Prozessbeginn

Berliner wegen barbarischer Tötung vor Gericht

Patrick M. soll im Juni 2010 am Bruno-Taut-Ring in Berlin-Neukölln drei Männer barbarisch getötet haben. Nun muss er sich für diese Taten vor einer Moabiter Schwurgerichtskammer verantworten. Es ist kein normaler Strafprozess.

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Die Kassiererin einer Tankstelle im Grünen Weg in Berlin-Neukölln konnte später nicht erklären, warum sie nicht sofort misstrauisch geworden war. Der hagere junge Mann, der in der Nacht zum 9. Juli 2010 bei ihr einkaufen wollte, war über und über beschmiert mit Blut. Und auch die Münzen, mit denen er das Bier bezahlte, waren rot verschmiert. Später gab sie zu Protokoll, der Kunde habe ausgesehen, als ob er vom Schlachter gekommen sei.

Sie habe sich aber nichts gedacht, lediglich die Münzen gereinigt und in die Kasse gelegt. Zu diesem Zeitpunkt hatten Anwohner des Hauses Nummer 15a im Neuköllner Bruno-Taut-Ring schon eine Blutspur bemerkt, die vor die Wohnungstür des 61-jährigen Jürgen Sch. führte. Sie alarmierten die Polizei. In der Wohnung wurden dann die Leichen des Wohnungsinhabers und des 50-jährigen Fritz P. gefunden. Beide waren barbarisch zugerichtet: Knochenbrüche im Gesicht, Rippenbrüche, Brustkorbverletzungen. Jürgen Sch.'s Nase war abgetrennt, in seinem Mund befanden sich Glasscherben. Einen Tag später wurde in einer Wohnung im Bruno-Taut-Ring 15c dann auch die Leiche des 35-jährigen Maik S. entdeckt. Er wurde ähnlich attackiert wie Fritz P. und Jürgen Sch. Gerichtsmediziner gehen davon aus, dass der schmächtige Mann schon am 18. Juni erschlagen wurde.

Die drei getöteten Männer kamen aus dem Trinkermilieu und waren dafür im Kiez auch bekannt. Sie galten als friedlich. In den Medien wurde von einer rätselhaften Mordserie berichtet. Es gab Spekulationen, dass es sich bei den Tätern um eine Bande handeln könne, die es auf sozial schwache Opfer abgesehen habe. Diese These konnte die 5. Mordkommission jedoch widerlegen, nachdem sie am 12. Juli einen Einzeltäter fasste: Patrick M., 26 Jahre alt, vielfach vorbestraft. Ein schlanker, äußerlich unauffälliger Mann, der nach Meinung seines Anwaltes Mirko Röder "früher aufgehalten und sehr viel konsequenter hätte betreut werden müssen. Schon um ihn vor sich selbst zu schützen. Er war für die Behörden ja kein Unbekannter".

Am heutigen 3. Januar wird der Prozess gegen Patrick M. wegen dreifachen Totschlags vor einem Moabiter Schwurgericht beginnen. Es ist kein normaler Strafprozess. Grundlage ist eine sogenannte "Antragsschrift im Sicherungsverfahren". Die Kammer wird also darüber entscheiden müssen, ob Patrick M. in der geschlossenen Gefängnispsychiatrie - auch Maßregelvollzug genannt - untergebracht wird. Dauerhaft - daran kann es kaum Zweifel geben. Denn kaum ein psychiatrischer Gutachter wird in den nächsten Jahren verantworten wollen, Patrick M. wieder in Freiheit zu lassen.

Das Schwurgericht wird auch zu klären versuchen, warum Patrick M. derart gewalttätig wurde. Es kann viele Erklärungen geben: Eine trostlose Kindheit, körperliche und seelische Misshandlungen, sexueller Missbrauch im Kindesalter, psychische Erkrankungen oder, auch das gibt es, einfach nur eine perverse Veranlagung.

Bei Patrick M. können fast alle dieser Begründungen herangezogen werden. Er kommt aus einem dissozialen Milieu. Sein leiblicher Vater, der dritte Ehemann seiner Mutter Christa H., war Alkoholiker. Christa H. selbst wurde viele Jahre vom Jugendamt betreut. Sie soll zwar Unterstützungen kassiert, Hilfe bei der Erziehung ihrer Kinder aber abgelehnt haben.

Erster Eintrag mit Zweieinhalb

Den ersten Akteneintrag über Patrick gibt es im Mai 1987. Der Zweieinhalbjährige muss im Krankenhaus Neukölln wegen eines Oberschenkelbruches behandelt werden. Zugefügt haben soll ihm das ein Bekannter der Mutter. Bei diesem Krankenhausaufenthalt wird festgestellt, dass der Junge aggressiv und in seiner Entwicklung stark verzögert wirke; so könne er auch nur sehr schlecht sprechen. Zwei Jahre später fällt der kleine Patrick bei einem weiteren Krankenhausbesuch - diesmal wegen eines Verkehrsunfalls - erneut wegen seines merkwürdigen Verhaltens auf.

Und so geht es weiter: In der Vorschule greift Patrick M. Mitschüler an, bestiehlt sie, schwänzt den Unterricht. Seine Mutter wiegelt ab. Im April 1991 wird von Mitarbeitern der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Freien Universität Berlin empfohlen, den Jungen wegen der alarmierenden Auffälligkeiten in stationäre Behandlung zu nehmen. Da ist er sieben Jahre alt. Seine Mutter lehnt ab, zeigt sich diesmal aber einsichtig und gibt zu, dass es mit Patrick Probleme gebe. Drei Monate später soll er wegen seines Verhaltens erneut in der stationären Kinderpsychiatrie untergebracht werden. Erneut weigert sich Christa H. Es folgen weitere Alarmzeichen. In der ersten Klasse einer Schule für verhaltensgestörte Kinder schlägt Patrick Mitschüler mit einem Stein. Eines dieser Kinder wird am Kopf verletzt und muss im Krankenhaus behandelt werden. Wenig später tritt er eine Lehrerin - es gibt keinen Anlass. In der Konsequenz darf er die Schule nicht mehr betreten, wird psychologisch begutachtet. Im März 1992 - Patrick ist acht Jahre alt - entzieht das Amtsgericht Neukölln seiner Mutter das Sorgerecht. Er wird zunächst in Neumünster (Schleswig-Holstein) in einem Evangelischen Jugendgemeinschaftswerk untergebracht und einen Monat später in eine Pflegefamilie gegeben.

Doch auch dort fällt er immer wieder durch schwer berechenbares, gewalttätiges Verhalten auf. Psychologen beschreiben ihn als einen "ständig angespannt" wirkenden, "ängstlichen", "aggressiven" Jungen, der vergeblich hoffe, von der Mutter zurück nach Berlin geholt zu werden. Er wird weitergereicht, in andere Pflegefamilien, in Kinderheime. Zwischendurch gibt es mehrwöchige Aufenthalte in einer Fachklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Schleswig. Einmal soll der inzwischen 18-jährige Patrick dort erzählt haben, dass er als 14-Jähriger von einem alten Mann sexuell missbraucht worden sei. Das sei auch die Ursache dafür, warum er sich an Jüngeren vergriffen habe.

Als er 20 Jahre alt ist, zieht Patrick M. aus Neumünster zurück nach Berlin. In seinem Strafregister gibt es zu dieser Zeit schon mehrere Eintragungen wegen Diebstahls, Körperverletzung, Brandstiftung und Tierquälerei. In Berlin kommen weitere hinzu. Er muss gewaltsam aus der Wohnung seiner Mutter gebracht werden, plündert geparkte Fahrzeuge, fährt betrunken und ohne Führerschein Auto, schlägt um sich, als ihn Polizeibeamte festnehmen wollen. Es gibt auch ein Vergewaltigungs-Verfahren; das wird jedoch wegen der widersprüchlichen Aussagen des mutmaßlichen Opfers eingestellt.

Im Mai 2006 verprügelt er gemeinsam mit seinem Stiefvater einen jungen Mann. Dafür wird Patrick M. im Oktober 2007 vom Amtsgericht Tiergarten zu sieben Monaten Haft verurteilt, die Strafe wird zur Bewährung ausgesetzt. Im gleichen Jahr ordnet das Amtsgericht Hohenschönhausen für Patrick M. eine amtliche Betreuung an. In einem dafür erstellten Gutachten bescheinigt eine Psychiaterin "neurotische Störungen mit Selbstunsicherheit", "soziale Phobie" und "depressive Symptome". Aber auch diese amtliche Betreuung bleibt ohne Konsequenzen. Patrick M. ist weiter auffällig. Im Januar 2008 wird ihm Sachbeschädigung vorgeworfen, im Februar 2008 Hausfriedensbruch. Doch seine Bewährung wird nicht aufgehoben. Das Amtsgericht Tiergarten verurteilt ihn stattdessen zu einer Geldstrafe von 500 Euro. Im Mai 2008 kommt es erneut zu einer Sachbeschädigung - wieder ohne spürbare Sanktion. Und die Spirale dreht sich immer schneller.

Zwei Männer grundlos verprügelt

Am 31. Juli 2009 verprügelt Patrick M. an einem Imbissstand grundlos zwei alte Männer. Er stößt sie zu Boden, schlägt sie mit einer Bierflasche, springt auf ihre Körper. Auch diese Anklage wird Teil des am 3. Januar beginnenden Prozesses sein. Opferanwalt Roland Weber, der für einen der Rentner die Nebenklage vertritt, spricht von einer "schier unglaublichen Gewalt". Sein 68-jähriger Mandant habe eine Fraktur des Brustbeins, mehrere Rippenbrüche und Hämatome am gesamten Oberkörper erlitten. "Im Nachhinein ist der Mann heilfroh, dass er überlebt hat."

Drei Monate später kommt es zu einem weiteren Vorfall: Erneut schlägt Patrick M. bei einem Streit mit einer Bierflasche zu. Sein Opfer muss mit einer Kieferfraktur ins Krankenhaus. Auch wegen dieses Vorfalls wird er von der Staatsanwaltschaft angeklagt. Das geschieht im Mai 2010. Das zuständige Gericht kommt jedoch nicht mehr dazu, das Hauptverfahren zu eröffnen und Patrick M. den Prozess zu machen. Denn wenige Tage später werden im Bruno-Taut-Ring die drei Leichen gefunden. Die Beamten der 5. Mordkommission müssen nicht lange nach dem Täter fahnden. Es gibt viele Spuren. Und es liegen die Beschreibungen der Tankstellen-Kassiererin und eines Anwohners vor, dem Patrick M. in jener Nacht eine mit Blut verschmierte Flasche Bier in die Hand gedrückt hatte.

Am 12. Juli 2010 wird Patrick M. in Neukölln, in der Wohnung eines Bekannten festgenommen. Er gibt zu, in der Wohnung der Getöteten gewesen zu sein und etwas mit ihrem Tod zu tun zu haben. Allerdings könne er sich nicht mehr an das Geschehen erinnern. Auch das Motiv ist unklar. "Ich weiß nicht, warum ich das getan habe", gibt Patrick M. zu Protokoll.