Bildung

Eltern fliegen auf garantierte Deutsch-Klasse

Der Versuch, in der Weddinger Gustav-Falke-Schule eine Klasse einzurichten, in die nur Kinder mit sehr guten Deutschkenntnissen aufgenommen werden, hat offenbar den Nerv der Eltern getroffen. Schon nach einem Tag der offenen Tür sind ein Drittel der notwendigen Anmeldungen eingegangen. Nun hoffen Lehrer und Eltern auf weiteren Zuspruch.

Foto: Sven Lambert

Die Gustav-Falke-Schule in Wedding ist mit der Idee, eine Klasse nur für Kinder mit sehr guten Deutschkenntnissen einzurichten, auf ein wachsendes Interesse bei den Eltern im gutbürgerlichen Nachbarbezirk Mitte gestoßen. Am Tag der offenen Tür am Donnerstag informierten sich mehr als 20 20 Eltern über das Schulprofil.

"Wir haben jetzt vier verbindliche Anmeldungen von Eltern aus Alt-Mitte für die neue Modellklasse", gab Schulleiterin Karin Müller nicht ohne Stolz bekannt.


Zwölf braucht sie, um das avisierte Ziel von Schule und Eltern zu erreichen: In der berlinweit ersten Pilotklasse sollen 50 Prozent Kinder deutscher Herkunft sein. Insgesamt 24 Schüler werden gemeinsam die Schulbank drücken. Alle Kinder - egal, welcher Herkunft - müssen einen Deutschtest bestehen, um in diese Klasse aufgenommen zu werden. Die neuen Schüler werden bereits in der ersten Klasse Englisch lernen und naturwissenschaftliche Experimente machen. Mit diesem Angebot will die Ganztagsschule vor allem die bildungsbewussten Eltern südlich der Bernauer Straße in Mitte ansprechen. Die haben sich bislang nicht für die Schule in Wedding interessiert, weil sie einen Ruf als Brennpunktschule mit fast 90 Prozent Kindern aus Migrantenfamilien hat.

Ziel des neuen Projekts ist es vor allem aber, die Integration der Kinder aus Zuwandererfamilien zu verbessern. Weil in mancher Klasse an der Gustav-Falke-Schule kaum noch ein deutsches Kind lerne, bleibe die Integration auf der Strecke, sagt Tülay Sulayman. Sie ist seit September als Sozialarbeiterin an der Schule. "Ich persönlich mit meinem türkischen Hintergrund begrüße die neue Modellklasse", sagt Sulayman. Es sei wichtig für die Migrantenkinder, dass sie endlich mit deutschen Kindern zusammenkommen, auch im Interesse einer gezielten Sprachförderung. Kinder lernen am besten die Sprache voneinander, gerade wenn es um die Phonetik und die Artikulation gehe. Dafür bräuchten sie Klassenkameraden, die deutsche Muttersprachler sind. "Ganz besonders wichtig ist es aber, dass sich bereits frühzeitig Freundschaften zwischen den Kindern verschiedener Herkunft entwickeln", sagt die Sozialarbeiterin. Wenn muslimische Kinder unter sich blieben, würden sie sich zu sehr auf die Religion fokussieren. Daher sollten sie mit deutschen Kindern zusammenkommen.

Eine Etage darüber klingt das ein bisschen anders. Lehrerin Tina Hoffmann sitzt mit einigen Müttern, zumeist türkischer Herkunft, in der sogenannten Elternklasse zusammen. Sie unterstützt die Mütter im Schulalltag mit ihren Kindern. Dilek Degler und Semsey Duran, die beide Kinder an der Schule haben, sind einer Meinung: "Wir finden die neue Klasse mit dem Sprachtest vorab nicht gut."

"Test für die Kinder ist unfair"

Über die Argumente tauschen sie sich erst kurz auf Türkisch aus, bevor Dilek Degler die Gründe dafür anführt: "Es kann ja sein", sagt sie, "dass sich ein Kind gerade an dem Tag des Tests nicht wohlfühlt und deshalb versagt." Es sei unfair, wenn es von der Tagesform abhänge, in welche Klasse ein Kind komme. Überhaupt finden es beide Mütter nicht gut, dass die Kinder mit dem Test in gute und schlechte Schüler aufgeteilt würden. Schließlich sollten die Besseren die Schlechteren mitziehen und das in einer gemeinsamen Klasse.

Doreen Üzdiyen ist Gesamtelternvertreterin. Sie ist als Deutsche zum Islam übergetreten, ihr Mann ist türkischer Herkunft. "Wir haben in der Schulkonferenz über die neue Klasse abgestimmt", sagt die junge Frau. Alle seien über die Idee froh gewesen. Schließlich hätten alle ein Interesse daran, dass die Kinder die deutsche Sprache beherrschen. Dafür brauche man wieder mehr deutsche Muttersprachler an der Schule. Nur eine Sorge plagt sie. Nämlich, dass nicht genug Kinder für das Modellprojekt zusammenkommen könnten.

Zum Tag der offenen Tür ist auch Hans-Joachim Lange mit Frau und Kindern gekommen. Der Weddinger hat bereits selbst die Schule besucht, jetzt soll Sohn Erik dort eingeschult werden. Der Grund dafür ist nicht die neue Deutschklasse. Er hat viele Gründe: die schöne Mensa, der Freizeitraum, die naturwissenschaftlichen Experimente. Von der Deutschklasse hat er noch nichts gehört. "Müssen die Kinder nicht sowieso Deutsch können, wenn sie in die Schule kommen?", fragt seine Frau Marlis ein bisschen ratlos. Schließlich hören sie sich die neue Offerte an und finden sie nicht schlecht. "Es ist doch gut, dass die Kinder, die schon gut Deutsch können, vorankommen und entsprechend ihres Niveaus gefordert werden", sagt Hans-Joachim Lange. Und genauso gut könnten die anderen, die noch nicht so weit wären, besonders gefördert werden. Sonst würden ja die, die hinterherhinken, schnell den Mut verlieren.

Der Tag der offenen Tür hat auch Karin Müller Mut gemacht. Sie wird weiterhin in die Kitas nach Alt-Mitte gehen, um für ihre Schule und ihre Modellklasse zu werben.