Nahverkehr

Fahren mit Berliner S-Bahn bleibt unkalkulierbar

Geduld, viel Geduld, benötigen die Berliner. Denn die S-Bahn schränkt das Angebot zum heutigen Schulbeginn abermals ein. Randgebiete sind derzeit völlig vom S-Bahn-Verkehr abgehängt, und es fahren so wenige Züge wie schon sehr lange nicht.

Es wird am heutigen Montag ein schwieriger Start ins neue Arbeitsjahr für die Nutzer der Berliner S-Bahn. Seit Sonntag ist der schon zuvor stark eingeschränkte Verkehr weiter ausgedünnt. Ganze Streckenabschnitte werden damit zu Schulbeginn nicht mehr bedient. Mit nur etwas mehr als 200 Viertelzügen, so heißen die Einheiten aus zwei Wagen, hat das Tochterunternehmen der Deutschen Bahn seinen neuen Notfahrplan gestartet. Das ist nicht einmal ein Drittel der gesamten Fahrzeugflotte, weniger Züge waren das gesamte vergangene Jahr nicht im Einsatz.

Hans-Werner Franz, Geschäftsführer des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg (VBB) spricht von einem „traurigen Rekord“. Selbst in den beiden vorangegangenen Wintern, die für die S-Bahn wegen massiver technischer Probleme bereits als Chaostage gewertet wurden, waren deutlich mehr Züge im Einsatz gewesen. Und dabei hatte das krisengeplagte Unternehmen noch im Oktober versichert, die meisten Winterprobleme im Griff zu haben und alles zu tun, um ein neuerliches Desaster zu verhindern.

Der seit Sonntag gültige Notfahrplan sollte das Rumpfangebot zumindest stabilisieren. Geplant war auf den meisten Linien ein 20-Minuten-Takt. Nur auf der Ringbahn sollten die Züge alle zehn Minuten fahren. Tatsächlich kam es auf vielen Strecken weiter zu Verspätungen. Vor allem kritisiert der Berliner Fahrgastverband Igeb aber, dass im Notfahrplan gewaltige Lücken klaffen. Betroffen sind jene Teile des Netzes, auf denen es eigentlich am besten laufen sollte, weil drei Linien jeweils im 20-Minuten-Takt parallel fahren. Rein rechnerisch könnte damit auf den Innenstadtabschnitten der Stadtbahn und der Nord-Süd-Bahn mindestens alle sieben Minuten ein Zug kommen. Tatsächlich sind die Takte aber nicht aufeinander abgestimmt. Bis zu 13 Minuten müssen Fahrgäste schon planmäßig warten. Igeb-Chef Christfried Tschepe fürchtet deshalb weitere Probleme. „Nach den 13-Minuten-Lücken wird die Zahl der Fahrgäste so groß sein, dass das Aus- und Einsteigen länger dauert und Verspätungen des ersten Zuges nach der Lücke programmiert sind“, sagt Tschepe. „Die mit dem Notfahrplan angestrebte Zuverlässigkeit wird so gerade nicht erreicht.“ Damit schlittere die S-Bahn „vom Fahrzeug- ins Fahrplandesaster“. Eine S-Bahn-Sprecherin versprach am Sonntag, das Unternehmen werde mögliche Änderungen der Takte zumindest prüfen.

"100.000 Hohenschönhauser vom Zugverkehr abgeschnitten"

Harsche Kritik am Notfahrplan kommt auch aus Berliner Bezirken und Umlandgemeinden, die seit Sonntag vom S-Bahn-Netz abgehängt sind – aus Spandau, aus Hennigsdorf, aus Strausberg oder aus Wartenberg. Allein im Norden seines Bezirks seien „100.000 Hohenschönhauser vom Zugverkehr abgeschnitten“, kritisiert der Lichtenberger Stadtrat für Stadtentwicklung, Bauen, Umwelt und Verkehr, Andreas Geisel (SPD). „Die S-Bahn versagt völlig.“ Geisel fordert sofortige Nachbesserungen. „Die Zahl der Fahrgäste in Hohenschönhausen ist so groß, dass dieses Versorgungsangebot keinesfalls ausreicht“, so Geisel.

Zum Start des Berufsverkehrs an diesem Montag soll es zumindest auf einigen Strecken Entlastung durch Regionalzüge geben. Spandauer Fahrgäste können zur Fahrt in die Innenstadt dann die Züge der Linie RB10 nutzen, die bis Charlottenburg verlängert werden. Vom 11. Januar an sollen auch die Züge der RB13 montags bis freitags ab Spandau über Jungfernheide zum Hauptbahnhof verlängert werden.

Zur besseren Anbindung des Berliner Südostens halten die Regionalexpresszüge der Linie RE2 jetzt zusätzlich in Karlshorst. Auch die private Konkurrenz hilft der Bahn. Die Niederbarnimer Eisenbahn (NEB) setzt auf der Heidekrautbahn zusätzliche Züge ein, die ohne Halt in Karow bis zum Bahnhof Gesundbrunnen fahren. Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) setzen zusätzliche U-Bahnen ein. Sie fahren im Berufsverkehr auf den Linien U5 (nur zwischen Frankfurter Allee und Kaulsdorf Nord), U6 (Tegel bis Tempelhof), U7, U8 und U9. Auf den Linien U1 und U2 sollen Züge in Reserve stehen, die bei Bedarf eingesetzt werden können. Zudem will die BVG in dieser Woche entscheiden, ob auch im Straßenbahnbetrieb eine Verstärkung möglich ist.