Fall Schönfließ

Gutachten entlastet Berliner Polizisten

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Axel Lier

In der Silvesternacht starb im brandenburgischen Schönfließ Intensivtäter Dennis J. durch die Schüsse eines Berliner Polizisten. Gegen drei Berliner Polizisten wird in diesem Fall ermittelt. Ein Geräusch-Gutachten sollte klären, ob die Beamten zwischen Böllern und tatsächlichen Schüssen unterscheiden konnten.

Mehr als zehn Monate nach den tödlichen Schüssen eines Berliner Polizisten auf einen Straftäter in Schönfließ (Oberhavel) liegt den Behörden jetzt ein Gutachten vor, das die beiden Kollegen des mutmaßlichen Schützen zum Teil entlastet. Es kann demnach nicht ausgeschlossen werden, dass die Beamten tatsächlich nicht in der Lage waren, die Schussgeräusche von den Detonationen angeblicher Silvesterböller zu unterscheiden.

Rückblick: Drei Berliner Polizisten hatten am Silvesterabend versucht, den 26-jährigen Dennis J. an der Feldahornstraße festzunehmen. Dabei soll ein 35-jähriger Zivilpolizist mehrfach auf den im Wagen sitzenden Mann geschossen und diesen tödlich verletzt haben. Gegen den Beamten war Haftbefehl wegen Verdacht des Totschlags erlassen worden; er wurde aber mittlerweile aufgehoben. Gegen seine beiden Kollegen wird wegen des Verdachts der Strafvereitelung im Amt ermittelt. Sie hatten ausgesagt, dass sie die Schüsse ihres Kollegen wegen des Lärms von Silvesterknallern nicht gehört hätten.

Die ermittelnde Staatsanwaltschaft in Neuruppin ließ daraufhin prüfen, ob dies der Wahrheit entsprechen könnte. Das Landeskriminalamt (LKA) erstellte im Mai ein Behördengutachten zu den „Differenzen von Schuss- und Feuerwerkskörpergeräuschen“. Auf dem Bundeswehrübungsplatz in Lehnin (Potsdam-Mittelmark) wurde die Tatortsituation nachgestellt. Drei Testpersonen – allesamt Polizeibeamte – mussten nacheinander in einem Opel Astra Platz nehmen. Mit einem Wagen dieses Typs waren die Berliner Polizisten damals nach Schönfließ gefahren. Den Testpersonen wurden die Augen verbunden, Motor und Lüfter des Autos bei geschlossenen Türen eingeschaltet. Zum Teil mussten die Beamten zeitgleich mit dem Lagedienst der Polizei in Potsdam telefonieren – so wie es die Berliner Polizisten in der Tatnacht mit ihrer Dienststelle taten. Waren sich die Testpersonen sicher, eine Schussabgabe gehört zu haben, hoben sie im Wagen eine rote Kelle. Die Schüsse wurden aus der Dienstwaffe des Schützen abgefeuert, jeweils aus unterschiedlichen Entfernungen zum Opel. Abwechselnd wurden auch handelsübliche China-Böller gezündet.

Das Ergebnis der Untersuchung ist laut Gutachten nicht eindeutig: Denn die Gewissheit darüber, dass die Beschuldigten „derartige Geräusche am Ereignisort zu den damals bestehenden konkreten Bedingungen gehört“ und, wichtiger noch, ob sie diese Geräusche voneinander unterscheiden konnten, „lässt sich aus den Ergebnissen dieser Untersuchung nicht ableiten“, heißt es in dem Gutachten.

Offiziell dauern die Ermittlungen noch an. Es könne noch nicht gesagt werden, wann die Ermittlungen abgeschlossen sind, sagte Lolita Lodenkämper von der Staatsanwaltschaft Neuruppin.

Der Rechtsanwalt der Familie des Getöteten, Thomas Worm, kritisierte unterdessen die lange Dauer des Verfahrens: „Das Erinnerungsvermögen der Zeugen wird erheblich unter dieser Zeitverzögerung leiden.“ Zudem sei ein Affront, dass der mutmaßliche Schütze auf freiem Fuß sei, trotz der Schwere der ihm vorgeworfenen Tat.