Radikale Maßnahme

Tierschützer wollen Kastrationspflicht für Katzen

Bis zu 100.000 verwilderte Katzen sollen durch Berlin streunen. Und es könnten immer mehr werden. Tierschützer in der Hauptstadt fordern deshalb eine Kastrationspflicht.

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Katzen sind eigensinnig. Im Gegensatz zum Hund lassen sie sich nicht an die Leine nehmen, begleiten den Menschen nicht auf Schritt und Tritt. Vielleicht liegt in dem Eigensinn auch die Ursache, dass immer mehr Katzen nicht in Berlins Wohnungen auf dem Sofa schnurren, sondern sich auf Straßen und Müllbergen der Stadt tummeln. Ein freies Leben ohne Herrchen und Frauchen wie in dem schönen Walt-Disney-Film "Aristocats" führen. Berlins Tierschützer finden das allerdings nicht so komisch. Zehntausende verwilderte Hauskatzen würden durch die Stadt streifen, Krankheiten untereinander verbreiten und oft kläglich verhungern. Und dann zeichnen Tierschützer noch ein demografisches Horrorszenario auf: Es werden immer mehr Katzen.

Um die "Katzenschwemme" in den Straßen einzudämmen, fordern Tierschützer nun radikale Maßnahmen. Der Tierschutzverein Berlin (TVB) hat der Umweltsenatorin Katrin Lompscher (Die Linke) einen Brief geschrieben, in dem er eine Kastrations- und Kennzeichnungspflicht für sämtliche Katzen fordert, die Zugang zum Freien haben. Bis jetzt ist die Kastration der Haustiere für ihre Besitzer freiwillig, käme ein entsprechendes Gesetz oder eine Verordnung, könnten bis zu 300 Euro Strafe drohen, wenn Katzenhalter ihren unkastrierten Lieblingen Freigang gewähren. Katzen können zwei bis drei Mal im Jahr bis zu sechs Junge werfen, so können rein rechnerisch aus zwei Katzen in sieben Jahren 420.000 und in acht Jahren bereits 2,5 Millionen werden.

Im Tierheim warten derzeit 700 Katzen

Geht man in Berlin durch die Straßen, drängt sich noch nicht unbedingt der Eindruck auf, man habe es mit einer gewaltigen Katzenplage zu tun. Viel wahrscheinlicher, als eine streunende Katze anzutreffen, ist es, einer Ratte über den Weg zu laufen. Dennoch tippt Marcel Gäding vom Berliner Tierschutzverein auf "irgendwas zwischen 40.000 und 100.000", wenn man ihn nach der Zahl streunender Katzen in der Hauptstadt fragt. Informationen über die Population der Straßenkatzen erhält er von 100 Freiwilligen, die an fest eingerichteten Futterstellen täglich die Katzen füttern. "Meist sind das ältere Damen", sagt Gäding, aber die kennen ihre schnurrende Kundschaft gut. Wenn sie neue Tiere antreffen, benachrichtigen sie den Tierschutzverein, der dann mit seinem Außendienst vorbeikommt. Die Katzen werden eingefangen, kastriert und wieder an den Futterstellen ausgesetzt. Auf diese Weise werden 800 bis 1000 Berliner Katzen pro Jahr kastriert.

Auf die gleiche Weise kommen noch einmal rund 700 Kastrationen hinzu, die der Tierschutzverein "Aktion Tier" durchführen lässt. Der Verein betreut im Rahmen seines "Projekts Kitty" in Berlin 350 feste Futterstellen, an denen sich 240 ehrenamtliche Helfer um rund 3000 herrenlose Miezen kümmern. Dazu betreut das Tierheim Berlin pro Jahr 3500 bis 4000 Katzen. Aktuell warten dort fast 700 Tiere auf einen neuen Besitzer.

Beim Senat sieht man kein Anlass zum Handeln

In der Senatsverwaltung für Gesundheit, Umwelt und Verbraucherschutz sieht man jedoch keinen Anlass zum Handeln. Das Anliegen der Tierschützer, eine Kastrationspflicht einzuführen, weist Sprecherin Regina Kneiding zurück. "Das ist keine Option für Berlin." In einer Millionenstadt sei so etwas "praktisch nicht durchführbar". Weder könne man eine solche Maßnahme kontrollieren, noch finanzieren. "Und es ist auch nicht unser vordringlichstes Problem", fügt sie hinzu.

Auf solche Äußerungen reagiert Tierschützer Gäding empört: Es bestehe sehr wohl ein akutes Problem. "Schließlich geben wir jedes Jahr zwischen 50.000 und 80.000 Euro für die Kastration verwilderter Katzen aus." Das Geld stammt ausschließlich aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden, übrigens auch aus der florierenden Katzenfutter- und Zubehör-Industrie. Auf der einen Seite trägt diese nämlich mit ihrer Werbung von süßen Schmusekätzchen eine gewisse Mitverantwortung für den Katzenboom, auf der anderen Seite profitiert sie vom Wirtschaftsfaktor Katze auch nicht schlecht: Allein für Katzenfutter gaben die Deutschen im vorigen Jahr 1,4 Milliarden Euro aus - doppelt soviel wie für Babynahrung. Das vielfältige Zubehör vom Tragekorb bis zum Kratzbaum ist da noch gar nicht mitgerechnet. Und nicht nur die Nahrungsaufnahme der schnurrenden Vierbeiner ist ein Mega-Geschäft. Auch wenn das Futter die Katze wieder verlässt, wird verdient. In der Europäischen Union werden im Jahr rund 900.000 Tonnen Streu für Katzenklos verbraucht, ein Umsatz von über zehn Milliarden Euro - mit lukrativen Gewinnmargen.

Der Berliner Tierschutzverein hat inzwischen mit allen Fraktionen des Abgeordnetenhauses Gespräche geführt. Grundsätzlich hätten alle für das Problem Verständnis gezeigt, doch einer Kastrationspflicht stünden die meisten Politiker, ähnlich wie die Umweltsenatorin, skeptisch gegenüber. Darum wird es, schätzt Marcel Gäding, vermutlich erst einmal eine Aufklärungskampagne geben, ähnlich wie in Bonn.

Kastration einer Katze kostet bis zu 150 Euro

In Bonn hatte sich der Stadtrat mit einer vermeintlichen Katzenflut beschäftigt. Dabei heraus kam eine auf zwei Monate angelegte Kampagne, die sich "Aktionswochen Katzenkastration" nennt und nun am 1. Oktober startet.

Von sich aus wäre die Stadtverwaltung gar nicht aktiv geworden. Nur auf der Grundlage eines Bürgerantrags zur Einführung einer Kastrationspflicht habe der Stadtrat die Aufklärungs-Kampagne beschlossen. Vor allem deshalb, "um zu verhindern, dass eine Verordnung kommt", wie der Stephan Trutzenberg, Leiter des Veterinäramts der Stadt, ausdrücklich betont. Eine Verpflichtung sei nämlich kontraproduktiv, solange keine Geldmittel bereitgestellt würden. Die Kastration einer Katze kostet bis zu 150 Euro. "Die Menschen, die kein Geld haben, können sich das kaum erlauben", sagt Trutzenberg. Diese Leute würden dann ungewollten Katzennachwuchs eher aussetzen, als ihn für viel Geld kastrieren zu lassen, damit werde das Straßenkatzenproblem letztlich also sogar noch vergrößert.

Doch auch ohne Kastrationsverfügung sind die Kosten ein Problem. Zwar räumen die meisten Bonner Tierärzte für den Zeitraum der Kampagne Rabatte fürs Kastrieren ein, doch mit circa 50 Euro für den Eingriff bei einem Kater, bei dem die Hoden entfernt werden, und 100 Euro bei einer Kätzin, der man die Eierstöcke entnimmt, muss der Bürger dennoch rechnen. Kastrieren und kassieren gehen Hand in Hand. Und so stehen die Tierärzte, die die Bonner Aktionswochen als Träger unterstützen, im Verdacht, vor allem Kunden in ihre Praxen locken zu wollen.

Zwar unterstreicht auch der Berliner Tierschützer Gäding die Bedeutung der Kostenfrage, doch betont er, dass jeder, der sich ein Tier anschaffe, wissen müsse, dass damit Kosten verbunden seien. Und nach dem Tierschutzgesetz sei jeder Tierhalter schließlich auch verpflichtet, seine Schützlinge angemessen zu versorgen. Das Problem seien im Übrigen, seiner Beobachtung nach, nicht die ärmeren Menschen. "Die Hartz-IV-Empfänger kümmern sich meist viel inniger um ihre Lieblinge als andere, stottern die Rechnung beim Tierarzt gegebenenfalls in Raten ab", sagt er.

In Paderborn ist Kastration Pflicht

Aber wie groß ist das Problem mit den Straßenkatzen nun wirklich? Tatsache ist, dass immer mehr Städte über ein grundsätzliches Kastrationsgebot nachdenken. In Paderborn sind Katzenhalter bereits seit zwei Jahren verpflichtet, ihr Haustier unfruchtbar machen zu lassen. In Delmenhorst seit zwei Monaten ebenso. Da die Kommunen zuständig sind, ist in Deutschland an bundesweite Regelungen vorerst nicht zu denken - auch wenn der Deutsche Tierschutzbund, in dem 700 Vereine organisiert sind, dies fordert. In Österreich ist das anders, dort gilt bundesweit bereits seit 2005 eine Kastrationspflicht für Katzen mit Freigang, in Belgien wird eine solche Regelung gerade lebhaft diskutiert.

Übrigens ist nicht nur die Zahl der streunenden Katzen höchst spekulativ. Auch über die gut versorgten Stubenhocker in Berlin und Deutschland gibt es keine verlässlichen Zahlen, weil eine Meldepflicht nicht besteht. Man geht bundesweit von rund 8,2 Millionen Katzen aus. Verbürgte Zahlen gibt es nur aus den völlig überfüllten Tierheimen. Im Jahr 2009 nahmen sie in Deutschland 130.000 Katzen auf. Die sind ausnahmslos kastriert, Hauskatzen in privater Obhut in der Mehrheit nicht.

Dabei gibt es auch einen anderen guten Grund für eine Kastration als den, der unkontrollierten Vermehrung und einer zunehmenden Verelendung freilaufender Katzen Einhalt zu gebieten. In dem Buch "Katzen und Menschen" schrieb das US-amerikanische Autoren-Ehepaar Frances und Richard Lockridge im Jahr 1953: "Man kennt eine Katze überhaupt nicht, solange man nicht die acht bis zehn Tage miterlebt hat, in denen sie einen Kater sucht. Sie enthüllt sich dann, und für den Prüden ist das geradezu peinlich. Dass alte Jungfern sich so häufig mit Katzen umgeben, wie es der Fall ist, beweist, dass sie großherziger sind, als man von ihnen im Allgemeinen annimmt. Wer jemals mit einer nicht steril gemachten Katze gelebt hat, kann unmöglich unaufgeklärt bleiben."

Nicht nur prüde Menschen bedürfen einer enormen Portion Großherzigkeit und Nervenstärke, um mit einer rolligen Katze in einem Hause zu leben. Der penetrante Paarungstrieb ist für viele Katzenbesitzer der Grund, frühzeitig eine Kastration ihres Vierbeiners vornehmen zu lassen. Mit der Zeugungsfähigkeit geht auch die Rolligkeit dahin.

Bleibt schließlich noch die Frage, ob es nicht besser für Berlin wäre, ein paar mehr Straßenkatzen und dafür weniger Ratten in den Gossen zu haben. Doch diese Rechnung geht leider nicht auf. Tierschützer Gäding: "Die Berliner Stadtratte ist oft von einer körperlichen Statur, dass sie den Kampf gegen eine Katze gewinnen würde." Die meisten Katzen scheuen daher den direkten Vergleich.