Studienabschlüsse

Berlins Studenten sind spitze

Noch vor fünf Jahren galt Berlin als Haupstadt der Studienabrecher. Doch das hat sich deutlich geändert: Mehr als 80 Prozent schließen inzwischen ihr Studium ab. Das ist absolute Spitze in Deutschland. Offenbar hat es einen Kulturwandel gegeben. Denn bei der Betreuung Studenten hat Berlin Nachholbedarf.

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Berlins Studenten machen lieber Party, anstatt Seminare zu besuchen, viele verlieren an der Massenuniversität die Orientierung und brechen ihr Studium vorzeitig ab. Stimmt nicht. Neueste Daten des Statistischen Bundesamtes beweisen, dass diese Sichtweise ein Vorurteil ist. Nirgendwo sonst in Deutschland erreichen mehr Studienanfänger auch einen Abschluss als in der Hauptstadt. Die Erfolgsquote in Berlin liegt bei 82,4 Prozent. Das bedeutet, dass nur etwas mehr als jeder Sechste sein Studium nicht zu Ende bringt. Bundesweit schafften 72,5 Prozent derjenigen, die 1999 ihr Studium aufgenommen hatten, bis 2008 den Abschluss.

Insgesamt sind Deutschlands Hochschulen deutlich produktiver geworden, entlassen mehr wissenschaftlichen Nachwuchs auf den Arbeitsmarkt.

Die Zahlen, die dem neuen Bericht „Hochschulen auf einen Blick“ der Wiesbadener Statistiker zu entnehmen sind, deuten auf einen fundamentalen Kulturwandel an Berlins Universitäten und Hochschulen hin. Und das nicht nur, weil inzwischen in der Hauptstadt Frauen jeden vierten Lehrstuhl besetzen – auch das absoluter Spitzenwert in Deutschland.

Noch vor fünf Jahren klagten Berliner Wissenschaftspolitiker über eine fast 50-prozentige Abbrecherquote. Der damalige Wissenschaftssenator Thomas Flierl (Linke) hatte 2006 eine Erfolgsquote von 70 Prozent als Ziel ausgegeben. Diese Marke wird inzwischen in Berlin deutlich übertroffen, während in Nordrhein-Westfalen oder Hamburg immer noch jeder dritte Student vorzeitig aufgibt.

Es sind Studierende wie Shaheen Neumann, die inzwischen die Hörsäle bevölkern. Die 24-Jährige hat im Herbst 2009 ihr BWL-Studium an der Fachhochschule für Wirtschaft und Recht abgeschlossen. Erfolg im Studium zu haben sei Einstellungssache: „Wer am Ball bleibt, hat keine Schwierigkeiten“, sagt Absolventin Neumann, die inzwischen für eine Immobilienfirma arbeitet. Dass es im Studium heutzutage verschulter zugeht als früher, findet sie gut. Das sei wie ein „Puzzle, für das man Teile sammelt und das am Ende ein vollständiges Bild ergibt“.

Vorauswahl durch Numerus Clausus

Die hohe Erfolgsquote in Berlin führt die Absolventin auch auf die strengen Numerus-Clausus-Regeln zurück. Die sorgten für eine gewisse Vorauswahl. „Man hat hier die Einser-Abiturienten im Studiengang, die kommen wohl eher klar als andere“, vermutet sie.

Auf eine besonders exzellente Betreuung der Berliner Studenten lassen sich deren gute Erfolge eher nicht zurückführen. An den Universitäten (ohne Humanmedizin) teilen sich 18,1 Studierende eine Lehrkraft. Damit liegt Berlin im Mittelfeld der Bundesländer knapp unter dem deutschen Durchschnitt. In Baden-Württemberg, Bayern und dem Saarland ist die Betreuungsquote deutlich besser. An Berlins Fachhochschulen kommen 24,3 Studenten auf eine Lehrkraft. Hier schneidet Berlin im Ländervergleich etwas besser ab als bei den Universitäten.

Insgesamt, so merken die Statistiker an, habe sich in Deutschland die Betreuungsrelationen mit der Einführung der neuen lernintensiven Bachelor- und Masterstudiengänge seit 2002 kaum verändert.

Berlin bleibt als Studienort überaus gefragt. Im Wintersemester 2008/2009 studierten in Berlin 24000 Studenten mehr aus anderen Bundesländern, als aus Berlin abwanderten. Der SPD-Bundestagsabgeordnete Swen Schulz forderte deswegen abermals einen Hochschulfinanzausgleich. „Geld muss den Studierenden folgen“, so der Wissenschaftsexperte. Wenn ein Abiturient aus Niedersachsen in Berlin studiere, müsse das auch vom Land Niedersachsen bezahlt werden.

Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner (SPD) kündigte an, den Anteil der studierfähigen jungen Leute in Berlin steigern zu wollen. Bisher erreichen 45,4 Prozent der jungen Berliner Abitur oder Fachhochschulreife. Das liegt nur knapp über dem Bundesdurchschnitt und deutlich hinter den anderen Stadtstaaten. Der Wissenschaftsrat hat als Ziel 50 Prozent vorgegeben.