Öffentlicher Nahverkehr

S-Bahn bietet Berlinern Freifahrten und Bargeld an

Der Bahn entschädigt mehr Kunden für die monatelangen Ausfälle bei der Berliner S-Bahn als zunächst geplant. Eine Woche freie Fahrt oder Bargeld wird es geben, dazu Vergünstigungen an den Adventssonntagen. Auch einen Termin, wann der Verkehr wieder normal rollen soll, nannten die Verantwortlichen nun. Kritiker fordern jedoch zwei Gratis-Monate.

Foto: ddp / ddp/DDP

Die Deutsche Bahn hat bekannt gegeben, wie die Kunden der Berliner S-Bahn für die monatelangen Ausfälle entschädigen will.

Wie Ulrich Homburg, Vorstand für Personenverkehr beim S-Bahn-Mutterkonzern Deutsche Bahn (DB) sagte, sollen sogenannte gleitende Monatskarten über den Monat Dezember hinaus eine Woche länger gelten. Gleitende Monatskarten sind Karten, die beispielsweise am 13. Dezember gekauft werden und dann bis zum 12. Januar gültig sind, nicht vom ersten Tage eines Monats bis zum Ende des Monats.

Studenten aus Berlin, Potsdam und Wildau fahren den gesamten Dezember über auf ihr Semesterticket kostenfrei, teilte die S-Bahn mit. Studentenvertreter hatten zuletzt nachdrücklich Entschädigungen auch für Studenten und nicht nur für Abo- und Jahreskarteninhaber gefordert.

Bereits zuvor war festgelegt worden, dass Inhaber von Abo- und Jahreskarten im Dezember kostenfrei fahren dürfen.

Laut Homburg bekommen Käufer von normalen Monatskarten und Sozialtickets im Januar 15 Euro Entschädigung in bar für ihre Dezembertickets.

An allen Adventssonntagen sollen zudem Einzelfahrscheine den ganzen Tag lang gelten.

Sämtliche Sonderregelungen beziehen sich auf die Tarifbereiche A, B und C des Nahverkehrs. Details zu den Entschädigungen will die S-Bahn im Internet veröffentlichen.

Parallel kündigte Homburg die Wiederinbetriebnahme von zwölf S-Bahn-Zügen der Baureihe 485 an. Diese sollen die bisherige Flotte nach umfangreichen Revisionsarbeiten ergänzen. Derzeit verkehren nur eingeschränkt Züge der Baureihe 481, deren zum Teil unregelmäßig gewartete oder defekte Bremszylinder das seit Wochen andauernde Chaos bei der Berliner S-Bahn verursacht hatten. Laut DB sind derzeit nur 210 Viertelzüge (zwei Wagen) der weit über 600 regulären Züge im Einsatz. Bis Mitte des Monats sollen 300 Viertelzüge instand gesetzt sein, bis Ende Oktober 400.

Den kompletten Fahrplan wolle die DB im Dezember wieder anbieten, wenn keine neuen gravierenden Mängel auftauchen, sagte Homburg.

Entschädigungen kosten 55 Millionen Euro

Die Gesamtsumme der Entschädigungen werde sich auf 55 Millionen Euro belaufen, sagte Homburg. Bisher war von 25 Millionen die Rede. Der Schaden für den Mutterkonzern durch die schlampige Behandlung von Mängeln an Radscheiben und Bremsen entstanden ist, belaufe sich allein dieses Jahr auf voraussichtlich 75 Millionen, sagte Homburg.

Zusammen mit einigen anderen Maßnahmen zur allgemeinen Qualitätsverbesserung beliefen sich die Entschädigungen auf etwa anderthalb Monatseinnahmen aus den Fahrscheinerlösen, sagte der Vorstand. Die Bahn AG muss außerdem Einbußen in zweistelliger Millionenhöhe dadurch hinnehmen, dass der Berliner Senat als Besteller des Verkehrs große Summen der vereinbarten Zahlungen einbehalten hat. Dazu entgehen dem Konzern Einnahmen aus den Trassengebühren, weil viele Züge nicht fahren. Anderseits werden diese Einnahmen bei der S-Bahn-GmbH wiederum eingespart.

Bei der Suche nach den Ursachen für die offenbar von Führungskräften veranlassten Wartungsdefizite sollen laut Homburg Befragungen von 50 bis 70 Managern weiterhelfen, die lückenhafte Dokumentation aufzuklären und unter anderem die Frage zu klären, warum nicht bereits in den Jahren 2003 bis 2005, als erste gravierende Schäden an Radreifen auftauchten, die Industrie wegen Gewährleistungsfragen mit in die Haftung genommen worden sei. Die Industrie sei bislang ebenso wenig auskunftsfreudig wie die befragten Mitarbeiter. Sie beriefen sich in der Regel auf die gleichzeitig laufenden staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen. Homburg versicherte erneut, dass sich die Ermittlungen nicht gegen die Mitarbeiter in den Werkstätten richteten, da sie offenbar Anweisungen ausgeführt hätten, sondern gegen die Verantwortlichen, die diese Anweisungen zur systematischen Vernachlässigung der Wartung erteilt hätten.

Opposition fordert höhere Entschädigung

Die Oppositionsparteien im Berliner Abgeordnetenhaus kritisierten die Entschädigungsleistungen der S-Bahn als unzureichend. CDU, FDP und Grüne forderten weitere Nachbesserungen. Aus Sicht der CDU wären zwei Monate freie Fahrt für alle Fahrgäste angemessen und viel unbürokratischer, nach Auffassung der Liberalen mindestens ein Gratis-Monat. Die Grünen verlangten zwei Gratis-Monate für alle Fahrgäste mit Zeitkarten bzw. Semestertickets und unter anderem zwei Monate freie Fahrt für sämtliche Fahrgäste im S-Bahnnetz.

"Die geplanten Entschädigungsregelungen stehen immer noch in einem großen Missverhältnis zu den monatelangen Schlechtleistungen", sagte der CDU-Fraktions- und Landesvorsitzende Frank Henkel. FDP-Fraktionschef Christoph Meyer nannte das Angebot der Bahn eine Frechheit. "Wir fordern eine Wiedergutmachung für den Schaden, der allen Fahrgästen entstanden ist, denn die Ticketpreise basieren für alle auf der Grundlage der im Verkehrsvertrag geregelten Leistungen", erklärte die verkehrspolitische Sprecherin der Grünen, Claudia Hämmerling.

Der Geschäftsführer des Verkehrsverbundes VBB, Hans-Werner Franz, sprach von einem richtigen Signal der Deutschen Bahn an die Fahrgäste. Doch gebe es noch keine Signale für eine nachhaltige Veränderung der Unternehmenspolitik. "Der Bahnkonzern muss endlich das zu eng geschnürte Sparkorsett lockern, das die Berliner S-Bahn in den Abgrund getrieben hat", erklärte Franz in einer Mitteilung. Im Bahnkonzern seien Strukturentscheidungen zur S-Bahn unerlässlich. Es fehlten weiterhin klare Aussagen zu vernünftigen Gewinnvorgaben, zu ausreichenden Werkstatt- und Personalkapazitäten.

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