Berliner Wahrzeichen

Der Fernsehturm - der DDR-Prestigebau wird 40

Einst sollte er die Stärke der DDR demonstrieren, heute ist er ein Wahrzeichen des wiedervereinigten Berlin: der Fernsehrturm am Alexanderplatz. Am 3. Oktober, dem Tag der Deutschen Einheit, feiert Deutschlands höchstes Bauwerk seinen 40. Geburtstag. Eine ungewöhnliche Erkundungstour.

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Fernsehturm funkt seit 40 Jahren

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Im real existierenden Sozialismus geht es aufwärts, jedenfalls in einem seiner berühmtesten Bauwerke. Im engen Fahrstuhl des Berliner Fernsehturms stehen ein Dutzend Menschen Schulter an Schulter und schauen auf das Display über der Tür.

In anderen Aufzügen werden die Stockwerke gezählt, hier leuchten absurd exakte Meterangaben in rotem Licht: 17,50 Meter, 52,80 Meter, 191,28 Meter. Die Besucher schlucken wie im Flugzeug: Die Kabine saust mit sechs Metern pro Sekunde in die Höhe, die Ohren tun weh wegen der Druckabnahme. Nach nicht einmal einer Minute ist das Ziel erreicht, Ausstieg in 203,75 Metern Höhe: Hier befindet sich die runde Aussichtsplattform des Fernsehturms.


Wer hier aus den umlaufenden Panoramafenstern blickt, schaut auf alles herab: das Park Inn Hotel am Alex, den Charlottenburger Funkturm, den Berliner Dom, eine ganze Stadt wie ein Modell in einem Architektenbüro. Man kann sich vorstellen, wie hier die SED-Bonzen beim Rotkäppchen-Sekt im Triumph über die Stadt schauten. Die DDR hatte das höchste Gebäude Deutschlands geschaffen, und diesen Titel hat der Fernsehturm bis heute behalten.

Der Turm auf dem Nike-Schuh

Am 3. Oktober wird der Turm 40 Jahre alt, am Tag der Deutschen Einheit. Das ist eine Laune der Geschichte, aber es passt trotzdem ganz gut. Denn aus dem früheren Prestigeobjekt der Diktatur ist längst ein Wahrzeichen des vereinten Berlin geworden, das jedes Jahr mehr als eine Million Touristen anzieht. Der Turm ziert Postkarten, T-Shirts und Plattencover. Die Kugel verwandelte sich zur Weltmeisterschaft 2006 in einen riesigen Fußball in der Magenta-Farbe der Telekom. Die Firma Nike hat den Turm auf eine Turnschuhserie gestickt. Der Fernsehturm als Logo der westlichen Konsumgesellschaft - das war so ziemlich das Letzte, was die Erbauer mit ihm vorhatten.

Damals, Mitte der Sechziger, war der Wettlauf zwischen Ost und West in vollem Gange, alles musste höher, schneller, weiter sein. Die Ostblock-Staaten waren nach dem geglückten Sputnik-Flug im Aufwind, die DDR sollte mit dem Fernsehturm für die nächste Sensation sorgen. Das ehrgeizige Projekt hatte zwei Ziele: dem Westen, der ja in Sichtweite war, ein einschüchterndes Symbol der Stärke und Baukunst entgegenhalten, sozusagen als riesigen gestreckten Mittelfinger. Und gleichzeitig sollte der Fernsehturm die Infrastruktur des Rundfunks verbessern und das Staatsfernsehen verbreiten helfen. Zumindest das zweite Ziel wurde nicht richtig erreicht. Das DDR-Fernsehen behielt in der Bevölkerung ein mieses Image, es galt als langweilig und gleichgeschaltet. In Berlin und entlang der ganzen innerdeutschen Grenze schalteten viele Ostdeutsche abends Westfernsehen ein, es war eine allabendliche Republikflucht.

Der Bau des Fernsehturms hatte trotzdem hohe Priorität und wurde mit riesigem Aufwand vorangetrieben. Tag und Nacht wurde auf der Baustelle zum Lobe des Arbeiter-und-Bauern-Staates gearbeitet. Die Kugel wurde zur Sicherheit gleich zweimal aufgebaut: einmal auf dem Boden zur Probe, dann in windiger Höhe. Insgesamt wurden 26.000 Tonnen Material verwendet, in der Hauptsache Beton für den Schaft des Turmes und Edelstahl für die Kugel. Weil ostdeutsche Hütten nicht die gewünschte Qualität lieferten, mussten die Bauherren den Stahl zähneknirschend in der Bundesrepublik einkaufen.

Auf dem Rundgang durch den Turm wird es ungemütlich. Der Fahrstuhl hält in 191,28 Metern Höhe, das ist direkt unterhalt der großen Kugel. Besucher sind hier nur bei Sonderführungen zugelassen, für den Massenbetrieb wäre es zu gefährlich. Ein Dutzend Gäste treten in einen schmalen Gang, der nach draußen führt, ins Freie. Ein Führer öffnet eine kleine graue Stahltür mit einem Drehrad in der Mitte. Sie sieht aus wie eine Schiffsluke, dahinter heult der Wind wie auf See. Es regnet, kalte Tropfen schlagen einem ins Gesicht. Ein Besucher nimmt seine Brille ab aus Angst, dass der Wind sie ihm von der Nase reißt.

Eine Röhre wie ein Schornstein

Eine schmale Plattform führt einmal um die runde Röhre des Turmschaftes herum, die Brüstung reicht großen Besuchern bis zum Bauch. An sonnigen Tagen kann man von hier angeblich 40 Kilometer weit sehen - bei schlechtem Wetter verschwinden bereits die Ausläufer des Tiergartens in Nebel und Dunst. Einige Gäste machen Fotos, aber die Bilder verwackeln im Wind. Die Besuchergruppe geht bald wieder durch die Schiffsluke ins Innere.

Der Schaft des Turms, also der Teil zwischen Erdboden und Kugel, ist eine riesige Röhre aus Beton, die Wände sind einen halben Meter dick. Nur vier Ebenen sind als Stockwerke eingezogen, dazwischen ist Leere. Wenn man von der unteren Ebene in die Höhe blickt, fühlt man sich wie im Inneren eines Schornsteins. Der Fernsehturm wurde auch genauso hergestellt. DDR-Ingenieure waren berühmt für ihre Schornsteine.

Auch dank ihrer Expertise wurde das Gebäude 1969 termingerecht fertig, nach viereinhalb Jahren Bauzeit. Am 7. Oktober feierte die DDR ihr 20-jähriges Bestehen, am 3. Oktober wurde, rechtzeitig zu diesem Anlass, der Turm eröffnet. Ulbricht, Mielke und Honecker waren beim Festakt im Fernsehturm dabei, es war eine Einweihung im wahrsten Sinne des Wortes: In der religionsfeindlichen Staatsdoktrin des Sozialismus war der Fernsehturm ein Kultobjekt, das dem Ansehen des Staates geweiht wurde. Umso ärgerlicher soll Ulbricht geworden sein, als er hörte, dass auf der Kugel des Turms bei Sonnenschein ein Kreuz leuchtet. Spezialisten kraxelten anschließend auf der Kugel herum und versuchten, den ärgerlichen Effekt mit Lacken und anderen Chemikalien zu vertreiben. Vergeblich. Der Fernsehturm bekam Spitznamen wie "Sankt Walter" oder "Die Rache des Papstes".

Die Treppe hat 986 Stufen

An diesem regnerischen Tag reflektiert allerdings gar nichts, Ulbricht wäre zufrieden gewesen. Die Besichtigungstour geht im Inneren der Kugel weiter. Höhe laut Aufzug: 223,78 Meter. Viel weiter geht es ohne Kletterausrüstung nicht mehr. Der Führer zeigt Batterien von mannshohen Gasflaschen. Im Brandfall wird das Gasgemisch über Rohre dorthin gepumpt, wo es brennt, und soll das Feuer ersticken. Das Gas enthält weniger Sauerstoff als die Luft.

Sollte das nichts helfen, kann der Turm auch evakuiert werden. Der Fahrstuhl ist nicht der einzige Weg, die verschiedenen Turmebenen zu erreichen. Neben dem Lift verläuft eine lange Stahltreppe. Sie hat 986 Stufen, fast doppelt so viele wie der Weg hinauf zur Kuppel des Petersdoms in Rom. Die Treppe im Fernsehturm ist aufgeteilt in Fünferschritte, immer fünf Stufen hin, kehrt, fünf zurück. Die Erbauer haben extra auf eine Wendeltreppe verzichtet, damit Menschen mit Höhenangst nicht in die Tiefe sehen können. Die Treppe ist in Notfällen als Evakuierungsweg gedacht, da wäre Höhenangst gefährlich.

Bei der Planung des Turms wurde nichts dem Zufall überlassen. Die Menschen waren zurecht stolz auf die großartige architektonische und bautechnische Leistung. Nach seiner Einweihung schmückte der Turm Propagandaplakate ("Lenins Rat, unsere Tat"), die Besucher strömten auch vor der Wende schon massenweise auf die Aussichtsplattform. Bei den Jungen Pionieren wurde ein neues Lied mit dem Titel "Unser Fernsehturm" gesungen: "Bei Kälte, Regen, Schnee und Sturm sendet der brave Fernsehturm. Schickt seine Wellen in die Rund', sendet schwarz-weiß und bi-ba-bunt."

30 TV-Programme werden gesendet

Daran hat sich (vom Ende des Schwarz-Weiß-Fernsehens abgesehen) bis heute nichts geändert. Der Fernsehturm ist nicht nur eines der meistbesuchten Touristenziele Deutschlands und Sitz eines ziemlich hoch gelegenen Restaurants. Er funkt auch immer noch. 30 TV-Programme senden die Turmantennen heute übers Land, über Satellit, Digitalfernsehen DVB-T oder Internet, dazu kommen Mobilfunksignale und Radioprogramme. Das Gewirr der Wellen führt dazu, dass man im Restaurant, nur wenige Meter unter dem Sendemast, ganz schlechten Handyempfang hat.

Erst seit der Wende steht der Turm am funktechnisch idealen Ort mitten in der Stadt. Damals übernahm die Telekom das denkmalgeschützte Gebäude und ließ es renovieren. Der Turm bekam eine neue Antennenspitze und ist seitdem 368 Meter hoch. Das sind drei Meter mehr als zu DDR-Zeiten, wie die Telekom noch immer mit Stolz betont. Wenn es um Fernsehtürme geht, kommt es auf die Höhe an.

Die Tour der Besucher endet an der Bar der Aussichtsplattform. Dort können sich die Gäste mit einem Kaffee aufwärmen und noch einmal durch die Scheibe über die Stadt blicken. Auf dieser Ebene wurde vor zehn Jahren noch der 30. Geburtstag des "Telespargels" gefeiert, auf Initiative des Restaurantbetreibers. Mittlerweile hat der Betreiber aber gewechselt, dieses Mal ist keine Jubiläumsparty geplant. Nur eine Besonderheit wird es geben: Das Restaurant wird sich am 3. Oktober einmal in der Stunde um die eigene Achse drehen, so wie zu DDR-Zeiten. Normalerweise dreht sich das Restaurant im Kapitalismus doppelt so schnell wie im Sozialismus: einmal in der halben Stunde.

Der Berliner Fernsehturm im Internet