Überfall im Spandauer Forst

Gedenkstein erinnert an ermordete Joggerin

Am heutigen Montag wäre sie 40 Jahre alt geworden. Für die Familie der Psychologin ein Tag der Trauer. Kirsten S. wurde beim Joggen im Spandauer Forst brutal niedergestochen, starb wenig später an ihren schweren Verletzungen. Der Täter wurde bislang nicht gefasst. Nun hat ihr Mann am Ort des Verbrechens einen Gedenkstein aufgestellt.

Foto: Steffen Pletl / Pletl

Kirsten S. wäre am Montag 40 Jahre alt geworden. Doch kein Fest wird es an diesem Tag für sie geben, keine Geschenke, keine Torte. Stattdessen steht seit Sonntag ein Gedenkstein an der Stelle im Spandauer Forst, an dem ein bislang Unbekannter die Frau im Sommer niedergestochen hatte. Kirsten S. starb wenig später an ihren schweren Verletzungen. Nach Angaben der Familie vergeht kein Tag ohne Trauer und die Frage nach dem Warum. Trotz intensiver Ermittlungen hat die Polizei bislang keine Spur zu dem Täter.

Die Inschrift des Steines beschreibt die Gedanken eines Mannes, dem das Liebste genommen wurde: „Hier wurde am 20. Juni meine geliebte Frau Kirsten heimtückisch ermordet. Sie hatte ihr Leben denen gewidmet, die in größter gesundheitlicher und seelischer Not waren und ihr stets vertrauten. Kirsten hatte nach überstandener Krebserkrankung ein erfülltes und sinnvolles Leben geführt, aus dem sie mit nur 39 Jahren durch diese feige Tat gerissen wurde. Was hat sie getan, dass sie sterben musste? Ich bin fassungslos und werde Dich nie vergessen. Dein Jochen.“

Rückblick: Am Tattag waren die Eheleute wie so oft im Spandauer Forst im Jagen 31 nahe der Kuhlake zum Lauftraining aufgebrochen. Während sich die junge Psychologin aufwärmte, lief ihr Mann bereits los. Bisherigen Erkenntnissen nach wurde sie gegen 8.50 Uhr von einem jungen Mann, der auf einem Fahrrad unterwegs war, niedergestochen. Zwar transportieren alarmierte Rettungskräfte das Opfer noch in ein nahe gelegenes Krankenhaus, doch die Stichverletzungen stellten sich als zu schwer heraus – Kirsten S. starb wenige Stunden später auf der Intensivstation. Diesmal war der Tod stärker.

Die Tragödie hatte Auswirkungen auf das Leben der vielen Freizeittreibenden der Region. Jogger und Radfahrer äußerten wie picknickende Familie ihre Angst darüber, ebenfalls unvermittelt Opfer dieses offenbar nicht zu stellenden Messerstechers werden zu können.

Die Polizei tat alles in ihrer Macht stehende, um den Unbekannten zu stellen. Die Öffentlichkeit wurde eingeschaltet, zahlreiche Bäume der Umgebung wurden mit Plakaten versehen, auf denen die Polizei ihre spärlichen Ermittlungsergebnisse bekannt gab und die Bevölkerung um Mithilfe bat. „Wir haben bei einem Fall selten so im Regen gestanden wie in diesem“, so ein Kriminalbeamter. „Dieser Mann ist einfach nicht zu fassen, er muss clever und sehr vorsichtig sein. Es sieht nicht danach aus, als dass wir ihn doch noch schnappen könnten. Leider.“

500 Personen überprüft

Dabei gingen in der Zeit seit der Tat mehr als 600 Hinweise bei der ermittelnden 7. Mordkommission (Tel. 030 / 4664 911 701) ein. In der Folge wurden 500 Personen überprüft, doch eine heiße Spur hat sich bislang nicht ergeben. Um die dennoch die Chance auf den vielleicht entscheidenden Tipp nicht zu verspielen, hat die Staatsanwaltschaft beim Landgericht Berlin für Hinweise, die zur Aufklärung der Straftat und zur Festnahme des Täters führen, eine Belohnung von bis zu 5000 ausgesetzt.

Zu Beginn des Falles, so ein in die Ermittlungen eingebundener Beamter, sei er sich ob der sehr detaillierten Beschreibung des Mannes sicher gewesen, schnell einen Fahndungserfolg erzielen zu können. Eine falsche Prognose. Dabei sind viele optische Einzelheiten des Gesuchten bekannt. Er wird als 15 bis 20 Jahre alt und als 1,75 Meter groß mit schlanker Erscheinung beschrieben. Er hat kurze mittel- bis dunkelblonde Haare und trug zum Zeitpunkt der Tat weder Bart noch Brille. Bekleidet war er mit einem weißen Oberteil und einer langen weißen Hose. Er sah gepflegt aus und war mit einem auffällig roten Fahrrad unterwegs.

Bisherige Ermittlungen und Zeugenaussagen lassen den Schluss zu, dass der Täter auf eben diesem Rad durch die Schönwalder Allee in Richtung Spandau geflüchtet war. Die Polizei vermutet, dass er sich zuvor bereits einige Zeit im Wald aufgehalten hatte. Und: Er verfügt offenbar über sehr gute Ortskenntnisse.

Aufgrund der Personenbeschreibung und den Aufnahmen einer Überwachungskamera vom Eingangsbereich des Evangelischen Johannesstifts schließt die Mordkommission nicht aus, dass der Messerstecher kurz nach der Tat auf das Gelände des Stifts fuhr. Da dieses Gelände zwei Ein- beziehungsweise Ausgänge hat, kann man es durchqueren.

Trotz der Bilder aus der Kamera konnte der Mann nicht identifiziert werden. „Es ist, als würde man einen Geist jagen“, so ein Kriminalbeamter, der die Hoffnung nicht aufgeben will, den Täter dennoch stellen zu können, auch wenn die Chancen gering sind. Bis dahin, so die Familie des Opfers, wird kein Tag vergehen ohne das quälende Warum.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.