Terror-Razzia

Auch Berlin ist ein Rückzugsort für Terroristen

Bei einer groß angelegten Razzia in Berlin ist der Polizei ein Schlag gegen islamistische Extremisten gelungen. Mehrere Personen wurden festgenommen. Sie werden verdächtigt, Anschläge in Russland vorbereitet zu haben. Offenbar planten einige Mitglieder auch, sich in Pakistan in einem Terrorcamp ausbilden zu lassen.

Der Berliner Polizei ist offenbar ein Schlag gegen international operierende Islamisten gelungen. Bei einer Großrazzia wurden in der Nacht zu Mittwoch in Berlin mehr als 20 Objekte durchsucht, wie Polizei und Staatsanwaltschaft mitteilten. Drei Männer kamen vorläufig in Gewahrsam. Ihnen wird vorgeworfen, Terroranschläge in Russland geplant zu haben. Kopf der Gruppe soll ein Berliner Islamist arabischer Herkunft sein. Einen Zusammenhang mit den jüngsten Drohvideos von al-Qaida sehen die Ermittlungsbehörden nicht. Mehrere Personen der Gruppe planten offenbar nach pakisten zu reisen, um sich dort in einem Terrorcamp ausbilden zu lassen.

Es ist war leise Polizeiaktion. Keine vermummten Elitepolizisten mit Maschinenpistolen rammen sich den Weg mit ihren Schilden frei oder springen durch geschlossene Fensterscheiben. Es sind zumeist zivile Beamte des Polizeilichen Staatsschutzes, die Mittwochmorgen an zahlreichen Wohnungstüren in Berlin klingeln und Durchsuchungsbeschlüsse gegen mutmaßliche gewaltbereite Islamisten vollstrecken. Der Tatvorwurf wiegt schwer: „Verabredung zum Mord“ steht auf den Papieren. Zuvor hatte es Hinweise des russischen Geheimdienstes gegeben, wonach eine in Berlin lebende Personengruppe Sprengstoffanschläge in Russland planen würde. Drei mutmaßliche Haupttäter im Alter von 28, 30 und 36 Jahren werden mit zur Befragung zum Landeskriminalamt genommen. Sie gelten aber nicht als festgenommen.

Erst am späten Nachmittag gab die Berliner Polizei dann Einzelheiten zu der groß angelegten Razzia bekannt. Demnach wurden 28 Durchsuchungsbeschlüsse für 26 Objekte im Stadtgebiet vollstreckt. Im Visier der Fahnder befanden sich mutmaßlich gewaltbereite Islamisten, die einem Ermittler nach ausnahmslos Deutsche sein sollen, von denen einige allerdings einen Migrationshintergrund hätten.

Nach Informationen von Morgenpost Online sollen die Wurzeln dieser Männer in arabischen Ländern und der Türkei liegen. Kopf der mutmaßlichen Zelle, zu der 15 Personen zählen, ist ein Berliner Islamist arabischer Herkunft. Umfangreiche Ermittlungen des Polizeilichen Staatsschutzes beim Berliner Landeskriminalamt (LKA) hatten weitere Erkenntnisse erbracht, wonach diese Gruppe in Ausbildungslagern in Pakistan offenbar die Durchführung von Attentaten lernen sollte. Einige dieser Männer, so ergaben intensive Nachforschungen der Ermittler, könnten Deutschland bereits verlassen haben. „Es liegen nachrichtendienstliche Informationen vor, dass sie sich in Terrorausbildungslagern befinden“, sagte ein Ermittler. „Wir haben aber bislang keine Hinweise darauf, dass die Zelle auch russische Ziele in Berlin oder anderswo in Deutschland angreifen könnte.“ Das Beweismaterial, das 155 Ermittler in den Morgenstunden sichergestellt hatten, müsse allerdings noch ausgewertet werden. Dabei handele es sich unter anderem um Computer, verschiedene Speichermedien und Outdoor-Bekleidung.

Der Chatroom hat das Multikulturhaus abgelöst

Die Aktion ist nach Informationen von Morgenpost Online mit Nachrichtendiensten im In- und Ausland abgestimmt worden. Nach Einschätzung eines Sicherheitsexperten gilt Deutschland nach wie vor als Rückzugsort für Terroristen. Derzeit werde verstärkt beobachtet, dass internationale Terrororganisationen radikale Islamisten in Deutschland rekrutieren wollten. Zudem würden immer mehr potenzielle Terroristen aus der Bundesrepublik in Ausbildungslager geschleust. „Diese Entwicklung beunruhigt uns, denn die Führungsebene von Al-Qaida hat beschlossen, auch in Deutschland Anschläge zu begehen“, sagt ein Nachrichtendienstler. Etwa 180 Bundesbürger haben bislang schon eine Ausbildung in einem Terrorcamp absolviert. Rund 80 von ihnen befinden sich wieder auf dem Gebiet der Bundesrepublik. Die Sicherheitsbehörden haben nach dem Auftauchen von immer neuen Drohvideos die Überwachung der Szene verstärkt. „Dabei arbeiten wir eng mit ausländischen Nachrichtendiensten zusammen“, sagt ein ranghoher Kriminalbeamter.

Sorgen bereiten den Sicherheitsbehörden aber nicht nur die organisierten Terrorgruppen, sondern auch radikalisierte Islamisten, die keine Verbindung zu internationalen Netzwerken haben. „Diese werden in der Regel zwar von der Al-Qaida-Ideologie inspiriert, dennoch schließen sie sich deren Gruppierungen nicht an“, sagt ein Verfassungsschützer. Dabei handelt es sich beispielsweise um deutsche Konvertiten. Da diese Netzwerke überwiegend im Internet kommunizieren, ist es für den Nachrichtendienst aufwendig, Informationen zu erlangen. „Der Chatroom hat das Multikulturhaus längst als Kommunikationsplattform abgelöst“, beschreibt der Nachrichtendienstler die Situation.

Nach Schätzungen konvertieren jährlich mehr als 4000 Deutsche zum Islam. In der jüngsten Zeit ist auch das Phänomen zu beobachten, dass sich in der islamistischen Szene zunehmend in Deutschland geborene Türken wiederfinden. Bei den Sicherheitsbehörden werden diese radikalisierten Islamisten insgesamt unter der Bezeichnung „Homegrown-Terroristen“ geführt.

Keine konkreten Hinweise auf Anschläge in Berlin

Dass es in Deutschland noch keinen terroristischen Anschlag mit islamistischem Hintergrund gegeben hat, erklärt der Terrorismus-Experte mit der erfolgreichen Arbeit der Sicherheitsbehörden und mit Glück. „Die Gefahr eines Anschlags ist aber allgegenwärtig“, sagt er.

Die Radikalisierung der Islamisten erfolgt vor allem über das Internet. „Es kursieren beispielsweise Fotos von erschossenen palästinensischen Kindern, die den Hass auf Israel verstärken sollen“, berichtet der Experte. Zudem seien Publikationen zu den Kriegen im Irak und in Afghanistan und Al-Qaida-Schriften im Umlauf. Dem Internet komme aber nicht nur bei der Motivierung der Islamisten eine wachsende Bedeutung zu. Es diene auch der Rekrutierung und als Kommunikationsmittel. „Heutzutage braucht ein gewaltbereiter Islamist nicht mehr in ein Ausbildungslager nach Pakistan reisen, um zu einem potenziellen Terroristen zu werden. Im Internet finden sich neben Propagandaschriften auch exakte Baupläne für Bomben, die auch in deutscher Sprache verfasst sind“, sagt der Verfassungsschützer.

Die Nachrichtendienste warnen aber davor, alle in Deutschland lebenden Muslime unter Generalverdacht zu stellen. Von den mehr als drei Millionen Muslimen sind nach Einschätzung von Sicherheitsbehörden weniger als ein Prozent – etwa 30.000 Personen – der extremistischen Szene zuzurechnen. Ein weitaus geringerer Teil gehört gewaltbereiten Strukturen an, die der Unterstützung terroristischer Aktivitäten verdächtigt werden.

Bei der jetzt bekannt gewordenen Terrorgruppierung, die in Russland offenbar Anschläge begehen wollte, handelt es sich nach Einschätzung der Berliner Polizei nicht um eine Zelle, die im Zusammenhang mit den zuletzt veröffentlichten Drohvideos steht. Die Ermittlungsbehörden gehen davon aus, dass die Islamisten Deutschland lediglich als Ort zur Vorbereitung nutzen wollten. Die Gefahr eines Anschlags bleibe aber unvermindert, sagte ein Ermittler.