Razzia

GSG9 sucht in Berlin nach illegalem Shisha-Tabak

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M. Behrendt, P. Oldenburger und S. Pletl (Fotos)

Zollfahnder und Beamte der GSG9 haben in Berlin eine Razzia gegen Tabakschmuggler durchgeführt. Es war die geheimste Aktion sei langem, bei der es um Wasserpfeifentabak und viel Geld ging.

7.45 Uhr, Hobrechtstraße in Neukölln. Mehrere Mannschaftswagen der Bundespolizei aus Blumberg (Barnim) stoppen vor einem arabischen Lebensmittelladen. Vermummte Beamte mit schwerem Gerät überwinden die massiven Eisenzäune, die den Zugang zum rückwärtigen Teil des Gebäudes versperren. Dicke Baumwolldecken werden über die Spitzen der Tore gelegt, die Verletzungsgefahr ist beim Überklettern zu groß. Die Straße wird abgesperrt, aus mehreren Richtungen sprinten Zollfahnder in Zivil heran. Die Alarmanlage im Haus springt an und verbreitet schrillen Lärm, als die Einsatzbeamten in die Geschäftsräume eindringen. Die Schaufenster sind voll gestellt mit Wasserpfeifen. „Hier sind wir richtig“, ruft einer der Polizisten durch seine Maske einem Kollegen zu.

Einheiten der Bundespolizei, darunter die Elite-Einheit GSG9, haben am Dienstag zahlreiche Objekte in Berlin und Brandenburg durchsucht und zwei Haftbefehle vollstreckt. Hintergrund sind Ermittlungen gegen Angehörige einer Berliner Großfamilie, die organisiert und in großem Umfang unverzollten Wasserpfeifentabak aus arabischen Ländern nach Berlin geschmuggelt haben sollen. Der Steuerschaden wird von einem Zollfahnder auf einen siebenstelligen Betrag im „mittleren Bereich“ beziffert – also auf rund fünf Millionen Euro. Mit der Polizeiaktion am Dienstag seien die Ermittlungen aber keineswegs abgeschlossen, sondern vielmehr erst am Anfang, obwohl bereits seit Monaten recherchiert worden sei.

Illegal importierter Tabak kann gesundheitsschädlich sein

Zeitgleich zur Aktion in der Hobrechtstraße stürmen Männer der GSG9 an der Hermannstraße in die Wohnung eines Beschuldigten. „Es gibt eine Menge Anschlussdurchsuchungen“, wird über Funk mitgeteilt. Anwohner bleiben stehen und machen mit ihren Handys Fotos von der Aktion. Stunden später werden die Ermittler kartonweise Aktenorder und handschriftliche Aufzeichnungen beschlagnahmen und zur Auswertung zum Zollfahndungsamt bringen.

Wegen des frühen Stadiums des Verfahrens halten sich die Staatsanwälte in Regensburg – wo das bundesweite Verfahren geführt wird – bedeckt. Die Berliner Beschuldigten sollen nach Regensburg geschäftliche Verbindungen gehabt haben. Nach Informationen von Morgenpost Online sollen sich dort auch die ersten Hinweise auf die Vorgehensweise der Schmugglerbanden ergeben haben. Nach Angaben von Oberstaatsanwalt Wolfhard Meindl in Regensburg soll der unverzollte Wasserpfeifentabak tonnenweise auf dem Seeweg aus mehreren arabischen Ländern zunächst nach Belgien und von dort mit Lkw nach Deutschland gebracht worden sein.

Weil es sich um ein bei einer Bundesbehörde geführtes Verfahren handelt, übernahm die Bundespolizei den Zugriff. Die Landespolizeien wurden nicht eingebunden und erfuhren erst nach Einsatzbeginn von der Aktion. „So ein geheimes Unternehmen habe ich lange nicht mehr erlebt“, sagt ein Berliner Polizeiführer. Sei der Schmuggel von Wasserpfeifentabak als Geschäft in der organisierten Kriminalität früher unterschätzt worden, stellt er nach Angaben eines Ermittlers heute einen Schwerpunkt in dieser Schwerkriminalität dar. „Die Shisha-Cafés, in denen Wasserpfeifen geraucht werden, sind in letzter Zeit wie Pilze aus dem Boden geschossen. Wer mit unversteuertem Tabak handelt, kann sehr schnell ein Vermögen anhäufen. Der Steuerschaden ist entsprechend hoch.“ Zudem sind die Konsumenten in Gefahr. „Dieser Tabak muss feucht gehalten werden. Da er illegal transportiert wird und nicht in den normalerweise dafür vorgesehenen Behältern, muss er auf anderem Wege am Austrocknen gehindert werden.“ Deshalb werde Glyzerin untergemischt, das in der Lunge großen Schaden anrichten könne.

Clans stecken hinter dem illegalen Handel

Berlin steht mit mehr als 90 Shisha-Bars bundesweit mit großem Abstand an der Spitze aller Städte. Mit maximal zwei Dutzend Shisha-Lounges kann in Deutschland keine andere Großstadt mithalten. Dass sich hinter dem Trend auch eine neue Form der Wirtschaftskriminalität verbirgt, ist indes nur wenigen Besuchern der In-Lokale, die es vor allem in der Innenstadt gibt, bekannt.

Der Tabak wird im Orient produziert. Wie auf alle anderen Tabakprodukte erhebt der deutsche Staat darauf Steuern. Prompt hat sich die illegale Einfuhr von unversteuertem Wasserpfeifentabak für Kriminelle als einträgliches Geschäft erwiesen. In den acht deutschen Zollfahndungsbezirken haben die Ermittler längst ein Auge auf den illegalen Import geworfen. Häufig wird der Shisha-Tabak aus dem Libanon und Ägypten zusammen mit Tarnladungen eingeführt. 2008 konnte allein das Zollfahndungsamt Berlin-Brandenburg den Import von 6000 Kilogramm unterbinden. „Ein handelsüblicher Container, in dem etwa fünf Tonnen Tabak unter Fruchtsaft oder Holzkohle verborgen importiert werden, bringt den Drahtziehern des Geschäftes einen zusätzlichen Gewinn von 150.000 Euro ein“, sagt Zollsprecher Norbert Scheithauer. Nach Erkenntnissen der Ermittler haben in Berlin mehrere arabischstämmige Großfamilien den illegalen Import als neues, lukratives Betätigungsfeld entdeckt. Allerdings seien die vom Zoll getätigten Aufgriffe 2009 in Häufigkeit und Umfang rückläufig gewesen. Die Schwarz-Importeure hätten offenbar neue Vertriebswege gefunden, so der Sprecher.

Über die gesundheitlichen Gefahren streiten seit geraumer Zeit Fachleute und Experten. Die Bundesstelle für gesundheitliche Risikoabschätzung beschreibt in einer Studie, dass die Inhalation erhebliche Risken berge. Das gelte sogar für „nikotinfreie“ Tabake, da zunehmend Fälschungen in Umlauf geraten.

Die Shisha-Bars gelten bei der Polizei als Treffpunkt der spaßorientierten Jugend und Rückzugsraum für Personen aus dem kriminellen Milieu, die auch mit Drogengeschäften zu tun haben. Das liege auch daran, dass die Bars abgeschotteter seien als Diskotheken, sodass Konsumenten und Dealer besser zusammenkommen können. Das Entwickeln „neuer Geschäftsideen“ durch die Familienclans belege einmal mehr deren kriminelle Intelligenz, so die Polizei. Nach Angaben eines Beamten liegt deren Schwerpunkt nicht nur im Bereich des Drogenhandels und der Schutzgelderpressung. Vielmehr werde jede Möglichkeit genutzt, Geld zu machen.

( dpa/sei )