EM-Finale

Warum die Fanmeile eine Sparversion bleibt

Vor zwei Jahren war die Berliner Fanmeile das Epizentrum der WM-Begeisterung. Zur EM 2008 ist die Feier-Zone kleiner ausgefallen - und in dieser Sparversion kommt sie wirtschaftlich nicht so richtig in Gang. Darum wird sie auch nicht verlängert. Das nämlich rechnet sich nicht - weil diejenigen, die Umsatz bringen, eher wenig interessiert sind.

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Hunderttausende jubelnde Fans, ein Fahnenmeer in Schwarz-Rot-Gold, fröhliche und friedliche Menschen in fortgeschrittener Fußball-Euphorie. Das ist die eine Seite der Fanmeile am Brandenburger Tor. Spärlicher Besuch an den spielfreien Tagen, die geplatzte Verlängerung zum Finale am Sonntag und Ärger um den Besuch der deutschen Nationalmannschaft. Das ist die andere. Die Fanmeile – während des „Sommermärchens“ 2006 Epizentrum deutscher und internationaler WM-Glückseligkeit – kommt in ihrer Sparversion 2008 nur langsam in Gang.

Für das Finale selbst am Sonntag öffnet die größte Fanmeile Europas um 11 Uhr. Für viele überraschend verzichten die Veranstalter auf eine Verlängerung der Meile, nachdem die Behörden bereits grünes Licht gegeben hatten. Sie bekommt aber eine zusätzliche, vierte Videowand zwischen Yitzhak-Rabin-Straße und Kleinem Stern. Damit sollen die Menschenmassen in der Partyzone „entzerrt“ werden und sogar ein paar mehr Platz finden.

Veranstalter Willy Kausch sprach von einer „qualitativen Erweiterung“, weil Tausende zusätzliche Fans nun freien Blick auf das Spiel haben können. Am Mittwochabend habe es während der Übertragung Lücken und leere Flächen gegeben in den Bereichen, die keine gute Sicht auf die Videowände boten. Mit dem zusätzlichen Screen sollen noch mehr Fans auf der Meile das Spiel genießen können.

Später Start rechnet sich für viele nicht

Erstmals nannte Kausch auch Gründe, warum die erwartete Verlängerung bis zum Großen Stern nicht kommt. Die Erweiterung hätte sich nur gerechnet, wenn der Abschnitt bis zum Großen Stern auch mit Getränke-, Imbiss- und Fanartikel-Buden hätte bestückt werden können. Händler, die Interesse daran gehabt hätten, für nur ein Spiel ihre Stände aufzubauen, habe es aber kaum gegeben.

Das Hauptproblem sieht Kausch aber im späten Start der Fanmeile. Hätte das Fanfest bereits von der Vorrunde an die Magnetwirkung aus WM-Tagen entfalten können, seien Sponsorensuche, Vermarktung und Händlerakquise viel einfacher gewesen, kritisiert der Veranstalter den Senat, der die Fanmeile erst vom Halbfinale an genehmigt hatte. „Uns fehlt jetzt der Schwung von der Vorrunde“, sagte der 51-Jährige. Mit der nur einwöchigen Fanmeile hätten die Veranstalter bereits ein „hohes finanzielles Risiko“ auf sich genommen. Eine Erweiterung mit kilometerlangen zusätzlichen Absperrungen ohne entsprechende Gegenfinanzierung durch Standgebühren und Sponsoren sei ein „immenser Kostenfaktor“.

500.000 Fans hatten das Halbfinalspiel der deutschen Mannschaft gegen die türkische auf der Fanmeile verfolgt, weitere 200.000 wollten mitfeiern, doch die Eingänge mussten wegen Überfüllung geschlossen werden. Zum zweiten Halbfinale zwischen Russland und Spanien kamen nach Veranstalterangaben 100.000 Menschen.

Standbetreiber verärgert

Standbetreiber Alim Maraz sollte einen dritten Stand aufbauen, im hinteren Abschnitt der Fanmeile. Das Okay habe er Freitagmorgen bekommen. Er kommt aus Nürnberg und verkauft Fruchtbowle. Maraz schüttelt den Kopf über die Stadt und den Bürgermeister. Seit Februar stünden alle seine Termine, alle Straßenfeste in ganz Deutschland, bei denen er verkauft, fest. „Nur Berlin konnte sich bis in letzter Sekunde nicht entscheiden, ob und wann es eine Fanmeile geben und wie groß sie werden soll. Wie soll ich so kalkulieren? Das ist ein Chaos!“

Bisher sei das Geschäft mit seinen Bowlen schlecht gelaufen, „in der kurzen Zeit war doch die Organisation für ein Unterhaltungsprogramm kaum möglich.“ Das hätte auch tagsüber Besucher angelockt. „Während der WM kamen mehr Erwachsene und Familien. Diesmal kommen in erster Linie Jugendliche. Die haben kaum Geld, kaufen einen Becher Bowle mit drei Strohhalmen.“ Auch ein Verkäufer am Grill im hinteren Teil der Meile hat mehr erwartet: „Mehr Action und Programm, nicht nur vorn auf der Bühne, sondern auch hier hinten.“

Die meisten Händler hoffen noch auf ein erfolgreiches Wochenende. „Am Mittwoch lief das Geschäft, an den übrigen Tagen war kaum was los hier“, bilanziert ein Wurstverkäufer. Eine Verkäuferin am Kaffeestand sagt: „Die Fanmeile kommt zu spät. Das ist peinlich für die Hauptstadt.“ Sie könne sich vorstellen, dass sie mit ihrem Angebot nicht das Gros der Fanmeilen-Klientel anspreche. „Hier geht's um Fußball. Die Leute wollen Bier trinken und feiern.“ Offenbar hat sie recht – die junge Frau, die an einem Stand ganz weit hinten Bier zapft, sagt: „Wenn Deutschland spielt, ist's hier voll.“

500.000 Besucher zum Finale erwartet

Dass die deutsche Elf den Finaleinzug geschafft hat, ist für die Fanmeilen-Macher angesichts einer durchwachsenen Bilanz ein Glücksfall. Zum Endspiel erwartet sie mehr als 500.000 Fans auf der Straße des 17. Juni. Schon am Sonnabend soll mit einer Party die Stimmung angeheizt werden.

TV-Spaßmacher Oliver Pocher wird um 18 Uhr zum Fan-Coach. Er wird auf der Fanmeile die Fans trainieren und mit ihnen das richtige Anfeuern der deutschen Nationalelf üben. Die passenden Reaktionen auf Ecken und Elfmeter sowie das intensive Jubeln nach Toren und eine Laola-Welle sollen schon mal geprobt werden. Die Bilder dieser „Trainingseinheit“ sollen der Nationalmannschaft zur Motivation nach Wien übermittelt werden. Anschließend stehen Künstler wie Mark Medlock, Marquess, die Rednex und Die Fraktion auf der Bühne.

Empfang der Nationalelf am Montag

Während die Veranstalter hoffen, dass ihr Entertainment-Konzept bis zum Endspiel aufgeht, braut sich schon neues Ungemach zusammen. Der von den Fans heiß erwartete Besuch der Nationalelf auf der Fanmeile soll nach Angaben des Deutschen Fußballbundes (DFB) am Montag bereits um 14.30 Uhr stattfinden. Grund für den frühen Termin seien schlechte Flugverbindungen nach Berlin und von dort in die Heimatstädte der Spieler, hieß es aus DFB-Kreisen.

Der Team-Manager der deutschen Nationalmannschaft, Oliver Bierhoff, sagte, der Montag sei zwar ein normaler Arbeitstag, aber er hoffe noch einmal auf eine letzte Kraftanstrengung bei Arbeitgebern oder den Schulen, damit es eine große Kulisse gibt. Das Team werde in Berlin feiern – „ganz egal, wie das Finale ausgeht“. Gerade nach den schönen Erfahrungen bei der WM 2006 wolle sich das Team nun nach der EM auf diese Weise bedanken.

Nationalspieler Torsten Frings sagte, es sei nach den sehr guten Erfahrungen von 2006 für die Mannschaft keine Frage gewesen, dass man wieder auf die Fanmeile wolle. Aber diesmal wolle man den Fans auch etwas mitbringen. „2006 hat doch etwas gefehlt“, sagte er mit Verweis auf das verpasste WM-Finale vor zwei Jahren. Oliver Bierhoff hat zudem ein weiteres Dankeschön für die Fans versprochen. Bei einem der nächsten Länderspiele werde es bei der Nationalmannschaft einen Tag der offenen Tür mit großem Rahmenprogramm geben.

Die Planungen des DFB sehen vor, dass das Team von Joachim Löw nach der Landung auf dem Flughafen Tegel mit Bussen zum Pariser Platz fährt, um sich auf der Bühne am Brandenburger Tor den Fans zu zeigen. Die Fanmeile öffnet bereits um 10 Uhr ihre Tore. Bis zum Eintreffen der Mannschaft wird es verschiedene Bühnenaktionen geben. Mit dabei sein wird unter anderem die Band „Die Fraktion“ mit ihrem EM-Song „Schwarz, rot, gold - Wir sind das Team“. ARD und ZDF wollen den Auftritt der deutschen Nationalmannschaft ab 14.10 Uhr in einer gemeinsamen Sendung präsentieren.

Fanmeilen-Veranstalter Kausch äußerte am Freitag sein „Bedauern“ über die Entscheidung, den Mannschaftsempfang nicht auf den Abend zu verschieben. Hauptsorge der Veranstalter: Am frühen Nachmittag könnte die deutsche Mannschaft im schlimmsten Fall auf eine nur spärlich gefüllte Kulisse treffen: „Wenn nicht mindestens 100.000 Fans da sind, sieht die Meile optisch leer aus.“ .

Wowereit ist begeistert

Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) begrüßte die Entscheidung für Berlin als Ort der Europameisterschaftsfeier des DFB-Teams. Dies sei ein „wunderbares Signal der Verbundenheit mit der Hauptstadt“, sagte er. „Wir freuen uns jetzt alle auf ein tolles Endspiel und wünschen der Nationalmannschaft viel Glück“. Schon jetzt habe die Mannschaft gezeigt, dass sie auch „hohe Hürden“ überwinden kann.

Wowereit zeigte sich überzeugt, dass die Berliner den Spielern am Montag unabhängig vom Verlauf des Endspiels einen „fröhlichen und begeisternden Empfang“ bereiten werden. Die ganze Stadt freue sich auf die deutsche Mannschaft. Der Regierende Bürgermeister wird selbst beim Endspiel gegen Spanien im Wiener Ernst-Happel-Stadion dabei sein. Er folgt einer Einladung seines Wiener Amtskollegen Michael Häupl.

Bildungssenator fordert EM-frei für Schüler

Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) zeigt indessen großes Verständnis für die Fußballbegeisterung vieler Schüler. Der Senator forderte die Berliner Schulleiter auf, den Schülern am Montag das Feiern beim geplanten Empfang der deutschen Nationalmannschaft am Brandenburger Tor zu ermöglichen. „Ich möchte Sie bitten, für ihre Schule Regelungen zu treffen, die es Schülerinnen und Schülern auf deren Wunsch ermöglichen, am Empfang teilzunehmen und zu feiern“, hieß es in einem Schreiben an die Schulleiter. Ein generelles „schulfrei“ am Montagmorgen wegen der späten Übertragung des Finales gegen Spanien am Sonntagabend (20.45 Uhr) in Wien könne es aber nicht geben.

mit dpa/apä