Jubiläum

Naturkundemuseum wird zur Wunderkammer

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Markus Falkner

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200 Jahre Naturkundemuseum - das wird gefeiert. Museumschef Reinhold Leinfelder spricht mit Morgenpost Online über den neuen Ostflügel, die neue Ausstellung, zerbrochene Gläser, Kaiserzeiten und einen ausgeprägten Skeptizismus.

Morgenpost Online: Herr Leinfelder, haben sie in den letzten Tagen gut geschlafen?

Reinhold Leinfelder: Es geht. Besonders gut werde ich sicher schlafen, wenn der Ostflügel eröffnet ist.

Morgenpost Online: Knapp 280.000 Gläser mit 80 Tonnen Alkohol und einer Million wertvollen Objekten sind dorthin umgezogen. Das ist ein veritabler Gefahrguttransport.

Leinfelder: Vor allem war das Ganze eine unglaubliche planerische und logistische Leistung – und das bei laufendem Forschungs- und Ausstellungsbetrieb. Mein Dank gilt allen Mitarbeitern. Tatsächlich ist alles gut gegangen. Soweit ich weiß, sind nur sechs Gläser zerbrochen, die aber wohl vorher schon einen Sprung hatten. Den Objekten ist nichts passiert.

Morgenpost Online: Am Dienstag ist Eröffnung. Was erwartet die Besucher?

Leinfelder: Zum einen natürlich die faszinierende Wunderkammer des Ostflügels. Im Erdgeschoss werden unsere Sammlungen erstmals auch für die Museumsbesucher zu sehen sein. Dort gibt es spannende Einblicke in einen wichtigen Teil unserer Forschung. Vor allem geht es dabei auch um die Authentifizierung von Wissenschaft. Wir machen sichtbar, wo unsere Erkenntnisse herkommen, woran wir forschen. Das ist sicher wegweisend auch für die Zukunft des Museums. Gerade in Zeiten eines ausgeprägten Skeptizismus ist die Nachvollziehbarkeit von Wissenschaft eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe.

Morgenpost Online: Und was bietet die Ausstellung?

Leinfelder: Die Sonderausstellung schließt daran direkt an. Wir wollen auch dort vor allem zeigen, wie Forschung funktioniert. Wir zeigen aber auch, dass Wissenschaft immer in einem historischen und politischen Kontext zu verstehen ist. Wo könnte man das besser zeigen als hier, in diesem Haus, das königliche und kaiserliche Zeiten erlebt hat, zwei Weltkriege, die Weimarer Republik, die Nazizeit, die DDR und jetzt die Nachwendezeit.

Morgenpost Online: Mit der Eröffnung des Ostflügels ist ein großes Kapitel ihrer Arbeit der letzten Jahre abgeschlossen. Lehnen sie sich jetzt zurück und genießen den Erfolg?

Leinfelder: Tatsächlich war der Ostflügel eine ganz zentrale Aufgabe meiner bisherigen Amtszeit. Zum einen mussten wir die Bausituation dringend verbessern, um unsere Sammlungen zu schützen. Zum anderen war der Wiederaufbau Vorbedingung für die Aufnahme in die Leibniz-Gemeinschaft. Ich glaube wirklich, dass wir in den letzten Jahren viel erreicht haben: Die Besucherzahlen stiegen enorm, und wir sind national und international extrem gut vernetzt mit anderen Forschungseinrichtungen.

Morgenpost Online: Also Zeit zum Durchatmen?

Leinfelder: Nein. Wir haben weiterhin einen großen Sanierungsbedarf und wir müssen dafür weiter Geld akquirieren. Ziel muss es sein, auch in der schwierigen finanziellen Situation von Bund und Ländern, den Erfolgskurs fortzusetzen. Aktuell werden mit Konjunkturmitteln die Fenster in mehreren Sälen erneuert, ein Antrag auf weitere Fördermittel läuft. Damit wollen wir den Museumsshop, das Café und den Eingangsbereich noch attraktiver machen.

Morgenpost Online: Durch den Umzug der Alkohol-Sammlungen in den Ostflügel gewinnen sie im Altbau viel Platz. Leider sind die Säle zwar theoretisch sehr schön, praktisch aber marode.

Leinfelder: Tatsächlich sind sie nicht nutzbar.

Morgenpost Online: Wie soll es dort weitergehen?

Leinfelder: Es gibt deutliche positive Signale von Bund und Land, dass wir mit weiterer Unterstützung bei der Sanierung der Sammlungssäle rechnen können. Ich bin sehr zuversichtlich, auch weil wir gezeigt haben, dass wir öffentliche Fördermittel effizient verwenden können. Wo gibt es das schon, dass ein öffentlicher Bau mit einem gedeckelten Etat von unter 30 Millionen Euro auch tatsächlich für das vorgesehene Geld gebaut wird?

Morgenpost Online: Was soll in den Sälen passieren?

Leinfelder: Zum einen platzen unsere Sammlungen aus allen Nähten. Zusätzliche Räume können die Situation entkrampfen. Einen Saal wollen wir aber auch als Multifunktionsraum für Sonderausstellungen oder Kongresse nutzen.

Morgenpost Online: Und wo sehen sie das Museum für Naturkunde in weiteren 200 Jahren?

Leinfelder: Das ist ein zu langer Zeitraum für einen Wissenschaftler wie mich, um verlässliche Prognosen abzugeben. Ich hoffe, dass jeder in deutlich weniger als 200 Jahren auf den Datenschatz aller naturwissenschaftlichen Sammlungen der Welt zugreifen kann. Wir arbeiten kräftig an diesem Gesamtarchiv des Lebens.