Kommunikation

Berlin droht der Internet-Kollaps

Berlin hat ein Leitungsproblem: In der Stadt sind vor allem Kupferkabel verlegt - die können mit dem Internet-Boom und der technischen Entwicklung nicht mithalten. In wenigen Jahren, besagt eine neue Studie, wird sich der Datenverkehr in Berlin "dramatisch verschlechtern". Doch für ein modernes Glasfaser-Netz fehlen dem Senat Geld sowie Investoren.

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Stockender Seitenaufbau, schleppende Downloads, ruckelnde Internet-Filme – was viele nur noch aus Zeiten der Modemverbindung kennen, könnte in wenigen Jahren wieder zum täglichen Missvergnügen beim Surfen im Internet gehören. Der Grund: Die Kapazität der Datenleitungen in Deutschland stößt an ihre Grenzen. Betroffen sind nicht nur ländliche Gebiete, sondern auch Städte – allen voran Berlin.

Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die die Potsdamer IT-Beratung ITCcon im Auftrag der Berliner Wirtschaftsverwaltung erstellt hat. Bis Mitte des kommenden Jahrzehnts werde das Netz aus Kupferleitungen „an seine physikalischen Grenzen stoßen“, heißt es darin. Daran ändere auch der kontinuierliche Ausbau der DSL-Netze nichts. Die Versorgung werde sich „dramatisch verschlechtern“, prophezeien die Autoren.

Eine Ursache sei, dass der Bedarf an immer schnelleren Verbindungen stark wachse. Zugleich stoße das derzeitige Kupfernetz an seine technischen Grenzen. Vor allem bewegte Bilder und dreidimensionale Anwendungen würden den Datenverkehr massiv erhöhen, sagt ITCcon-Geschäftsführer Wolfgang Lohmann. Schon die Olympischen Spiele 2012 werden seiner Einschätzung nach die deutschen Netze überfordern. Für die Berichterstattung wird erstmals im großen Maßstab der Standard Super-HDTV angewendet werden, der Übertragungsraten von mehr als 100 MBit/s benötigt. Das ist doppelt so viel, wie Kupferleitungen übertragen können. Ein weiteres Beispiel seien virtuelle Einkaufsspaziergänge, wie sie zurzeit im Berliner Heinrich-Hertz-Institut erprobt werden.

"Ernst zu nehmende Bedrohung"

Solche Anwendungen sind nur möglich, wenn die heutigen Kupferkabel gegen Glasfaserleitungen ausgewechselt werden. Bislang gibt es in keiner deutschen Stadt Glasfasernetze, die flächendeckend bis in die Wohnungen reichen. In Skandinavien seien dagegen schnelle Verbindungen mit 100 MBit/s auch für Privatkunden üblich, sagt Hartwig Tauber vom FTTH Council Europe im Fachdienst „Golem“. Als Spitzenreiter gelten Südkorea, Japan und Hongkong. Dort können Privatkunden via Glasfaser schon mit einem Gigabit pro Sekunde surfen – annähernd so schnell wie die schnellsten Firmenkunden hierzulande.

Völlig unklar ist, wie dieser Rückstand aufgeholt werden kann. Der „Dienstleistungsmetropole Berlin“ erwachse „eine ernst zu nehmende Bedrohung seiner Wirtschaftsschwerpunkte, weil diese allesamt auf leistungsfähige Kommunikationsinfrastruktur angewiesen sind“, warnt die ITCcon-Studie. Nur der „unverzügliche Aufbau eines glasfaserbasierten Zugangsnetzes“ könne verhindern, dass die Hauptstadt noch ärmer werde.

Ein besseres Netz ist teuer - zwei Milliarden Euro

Pläne dafür seien aber nicht in Sicht, anders als etwa in Köln, wo der lokale Netzanbieter NetCologne mit der Verlegung neuer Leitungen schon begonnen hat. Im Gegensatz zu den meisten deutschen Großstädten besitzt Berlin keine Stadtwerke, die die notwendigen Investitionen schultern könnten. Auch die Telekom ist dazu nicht bereit. Für die nächsten zehn bis 15 Jahre genügten die Kupferleitungen, sagt ein Sprecher.

Als Ausweg schlägt ITCcon vor, private Investoren für den Ausbau des Netzes zu gewinnen, wie etwa Wohnungsbauunternehmen, Netzbetreiber oder Banken. Diese Firmen hätten ein Geschäftsinteresse an funktionierender Infrastruktur. Das Netz solle für alle Unternehmen zur Verfügung stehen, die Dienste für Endkunden anbieten wollen. Die Investitionen beliefen sich auf gut zwei Milliarden Euro.

In der Berliner Wirtschaftsverwaltung gilt dieses Konzept als plausibel. Es sei allerdings fraglich, ob sich genügend Investoren finden, erklärt ein Sprecher. Der Senat verfüge über keine eigenen Mittel, um die Kosten aufzubringen. Möglicherweise gehören aber die städtischen Wohnungsbauunternehmen zu den Ersten, die sich für ein solches Projekt erwärmen können. Eine schnelle und zuverlässige Netzanbindung sei wichtig für die Wohnqualität, meint der Sprecher der Degewo, Michael Zarth. „Dieses Thema steht bei uns ganz oben auf der Liste.“