an verschiedenen Schulen eingesetzt werden. Der bildungspolitische Sprecher der CDU, Sascha Steuer, fordert, Fachpersonal an jeder Schule vorzuhalten.