Unesco

Berliner Wohnsiedlungen sollen Welterbe werden

Die Museumsinsel sowie die preußischen Schlösser und Gärten von Berlin und Potsdam gehören schon dazu. Nun hofft die Hauptstadt auf einen weiteren prestigeträchtigen Platz auf der Liste des Unesco-Welterbes.

Sechs Wohnsiedlungen der 20er Jahre von Architekten wie Bruno Taut, Hans Scharoun und Walter Gropius sind im Rennen um den Titel.

"Wir glauben, dass wir mit einem Beitrag aus dem 20. Jahrhundert eine Lücke decken", sagte Landeskonservator Jörg Haspel am Freitag bei einem Ortstermin in der Hufeisensiedlung in Berlin. Das Welterbekomitee tagt vom 2. bis 10. Juli in Québec (Kanada), wo es auch um die umstrittene Waldschlößchenbrücke und den möglichen Titelverlust von Dresden geht.

Für Haspel sind das zwei Anmgelegenheiten. Bei Dresden gehe es um die Rote Liste, bei Berlin um eine Neuaufnahme, sagte der Denkmalschützer. Die Bewerbung aus der Hauptstadt, maßgeblich gefördert von Immobilienunternehmen, umfasst die Hufeisensiedlung Britz, die Wohnstadt Carl Legien, die Siedlung Schillerpark, die Gartenstadt Falkenberg, die Großsiedlung Siemensstadt und die sogenannte Weiße Stadt. Zwei liegen im ehemaligen Ostteil der Stadt.

Keine Wucherpreise, dafür Luft, Licht und Sonne, keine düsteren Hinterhöfe, dafür Toiletten in der Wohnung: Das war sozialer Wohnungsbau und damals bahnbrechend. Die klaren Formen wurden wegweisend für die Architektur des 20. Jahrhunderts. Heute sind die gut erhaltenen Wohnungen oft in der Hand von Investoren oder im Privatbesitz. Zu den bekanntesten Beispielen der Berliner Moderne gehört die Hufeisensiedlung in Britz. Mitten in Neukölln gibt es hier Vogelgezwitscher, Kirschbäume und eine kleinstädtische Reihenhausidylle, die mittlerweile wieder junge Familien anlockt.

Die Siedlungen entstanden meist auf preisgünstigem Land am Rande der Städte und in der Nähe von öffentlichen Verkehrsmitteln. Bunte Farben wie im Tuschkasten oder Balkone wie bei einer Opernloge: Die sechs Ensembles, zwischen 1913 und 1934 entstanden, zeigen die Epoche der Moderne in vielen Facetten. Deswegen ist sich Haspel sicher, dass der deutsche Antrag bei der Kulturorganisation der Vereinten Nationen zumindest nicht gleich abgelehnt wird.

Auch der stellvertretende Generalsekretär der deutschen Unesco-Kommission, Dieter Offenhäußer, ist zuversichtlich, dass es mit dem Titel klappen kann. "Das ist was Neues", sagt er. Die Unesco hat nach Expertenmeinung Nachholbedarf, was das 20. Jahrhundert angeht. Über die neuen Anträge wird in Kanada vom 6. bis 8. Juli entschieden. Die Wohnungsunternehmen beruhigen die Bewohner der Berliner Siedlungen bereits: Ein Unesco-Titel sei kein Grund für eine Mieterhöhung.

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