Integration

An der Hoover-Schule herrscht Deutsch-Pflicht

In der Hoover-Schule in Berlin-Wedding wird Integration praktiziert, obwohl auf dem Schulhof nur in einer Sprache gesprochen werden darf: Deutsch. Gegen die Vorwürfe einer "Zwangsgermanisierung" wehren sich vor allem die Schüler.

Foto: picture-alliance/ ZB / picture-alliance/ ZB/dpa-Zentralbild

Nach dem Klingelzeichen stehen die Zehntklässler der Herbert-Hoover-Oberschule in Wedding schlaksig an ihren Bänken und murmeln dem Lehrer ein „Guten Tag“ entgegen. Auf dem Stundenplan steht Deutsch, das für alle Schüler dieser Klasse nicht die erste Muttersprache ist. Ihre Eltern sind aus Bosnien oder aus dem Libanon oder aus der Türkei nach Berlin gekommen. An der Schule trifft das für 90 Prozent der Schüler zu.

Ömer war gerade zwei Monate alt, als seine Mutter mit ihm aus der Türkei hierher zog. 17 Jahre ist das her. „Richtig Deutsch sprechen gelernt habe ich aber erst an der Herbert-Hoover-Schule“, sagt Ömer. Für ihn ist die Sekundarschule mitten im Weddinger Brennpunktkiez an der Panke „die beste der Stadt“. Ömer wohnt zwar in Neukölln. Dort hatte er es zunächst sogar bis aufs Gymnasium geschafft, scheiterte jedoch im Probehalbjahr; es haperte an der Sprache. Ömer wechselte an die Weddinger Realschule.

Die Herbert-Hoover-Schule ist vor vier Jahren in ganz Deutschland und darüber hinaus bekannt geworden, weil sie Deutsch als Pflichtsprache auch auf dem Pausenhof eingeführt hat. Der Beschluss von Eltern, Schülern und Lehrern war heftig umstritten. Sogar „Zwangsgermanisierung“ musste sich die Schule von einer türkischen Zeitung vorwerfen lassen. Doch die Schüler verteidigten gegenüber Medienvertretern aus dem In- und Ausland ihre Entscheidung. 2006 wurde die Schule sogar mit dem Deutschen Nationalpreis ausgezeichnet, verbunden mit 75.000 Euro Preisgeld. Er würdigt das Eintreten für das Zusammenwachsen und Vereinigung Deutschlands und Europas.

In den folgenden vier Jahren an der Schule viel verändert. Deutsch wurde mit einem zum Schwerpunkt der Schule. Es gibt Autorenlesungen, die Schüler lesen pro Schuljahr selbst mindestens zwei Bücher auf Deutsch und sie spielen im Unterricht Theater.

Hausbesuch bei jedem neuen Schüler

Bei der Aufnahme unterschreiben die Neuen und deren Eltern nicht nur das Deutschgebot in den Pausen. „Mit allen neuen Schülern wird ein Bildungsvertrag geschlossen“, sagt Schulleiter Thomas Schumann. Jeder angehende Siebtklässler bekommt noch vor dem ersten Schultag an der Hubert-Hoover-Schule einen Hausbesuch von seinem zukünftigen Lehrer und einem der drei Sozialpädagogen. „Das erleichtert die Zusammenarbeit mit den Eltern sehr“, sagt Schumann. Da es sich bei den Hausbesuchen nicht um eine disziplinarische Maßnahme handelt, sondern um eine Geste des Kennenlernens, würden die Familien freundlich und einladend reagieren. Es sei wichtig, dass der erste Kontakt nicht erst dann stattfindet, wenn ein Problem mit dem Schüler auftaucht.

Während des Hausbesuches wird auch der besondere Verhaltenskodex an der Schule erklärt. Allein für die Unterrichtsstunde gibt es sieben Regeln. So muss, wer fünf oder mehr Minuten zu spät kommt, bis zum Ende der Stunde draußen warten, damit der Unterricht nicht gestört wird. Zu Beginn der Stunde müssen die Schüler in ordentlicher Haltung an ihrem Platz stehen.

„Das hat gar nichts mit militärischem Drill zu tun“, sagt 60-jährige Schulleiter, als müsse er sich entschuldigen. Er selbst habe umdenken müssen: „In den 70er-Jahren haben wir die konservativen Schulleiter ausgelacht, die auf solche Riten bestanden haben.“ Doch heute wisse er, dass solche Riten helfen können, um die Lernbereitschaft zu Beginn der Stunde herzustellen.

Eine gute Vorbereitung für die Berufswelt

Wenn Thomas Schumann durchs Schulhaus läuft, wird er freundlich gegrüßt, häufig per Handschlag, wer ein Basecap auf dem Kopf hat, nimmt es lächelnd ab. „Wir wollen, dass die Schulabgänger ernst genommen werden in der Berufswelt“, sagt er. Hier würden sie lernen, welche Umgangsregeln dazu gehören. Wer das nie geübt habe, könne es auch nicht auf Knopfdruck, wenn das Berufsleben beginnt.

Ömer hat keine Angst vor der Zukunft. „Ich bin mir sicher, dass ich mit einem guten Abschluss einen Ausbildungsplatz finde“, sagt er, obwohl er eigentlich noch gar nicht weiß, was er für einen Beruf lernen will. Eigentlich träumt er von einer Karriere als Profifußballer. Aber darauf könne man ja nicht bauen, meint er. Dass er den Mittleren Schulabschluss schafft, steht für ihn nicht in Frage. Vielleicht macht er sogar das Abitur.

Wer Schwierigkeiten hat, bekommt an der Herbert-Hoover-Schule auf Wunsch Nachhilfeunterricht und zwar kostenlos, ganz ohne Chipkarte oder Gutscheine. Die Schule hat dafür einen Kooperationsvertrag mit der Volkshochschule.

Erfolgsmodell Hoover-Schule

Die Prüfungen für den Mittleren Schulabschluss haben an Hoover-Schule 75 Prozent der Schüler bestanden. Das liegt um drei Prozent über der berlinweiten Quote für Schüler mit Migrationshintergrund. 15 Prozent der Schüler haben sogar die nötige Punktzahl erreicht, um das Abitur anzustreben. Bei der Suche nach Praktikums- und Ausbildungsplätzen hilft der sogenannte Jobrouter, der in der Schule sein ständiges Büro hat. Jeder Schüler der neunten und zehnten Klasse erhält von einem Mitarbeiter eines Freien Trägers Unterstützung bei Bewerbungen. Dadurch konnte die Vermittlung in betriebliche Ausbildungsplätze erheblich gesteigert werden, so der Schulleiter. „Wir halten nichts davon, dass unsere Schüler in irgendwelchen Maßnahmen hängen bleiben, die nur als Warteschleife dienen“, sagt Schumann.

Die neuen Siebtklässler lernen sich erst einmal beim Theaterprojekt in der Aula kennen. Eine Woche lang üben sie mit Hilfe von zwei Theaterpädagoginnen ein Stück ein. Die Farbe an den Aulawänden ist noch frisch, die große Bühne mit dem roten Samtvorhang gerade erst fertig geworden. Lange musste die Schule auf die Renovierung warten. „Das Geld für die Bühne war zwar dank des Nationalpreises da, aber dem Bezirk fehlten die Mittel für die Sanierung der kriegsbeschädigten Aula“, erklärt der Schulleiter. Schließlich kam die Finanzkrise zu Hilfe. Die Schule, deren gesamter Standort zwischenzeitlich in Frage stand, erhält aus dem Konjunkturprogramm sechs Millionen Euro für die Herstellung der Aula und die Sanierung eines Nebengebäudes.

Die jungen Schauspieler der siebente Klasse arbeiten von der ersten bis zur fünften Stunde konzentriert an ihren Rollen. Wer gut ist, darf schon mal seinen Part auf der großen Bühne zeigen. Sedef wirft selbstbewusst ihren langen geflochtenen Zopf nach hinten und breitet die Arme wie zum Fliegen aus. Die Schüler sollen Helden spielen. Ihre Eltern hätten gesagt, an der Hoover-Schule lerne sie Disziplin, sagt die Zwölfjährigen. Und sie wollte das auch. „Jeder der hier ist, ist freiwillig hier“, sagt sie. Schließlich ist es nicht so leicht, aufgenommen zu werden. Auf 80 Plätze in den siebenten Klassen kommen 140 Anmeldungen. Ab dem kommenden Schuljahr kann die Schule 60 Prozent der Siebtklässler nach Leistung auswählen.

Im Januar ist der erste Auftritt der Siebtklässler geplant. Als Zuschauer sind die Schüler der umliegenden Grundschulen eingeladen. „Wir haben einen Kulturverbund von der Kita bis zum Oberstufenzentrum gegründet, um den Eltern schon in der Kita zu zeigen, welche Etappen der Bildungsweg hat und dass die Grundlagen schon im Vorschulalter gelegt werden“, sagt Schumann. Selbst die Kitagruppen können die neue Bühne und die Aula der Sekundarschule nutzen.