Wahl 2011

Frank Henkel - der unbekannte Dritte

Am Montag wird das Präsidium der Berliner CDU Frank Henkel zu ihrem Mann für die Abgeordnetenhauswahl küren. Doch von allen Spitzenkandidaten ist er bei den Berlinern der Unbekannteste.

Foto: Reto Klar

Er war schon einmal ganz nah dran an der Macht in Berlin. Eine der ersten politischen Stationen des Frank Henkel lag im Roten Rathaus. Der heutige CDU-Landes- und Fraktionsvorsitzende war enger Mitarbeiter des Regierenden Bürgermeisters Eberhard Diepgen (CDU). Doch der Job als Leiter des persönlichen Büros dauerte nur kurz. Nach sechs Monaten war alles vorbei. Dann kam der Bruch der großen Koalition, und Klaus Wowereit gelangte an die Macht. Zehn Jahre ist das her. Nun will Frank Henkel den Sozialdemokraten aus dem Roten Rathaus vertreiben – und selbst zurückkehren in die Machtzentrale der Berliner Politik.

Am Montag wird das Parteipräsidium der Hauptstadtunion den 47-Jährigen zum Spitzenkandidaten für die Abgeordnetenhauswahl nominieren. Dann ist Henkel der Dritte im Bunde nach Wowereit und Renate Künast, die für die Grünen das Rathaus erobern will. Doch der Dritte ist bei den Berlinern auch der Unbekannteste. Wer ist Frank Henkel?

Vereinfacht könnte man sagen: Frank Henkel ist ein Stück weit gelebte CDU. Kaum ein Politiker verkörpert mit seinem Lebenslauf und politischem Wirken mehr Berliner Union. Aufgewachsen in der DDR, zog er mit seinen Eltern 1981 nach West-Berlin. Die Ablehnung des Kommunismus in all seinen Varianten bis hin zum demokratischen Sozialismus bestimmt Henkels Denken.

In der Krise an die Macht

Henkel selbst musste als Generalsekretär und Innenpolitiker miterleben, wie die CDU in Machtkämpfen versank. Nach der Krise, die durch den Streit des damaligen Fraktionschefs Friedbert Pflüger und des Ex-Landeschefs Ingo Schmitt ausgelöst wurde, kam Henkel in der Hauptstadtunion an die Macht. Sein ehemaliger Chef Eberhard Diepgen beschreibt Frank Henkel heute so: „Ich schätze Henkels große Zuverlässigkeit, sein starkes soziales Engagement und seine Loyalität.“

Henkel holte neue Leute wie den Unternehmer Thomas Heilmann und den konservativen Rechtsanwalt Burkard Dregger in den Landesvorstand. Er band die mächtigen Kreisvorsitzenden mit ein und baute ein neues Parteipräsidium auf. Frank Henkel setzte wieder mehr auf Inhalte: Ein neues Integrationskonzept sollte liberale und konservative Standpunkte vereinen. Die Partei beschäftigte sich mit der Zukunft des Flughafens Tegel, den Anforderungen an die Jobcenter und dem Thema Arbeitsmarkt. Mit Teilerfolgen. 2009 wurde die CDU bei der Europa- und Bundestagswahl stärkste Partei in Berlin. Das ist auch das Ziel für die Abgeordnetenhauswahl am 18. September. Doch seit der Kandidatur von Renate Künast ist im politischen Berlin alles anders. Zum ersten Mal haben die Grünen eine realistische Chance, einen Ministerpräsidenten in einem Bundesland zu stellen. Seitdem reden alle von einem Duell Wowereit gegen Künast.

„Das Rennen ist offen“

„Ich glaube, das Rennen ist offen“, sagt Henkel und fügt hinzu: „Ich sehe auch ein Duell, aber eines der bürgerlichen Partei CDU gegen die drei linken Parteien SPD, Grüne und Linkspartei“. Am Montag tagt das Parteipräsidium. Am Abend präsentiert sich Henkel dann auf dem Neujahrsempfang der CDU Spandau in der Zitadelle. Es wirkt wie ein Ranschleichen an den Wahlkampf. Die Zitadelle in Spandau, die Renaissancefestung am Rande der Stadt.

Wie glamourös setzte sich dagegen Wowereits Herausforderin von den Grünen in Szene. Renate Künast hatte nach wochenlangen Spekulationen das Museum für Kommunikation an der Leipziger Straße, fast in Sichtweite zum Roten Rathaus, ausgewählt, um ihre Botschaft („Eine für alle“) unters Wahlvolk zu bringen. „Eine solche Inszenierung wäre aber nichts für Frank Henkel“, sagt ein Kreisvorsitzender der CDU, der ihn lange kennt. Als Henkel mit möglichen Strategien für den Wahlkampfauftakt konfrontiert wurde, die ebenfalls eine große Show vorsahen, lehnte der Christdemokrat im kleinen Kreis ab: „Nein, ich will so bleiben, wie ich bin.“ Spandaus Kreischef, der Bundestagsabgeordnete Kai Wegner, sagt es so: „Frank Henkel ist kein Mann für die Show. Das ist Klaus Wowereit. Künast macht das auch. Die CDU braucht das nicht.“

Aber es ist auch die Angst vor den falschen Entscheidungen. Henkel hat von einem politischen Freund gelernt, wie verheerend ein aufgesetztes Image sein kann. Der heutige Bundestagsabgeordnete Frank Steffel sollte 2001 als „Kennedy von der Spree“ punkten. Es folgte ein niederschmetterndes Wahlergebnis, auch weil der Reinickendorfer Unternehmer Steffel unglaubwürdig wirkte. „Authentizität ist die Stärke von Frank Henkel“, sagt sein Wahlkampfberater Wolfgang G. Gibowski, der die Forschungsgruppe Wahlen für das ZDF aufbaute.

An der Parteibasis ist die Kandidatur von Frank Henkel kein großes Thema. So wie am Kurfürstendamm. In dieser Woche hatte der dortige CDU-Ortsverband Neumitglieder zum Empfang am Olivaer Platz geladen. Themen waren die dreckige Stadt, das S-Bahn-Chaos, die ungeräumten Bürgersteige. 40 Christdemokraten kamen zu dem Treffen, unter ihnen: Joshua Moyer, 17 Jahre und neu in der Union. Die Probleme an den Schulen haben den Schülersprecher zur CDU gebracht, sagt er, und dass er den Kandidaten Frank Henkel schon einmal bei einer Diskussion über Deutschfeindlichkeit an Berliner Schulen kennengelernt habe. „Das war ein toller Abend“, erinnerte sich Moyer. Henkel habe ein gutes Eingangsstatement abgegeben. Mehr könne er aber nicht zu ihm sagen. Er kenne ihn nicht näher.

„Vielleicht ist das im Moment ein Problem, die fehlende Bekanntheit“, sagt CDU-Ortschef Carsten Engelmann, der selbst fürs Abgeordnetenhaus kandidiert. Doch nach letzten Umfragen kennen nur 30 Prozent aller Berliner den Wowereit-Herausforderer von der Union. „Über meine Bekanntheit mache ich mir keine Gedanken. Wozu sind denn Wahlkämpfe da?“, sagt Henkel und: „Wer kannte denn schon Wowereit vor der Bankenaffäre?“ Henkels Wahlkampfberater erkundeten im vergangenen Herbst die Stimmung der Berliner. Was die Befragung von Fokus Groups ergab, erschreckte aber selbst die erfahrenen Politikexperten: Nur eine kleine Schicht in der Bevölkerung interessiert sich für Landespolitik. „Wahlen werden zunehmend erst in den letzten Wochen vor dem Wahltag entschieden“, resümiert Wahlforscher Gibowski.

Merkel kommt zur Kandidatenkür

In der Union hofft man auf Rückenwind durch den Bund. Immerhin ist man mit der Bundespartei nicht mehr heillos zerstritten. Ganz im Gegenteil. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wird bei Henkels Wahl zum Spitzenkandidaten auf einem Landesparteitag im Februar eine Rede halten. Erste bundesweite Hilfe gab es auch schon. Wer diese Woche die Homepage der Bundes-CDU anklickte, las dort als Erstes Frank Henkels Attacke auf den Regierenden Bürgermeister und das S-Bahn-Chaos. Damit lag Henkel deutlich vor anderen Größen der Christdemokraten wie Arbeitsministerin Ursula von der Leyen oder Generalsekretär Hermann Gröhe, die erst nach Henkel auf der Internetseite erschienen.