Musik-Szene

Knaack-Club schließt an Silvester endgültig

Ob Sisters of Mercy, Die Toten Hosen oder Rammstein - sie alle spielten im legendären Knaack. Nun schließt ein weiterer Traditionsclub in Berlin. Die Musikszene reagiert verunsichert.

Matthias Harnoß sieht den Kran und wundert sich, was sie da eigentlich bauen, direkt hinter der Bar des Knaack-Clubs an der Greifswalder Straße 224. Er geht also hin und fragt, welches Gebäude da geplant oder wie das mit der Baugenehmigung gelaufen ist, wie dick denn die Wände sein sollen und was das überhaupt für Wohnungen sind, die dort entstehen. Dann erhebt er Einspruch gegen den Plan der Architekten, der viel zu dünne Wände vorsieht, durch die man jeden Schlag auf der E-Gitarre so hört, als stünde man selbst im Knaack-Club. Sein Einspruch wird umgesetzt, und die Bewohner können in Ruhe schlafen, Wand an Wand an dem wohl ältesten Club Berlins. Doch so ist es eben nicht gekommen.

Wie seine anderen Mitinhaber hat Matthias Harnoß den Neubau hinter der Wand der Bar nicht weiter beachtet. Die Architekten planten die Wand wirklich zu dünn, die Menschen zogen ein, und Ende 2008 kamen die ersten Beschwerden. Die Anwohner setzten gerichtlich durch, dass die Bands nachts auf Zimmerlautstärke spielen müssen. Matthias Harnoß ist aber nicht traurig deswegen. Matthias Harnoß ist schlicht wütend. "Mit Sentimentalität habe ich nichts am Hut", sagt der 39-Jährige. "Aber ich habe jedes Gefühl für Rechtsstaatlichkeit in diesem Land verloren." Doch die Schließung des Knaack zeigt gleichzeitig auf, wie weit sich die Veränderung der Wohngebiete in Berlin auf die Untergrundszene der Stadt auswirken kann.

Der Club "Knaack" öffnete im Jahr 1952 in den Räumen des ehemaligen "Ernst-Knaack-Jugendheims" und hat seine Zielgruppe seitdem nie verloren. Immer kamen die 16- bis 25-Jährigen an die Greifswalder Straße, um einander kennenzulernen oder einfach Berliner Nächte zu feiern. Über die Jahre konnte sich der Club immer ein kleines Stück erweitern, einen Konzertraum öffnen, den Keller zum Tanzen freigeben und damit auch jungen Bands eine größere Fläche für erste Auftritte bieten. Wer behauptete, einen bestimmten Song "schon gekannt zu haben, bevor es cool war, ihn zu kennen", der war meist ein Knaack-Besucher. An der Greifswalder Straße gaben sie häufig ihre ersten Berlin-Konzerte: Knorkator, Interpol, Sisters of Mercy, Sportfreunde Stiller, Keimzeit, Kean, Deichkind, Die Toten Hosen, Rammstein, Subway To Sally oder die Yeah Yeah Yeahs. Matthias Harnoß hat mit seinen rund 50 Knaack-Kollegen dafür gekämpft, dass diese Tradition auch über das Jahr 2010 weiterleben kann. In der ersten Instanz konnte sich der Anwalt des Clubs durchsetzen, doch schon damals wollte keine Feierstimmung aufkommen. "Wir wussten, dass dieses Verfahren in die zweite Instanz gehen würde."

Dann im Mai 2010 das endgültige Urteil. "Man hatte uns endgültig verboten, laut zu sein", sagt er. "Damit nahmen sie uns die Existenzgrundlage." Die Gäste wurden weniger, und die, die kamen, sagten, dass es bei ihnen zu Hause lauter sei als in ihrem Lieblingsclub. Auch die Einführung einer Karaoke-Party konnte das Ruder nicht mehr herumreißen.

Clubs haben keine Lobby

Gekämpft für den Knaack hat auch Lutz Leichsenring von der Clubcommission. Rund die Hälfte der insgesamt 300 Clubs ist Mitglied dieser Organisation. "Clubs haben in Berlin noch immer keine große Lobby unter Politikern", sagt der Sprecher der Commission. "Letztlich waren auch die Versprechen der Politiker, die Ansiedlung neuer Clubs zu unterstützen, bislang nur Lippenbekenntnisse." Er selber wolle den Wandel des Bezirks nicht verteufeln, aber er verstehe nicht, wie Berlin in der ganzen Welt für einen "Sommer 2011" werben könne und andererseits tatenlos zusehe, wenn bekannte Institutionen wie die Bar25, Kiki Blofeld oder eben der Knaack-Club schließen müssen.

Andere konnten gerade noch gerettet werden, wie das Kreuzberger SO36 und das Icon in Prenzlauer Berg. Beide Clubs hatten Probleme mit Baugenehmigungen oder Lärmbelästigung. Pamela Schobeß vom Icon war froh über die Unterstützung vieler bekannter Musiker, den Icon-Stammgästen und auch der Pankower Bezirksverordneten-Versammlung. Letztlich wurde so die Schließung verhindert. "Das Bezirksamt hatte einfach gemerkt, da passiert etwas, und sie mussten reagieren." Die Schließung des Knaack hält sie für einen großen Fehler, der der Stadt auf lange Sicht schaden könne. "Berlin ist europaweit durch seine Club- und Musikkultur bekannt", sagt sie. "Wir sind ein wichtiger Wirtschaftszweig geworden, der noch zu wenig von Politikern beachtet wird."

Pankows Bezirksstadtrat Jens-Holger Kirchner (Grüne), der auch Leiter der Abteilung Öffentliche Ordnung ist, weiß um die Wichtigkeit der Clubs – sieht aber auch die Probleme, die sich durch die Veränderungen in seinem Bezirk ergeben. "Lärmschutz ist ein hohes Gut in der Bundesrepublik", sagt er. Aber gerade in Prenzlauer Berg sei das komplizierter. "Die wilden Neunziger sind in diesem Bezirk endgültig vorbei", sagt Kirchner weiter. Auch Bars wie "Das Schmutzige Hobby" schließen, nachdem es 25 Anwohnerklagen wegen Lärmbelästigung gab, und ziehen nach Friedrichshain. "Aber wir haben auch mit dem Knaack-Club über mehrere neue Standorte verhandelt."

Keine Lust auf "Knaack2"

Matthias Harnoß und seine Kollegen hatten nach den letzten zwei anstrengenden Jahren zunächst keine Lust auf einen Neuanfang. "Wer weiß", sagt er, "vielleicht machen wir irgendwann noch einmal einen neuen Knaack-Club." Doch im Moment ist er froh, dass alle Festangestellten eine mehr oder weniger sichere Anstellung in anderen Clubs und Unternehmen gefunden haben. Ein Kollege studiert zum Beispiel ab dem kommenden Semester: ausgerechnet Wirtschaftsrecht. Die Internetseite des Knaack will Harnoß weiter pflegen, und sei es nur, um anderen Berliner Clubs zu zeigen, wie schnell auch eine Traditionseinrichtung wie der Knaack sein Bleiberecht verlieren kann.

Wie stark die Szene schon jetzt verunsichert ist, merkt, wer mit Sabine Ennet vom Duncker-Club redet. "Neben uns wird auch gerade ein Haus gebaut", sagt die Mitbetreiberin des Clubs im Prenzlauer Berg. Im Prinzip erlebt Sabine Ennet damit genau jetzt den Zeitpunkt, zu dem die Knaack-Betreiber noch einmal zurückspulen würden, wenn sie könnten. "Die Verwaltung hat mir zugesichert, den Bauherrn Bescheid zu geben, dass hier ein Club ist, den sie in ihre Planung mit einbeziehen müssen." Eine andere Antwort hat sie bisher noch nicht erhalten.

Matthias Harnoß hat von den Sorgen der Kollegen gehört. Klar, der Buschfunk funktioniert noch. Doch er sieht nicht nur Prenzlauer Berg betroffen. Was hier passiere, betreffe ganz Berlin. "Auch in Kreuzberg und Friedrichshain werden irgendwann Miethaie mit Bauprojekten den Takt angeben." Er winkt ab. Er ist noch zu wütend und will nicht immer wieder davon anfangen. Dabei wäre nun der Tag, emotional zurückzuschauen. Auf die Zeit, als die Schlange vor dem Knaack bis um die Häuserecke ging. So wie das am Silvesterabend sein wird. Nur, dass am Fenster ein Schild hängt, auf dem ganz unsentimental steht: "Heute: Der letzte Abend".

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