Kreisverband Süd-West

DRK entlässt Chef der Behindertenhilfe

Der DRK-Kreisverband Süd-West hat auf Druck des Berliner Landesverbandes dem Geschäftsführer seiner Behindertenhilfe, Reiner Krüger, gekündigt. Es geht um Verluste bei Altenheimen und lukrative Aufträge an die Ehefrau.

In der Berliner Sozialbranche gibt es erneut Ärger. Nach den Skandalen um die Treberhilfe und die Untreue-Ermittlungen gegen den Vorstandschef des Evangelisches Jugend- und Fürsorgewerks (EJF) trifft es nun die DRK-Behindertenhilfe Südwest gGmbH, einen der größten Dienstleister unter dem Dach des Deutschen Roten Kreuzes in Ostdeutschland. Es geht um verlustreiche Geschäfte mit Altenpflegeheimen, fragwürdige Verkaufsdeals, hohe Geschäftsführerbezüge und lukrative Aufträge an Familienangehörige.

Der DRK-Kreisverband Süd-West, dem die gemeinnützige GmbH gehört, hat auf Druck des Landesverbandes dem Geschäftsführer Reiner Krüger gekündigt. Vorausgegangen war ein monatelang währender Konflikt, in dem der Landesverband der gGmbH sogar Zuwendungen gestrichen hatte, um Krüger loszuwerden.

Der Ärger begann 2006. Der Sozialmanager Krüger, der die Behindertenhilfe seit ihrer Gründung im Jahr 2000 geführt hatte, wollte das Geschäft erweitern und in die Altenhilfe einsteigen. Er erwarb drei Altenheime und fasste den Betrieb in einer Tochtergesellschaft zusammen: das Haus Fichteneck in der Steglitzer Ermanstraße, das Haus Curamus in Dahlem und das Haus Wiesengrund in Lichterfelde.

Den Experten in der Behindertenarbeit gelang es jedoch nicht, die auch baulich älteren Heime verlustfrei zu betreiben. Die Auslastung blieb zu niedrig, obwohl sich das Unternehmen alle Mühe gab, Klienten zu gewinnen. In diesem Zusammenhang kam Krügers Ehefrau ins Spiel. Deren Werbeagentur sollte für Nachfrage sorgen und durch heimeigene Zeitungen den Bewohnern einen Sonderservice bieten. Die Auftragsvolumnia waren beträchtlich. Bis zu 100.000 Euro in einem Jahr überwies Krüger an die Agentur „Text und Gestaltung“, die seiner Frau gehörte, allein für die Werbung für die Altenheime.

Krüger verteidigte diese Vergabe mit der ausgewiesenen Erfahrung seiner Ehefrau bei der Werbung für Sozialunternehmen und mit den qualitativ hochwertigen Produkten, die sie etwa mit dem „Fichteneck-Blatt“ und den anderen Heimzeitungen mit und für die Bewohner erstellt habe. Außerdem sei ein großer Teil des Geldes nicht an die Werbeagentur geflossen, sondern für die Bezahlung von Anzeigen in anderen Medien verwandt worden.

Defizit beläuft sich auf 2,7 Millionen Euro

Aber die Verluste der drei Altenheime wuchsen und wuchsen. Ein Gutachten, das jetzt im Auftrag des DRK-Landesverbandes unter der Präsidentschaft der ehemaligen Bundesministerin Sabine Bergmann-Pohl (CDU) erstellt wurde, beziffert die in vier Jahren angehäuften Verluste der Behindertenhilfe bei ihrem Engagement in der Altenhilfe auf 2,7 Millionen Euro. „Die haben gedacht, Altenhilfe sei vergleichbar mit der Behindertenhilfe“, heißt es heute beim Roten Kreuz. In dem hart umkämpften Markt der Pflege sei es wenig verwunderlich, dass ein nicht spezialisierter Träger scheitere.

Als die Verluste zunahmen, beschlossen der Kreisverband Süd-West und GmbH-Geschäftsführer Krüger, die Heime wieder zu verkaufen. Anfang 2010 reichten sie die Einrichtungen an die Firma Anderson Holding, einem Finanzinvestor aus Großbritannien, weiter. Als Vermittler war ein früherer DRK-Mitarbeiter involviert

Aber der Deal brachte nur Streit. Anderson beklagte sich, die Häuser seien schlechter belegt und auch kleiner gewesen als von Krüger dargestellt. Außerdem entdeckten die neuen Eigentümer nun Zahlungen an Auftragnehmer für die Reinigung, für die Medikamentenlieferung, für Steuerberater, Architekten und eben auch für Werbung, die sie für viel zu hoch hielten. Außerdem versuchten sie, die Mietverträge mit den Eigentümern der Immobilien neu zu verhandeln. Anderson-Finanzchef Wolfgang Pink sagte, es sei gelungen, alle Leistungen günstiger einzukaufen, als Krüger dies getan habe. Dadurch sei das Geschäft nun auskömmlich. Außerdem habe man das Haus Fichteneck schließen müssen, weil es baulich ungeeignet sei und Gefahr für die Bewohner bestanden habe. Krüger wiederum behauptet, die Leistungen seien jetzt billiger, weil die Standards von Anderson abgesenkt worden seien. Auf Kosten der Bewohner, so Krüger. Die Auslastung sei nur deshalb höher, weil die Senioren aus dem geschlossenen Haus auf die beiden anderen Einrichtungen verteilt worden seien.

So stehen sich Verkäufer und Käufer feindlich gegenüber. Die DRK-Behindertenhilfe wartet immer noch darauf, dass Anderson den Kaufpreis überweist. Anderson wiederum sieht sich getäuscht und verlangt seinerseits Schadenersatz. Noch sind beide Seiten vor Klagen zurückgeschreckt. Der Streitwert liegt bei einer Million Euro.

Nachdem der DRK-Landesverband von den Vorgängen bei der Behindertenhilfe erfahren hatte, versuchte Landesgeschäftsführer Andreas Bode, die Sache aufzuklären. Monatelang schleppte sich eine Haushaltsprüfung hin, bis der DRK-Kreisverband und die Behindertenhilfe die Daten offenlegten. Dann war die Empörung groß, als der Landesverband die Gehaltshöhe von Geschäftsführer Krüger erfuhr: 220.000 Euro im Jahr. Das Auftragsvolumen an seine Frau belief sich auf insgesamt 900.000 Euro. Außerdem entdeckten die Prüfer eine Provisionszahlung über 50.000 Euro, bei der bis heute nicht klar ist, wer sie wofür erhalten hat. All das schien den Verantwortlichen nicht mit dem gemeinnützigen Auftrag des DRK-Unternehmens vereinbar zu sein.

Um die Ablösung Krügers zu erreichen, sperrte der Landesverband der gGmbh alle Zuwendungen. Denn der Kreisverband wollte zunächst nicht mitmachen. Der Vorsitzende Christian Knappe sagte, man habe die Aufträge an Krügers Ehefrau ebenfalls kritisiert. Von Krüger getrennt habe man sich aber wegen unterschiedlicher Auffassungen über die künftige Geschäftsentwicklung. Der teure Ausflug in die Altenhilfe habe keine entscheidende Rolle gespielt, sagte Knappe.

Die Behindertenhilfe konnte zumindest die Verluste aus den Pflegeheimen verkraften, die finanziellen Reserven waren groß genug. Das Eigenkapital belief sich laut Bilanz Ende 2009 noch auf 1,5 Millionen Euro. In der Kasse hatte die gGmbH noch 900.000 Euro.