Berliner Baukunst

Graft-Architekten sind die Popstars der Branche

Mehr als 7000 Architekten gibt es in der Hauptstadt, und gemessen daran sind die drei vom Büro Graft schon ungewöhnlich bekannt. Die Verbindung zum US-Superstar Brad Pitt hat ihnen dabei geholfen. Doch mitunter wird sie den Berlinern auch zur Last.

Foto: Amin Akhtar

Die Architekten von Graft sind in Berlin bekannt, aber sie haben es nicht leicht. Einerseits sind Lars Krückeberg, Wolfram Putz und Thomas Willemeit gefragt, begehrt, bewundert. Sie werden zu Vernissagen und Filmpremieren eingeladen, man schmückt sich gern mit ihnen. Als "Popstars unter den Architekten" werden sie für die aktuelle Fotoausstellung "Visionäre Architektur" von der Galerie Lumas (Fasanenstraße 73, noch bis 3. November) angekündigt. Und natürlich sind sie die coolen Jungs, die mit dem Schauspieler Brad Pitt zusammen arbeiten, essen und Urlaub machen. Mehr als 7000 Architekten gibt es in der Hauptstadt, und gemessen daran sind die drei von Graft schon ungewöhnlich bekannt, gelten gar nach Rem Koolhaas, Frank Gehry und Daniel Libeskind als die neuen Visionäre der hier tätigen Architekten.

Doch immer, wenn es eine Zeit lang stiller um Graft wurde, wenn einige Monate lang kein extravaganter Entwurf die Presse oder Nachbarschaft in Atem hielt, fragten sich viele: Was machen die denn gerade? Bauen die denn überhaupt noch was? Und: Ist der Graft-Hype überhaupt noch angemessen?

Futuristische Entwürfe

Gut, sie entwarfen dass "Q-Hotel" mit der roten welligen Bar und den Zimmern, in denen man direkt aus der Badewanne in das angrenzende Bett klettern kann. Es gibt diese Zahnarztpraxis, auch auf dem Kurfürstendamm, die in ihrer Ästhetik nicht klinisch weiß, sondern futuristisch wie das Innere eines grün-gelben Ufos daherkommt. Es gibt Schwanenwerder, eine ultramoderne Villa, die unter Mediengetöse fertiggestellt wurde, und es gibt den Entwurf einer "Wolke" für die Kunsthalle, der nie realisiert wurde. Und was noch?

Wer wissen will, wie Krückeberg, Willemeit und Putz arbeiten, sollte sie in ihrem Büro besuchen. Beim Betreten der Loft-Etage im vierten Stock eines Backsteingebäudes an der Heidestraße ist man sofort drin, in der "Graft-Welt". Hier scheinen die Grenzen zwischen Architektur und Mobiliar zu verschwimmen. Organische Formen, viel Weiß, geschwungene Linien, die typische architektonische Grammatik des Trios findet sich dort überall, ob an Wänden, Bücherregalen oder Sitzgelegenheiten.

Doch Krückeberg, Willemeit und Putz arbeiten nicht allein. Junge Leute sitzen an weißen Schreibtischen vor ihren Computern, die, wenn sie aus den Fenstern gucken, auf die neuen Galerien hinter dem Hamburger Bahnhof schauen. Das Büro der Architekten Kühn/Malvezzi, das 2004 die angrenzenden Rieck-Hallen für die Sammlung Flick baute, liegt übrigens direkt nebenan.

Bis zu 100 Mitarbeiter arbeiten für Graft weltweit, und allein durch Aufträge in Berlin wäre die Firma wohl nicht ausgelastet. 30 Leute arbeiten in der Hauptstadt, 25 in ihrem Büro in Los Angeles und 20 weitere in der Dependance in Peking. "Ich verstehe, dass die Berliner sich fragen, was wir gerade bauen", sagt Wolfram Putz und fasst sich nachdenklich an seinen Dreitagebart. Wie seine beiden Kollegen redet er ruhig und konzentriert, von Allüre oder Angeberei keine Spur.

Die drei Architekten sitzen im gemeinsamen Besprechungszimmer, auf dem Tisch liegt ein kleinformatiger Katalog, der aber den Umfang eines üppigen Romans hat. "Graftworld" steht auf dem Titel des Buches und wer in diesem blättert, bekommt eine Ahnung, was Graft so macht: hier ein Resort in der Karibik, da zwei Hochhäuser in Las Vegas, Restaurants in China, eine Kunsthalle in Seoul, ein jüdisches Museum in Moskau. "Nächste Woche wird noch ein 350-Zimmer-Hotel in Tiflis fertiggestellt", sagt Thomas Willemeit.

Weißer Wohnwürfel in Biesdorf

"Wir machen schon gut 80 Prozent unseres Umsatzes im Ausland", fasst Wolfram Putz die Situation zusammen. Und genauso liest sich das in "Graftworld". Die Architektur-Aufträge in Deutschland sind darin eher klein. Private Wohnungen und Häuser, ein Optikergeschäft in Hamburg, eine Zahnarztpraxis in Düsseldorf. Und Berlin? "Hier haben wir gerade das "Haus Koch", ein Einfamilienhaus, fertiggestellt", sagt Lars Krückeberg und zeigt auf die Abbildung eines schneeweißen Wohnwürfels, der in Biesdorf steht. Auch der "Boulevard der Stars", eine Berliner Version des "Walk of Fame", wartet auf seine Realisation. Für dieses Projekt und für den Ausbau des Flughafens Tempelhof samt angrenzendem Quartier hat Graft den Wettbewerb gewonnen. Doch als über diese Projekte berichtet wurde, waren die drei wieder einmal "die mit dem Pitt". "Nervig", findet Lars Krückeberg das, "zumal immer behauptet wird, wir wären erst durch Brad bekannt geworden. Das stimmt aber nicht. Wir haben auch schon vorher Preise gewonnen."

Wie sie zu ihrem Umweltpreis von dem ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton gekommen sind, erzählt das gerade neu erschienene Buch "Architecture in Times of Need". Es handelt von "Make It Right" (MIR), einer Stiftung, die den Obdachlosen von New Orleans zu neuen Häusern verholfen hat. Die "MIR" haben Brad Pitt und Graft zusammen mit dem "grünen" Architekten Bill McDonough und der "Cherokee Gives Back Foundation" gegründet, um den Bezirk, der 2005 durch den Hurrikan "Katrina" fast vollständig zerstört wurde, wieder aufzubauen.

"Unzählige Menschen sind damals heimatlos geworden, haben ihren Grund und Boden verloren", erzählt Thomas Willemeit, "wir waren froh, dass wir helfen konnten." Die Regierung hätte den Betroffenen zwar Geld als Entschädigung angeboten, gleichzeitig die überwiegend schwarze Bevölkerung aber nicht zurückholen wollen. "Deswegen haben wir einen Plan entwickelt, wie man erst einmal Aufmerksamkeit und Geld sammeln kann", sagt Putz. Sie erfanden das "Pink Projekt", eine Aktion, die an Christo erinnert, bei der 450 pinkfarbene Hausattrappen auf dem Katastrophengebiet verteilt wurden, die Einzelteile wie gigantische Legosteine verstreut.

Auswahl unter 13 Entwürfen

Der Clou: Die pinkfarbenen Symbole konnten durch Spenden in 150 "echte" Häuser umgetauscht werden. Wie ihr künftiges Haus aussehen soll, konnten sich die Katastrophenopfer aus 13 Entwürfen renommierter Architekten aussuchen. Sieben Millionen Dollar hat MIR bis heute gesammelt, 25 der geplanten 150 Häuser stehen bereits, bis Ende des Jahres sollen es 80 sein.

Das Graft-Haus, ein lang gezogener Bau mit hohen Decken und Veranda, ist schon fünfmal von seinen künftigen Bewohnern ausgewählt und auch bezogen worden. "Dass den Leuten unser Modell gefällt, hat uns schon gefreut", sagt Thomas Willemeit. Aber die Optik sei nicht allein entscheidend für den Entwurf gewesen. Ihr "Shotgun"-Modell sei vor allem preiswert, sicher und nachhaltig gebaut. So verfügt jedes Gebäude über ein Regenwasserbecken, Solarzellen und isolierte Fenster. Sozialer Wohnungsbau auf hohem Niveau? "So kann man es auch nennen", sagt Wolfram Putz. "Natürlich wollten wir mit dem Projekt auch zeigen, dass wir nicht nur High-End-Luxury bauen können", ergänzt Lars Krückeberg, "aber in erster Linie wollten wir den Menschen durch unsere Architektur ihre Würde belassen."

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