Nach Gerichtsurteil

Berliner Senat und Schulleitung gegen Gebetsräume

Nach der Entscheidung des Berliner Verwaltungsgerichts darf der strenggläubige Muslim Yunus M. nun das Mittagsgebet in seiner Schule verrichten. Beim Senat stößt das Urteil auf Ablehnung. Morgenpost Online sprach mit Schulleiterin Brigitte Burchard über die Konsequenzen der Regelung.

Foto: Amin Akhtar / Akhtar

Das Urteil des Berliner Verwaltungsgerichts zu islamischen Gebeten an Schulen hat eine Debatte über Integration und staatliche Neutralität ausgelöst. Während Bundespolitiker von Union und FDP die Erlaubnis eines täglichen Gebets außerhalb des Unterrichts begrüßten, üben Berliner CDU-Politiker und Schulleiter Kritik.

Für die Unionsfraktion im Bundestag erklärten der bildungspolitische Sprecher Stefan Müller (CSU) und die Religionsbeauftragte Ingrid Fischbach (CDU), die Religionsfreiheit als „Recht des Einzelnen, seinen Glauben zu bekunden“, gelte „selbstverständlich auch für Anhänger des Islam“. Gebetsräume, in die sich Schüler aller Religionen in unterrichtsfreien Momenten zurückziehen könnten, seien sinnvoll. Allerdings sollten diese nicht für Muslime allein da sein. Die Berliner Bildungsverwaltung lehnt Räume der Stille an Berliner Schulen als realitätsfremd ab. Die Senatsverwaltung will aus dem Urteil keine allgemeingültigen Schlüsse ableiten. Es handle sich um eine Einzelfallentscheidung, sagt der Sprecher Jens Stiller.

Der 16 Jahre alte Berliner Schüler Yunus M. hatte geklagt, seine Gebete in Räumen des Diesterweg-Gymnasiums in Wedding abzuhalten. Er sieht es als seine religiöse Pflicht an, die Gebetszeiten einzuhalten. Das Berliner Verwaltungsgericht hatte am Dienstag der Klage gegen den Berliner Senat stattgegeben. Yunus M. darf einmal täglich in einer Unterrichtspause beten. Die Richter sehen darin keine Störung des Schulbetriebs und keine Verletzung der Neutralitätspflicht. Brigitte Burchardt, Schulleiterin am Diesterweg-Gymnasium, hofft, dass es bei einem Einzelfall bleiben wird.

Morgenpost Online: Frau Burchardt, wie haben Sie das Urteil aufgenommen?

Brigitte Burchardt: Als Bürgerin eines demokratischen Staates respektiere ich das Urteil und werde danach handeln. Ich will aber nicht verschweigen, dass ich auf ein anderes Urteil gehofft habe, das die Lebenswirklichkeit stärker berücksichtigt.

Morgenpost Online: Wie sieht die Lebenswirklichkeit an Ihrer Schule aus?

Brigitte Burchardt: Die Eltern unserer Schüler stammen aus 30 Herkunftsnationen. An unserer Schule lernen unter anderen Muslime, die den Sunniten, Schiiten, Aleviten angehören, Katholiken, Protestanten, Hindus, serbisch-orthodoxe und russisch-orthodoxe Schüler. Wenn die jetzt alle kommen und einen Ort zum Beten wollen, dann weiß ich nicht weiter. Gebe ich einem Schüler das Recht zum Beten, muss ich es allen geben.

Morgenpost Online: Können Sie die Argumentation des Gerichts nachvollziehen, dass die Neutralitätspflicht des Staates und somit der Schulen nicht der Religionsfreiheit entgegensteht?

Brigitte Burchardt: Ich kann der Urteilsbegründung nicht folgen, offenbar habe ich, bezogen auf die Schule, das Grundgesetz anders gelesen. Ich bin keine Juristin, maße mir kein Urteil an. Aber an dieser Stelle habe ich eine andere Meinung als das Gericht, die ja auch von der Senatsverwaltung geteilt wird.

Morgenpost Online: Was bedeutet das Urteil konkret für Ihre Schule?

Brigitte Burchardt: Bei uns geht es einfach nur darum, dass wir friedlich miteinander leben. Wenn es bei einem Einzelfall bleibt, geht es so weiter wie in den vergangenen anderthalb Jahren seit der Eilentscheidung und der einstweiligen Anordnung des Gerichts, das Beten an der Schule zu ermöglichen.

Morgenpost Online: Gab es denn schon Konflikte zwischen den Schülern verschiedener Religionen?

Brigitte Burchardt: Vor vier Jahren ist es bereits zu Streitigkeiten von Schülern aufgrund der unterschiedlichen religiösen Ansichten gekommen. Nur ein Beispiel: Bei den Aleviten dürfen Frauen und Männer zusammen beten.

Morgenpost Online: Werden Sie weiterhin einen extra Raum zur Verfügung stellen? Das Gericht hat das ja nicht ausdrücklich gefordert?

Brigitte Burchardt: Das ist richtig. Das Gericht schreibt nicht vor, einen Raum zur Verfügung zu stellen. Ich werde mich mit der Senatsverwaltung für Bildung in Verbindung setzen und nach Lösungen suchen.

Morgenpost Online: Haben Sie schon eine Idee, wie diese Lösungen aussehen könnten?

Brigitte Burchardt: Ich denke, dass es darauf hinauslaufen wird, weiterhin den Gruppenraum zwischen 13.30 Uhr und 13.40 Uhr aufzuschließen und zur Verfügung zu stellen. Ich kann den Jungen im Winter ja nicht auf den Hof schicken.

Morgenpost Online: Könnte der Junge nicht auch auf dem Flur oder im Treppenhaus beten?

Brigitte Burchardt: Das ist nicht der richtige Platz. Ich finde das unwürdig, weil es dort nicht die nötige Atmosphäre für ein Gebet gibt. Außerdem könnten andere Schüler das als demonstratives Beten verstehen. Es gibt auch Schüler, die Atheisten sind und die der Meinung sein könnten, dass sie nicht damit konfrontiert werden wollen.

Morgenpost Online: Haben Sie noch andere Probleme mit muslimischen Schülern, wie zum Beispiel die Teilnahme am Sportunterricht oder an Klassenfahrten?

Brigitte Burchardt: Wir haben seit Jahren eine besondere Regelung für die muslimischen Mädchen beim Sportunterricht getroffen. Damit sie sich nicht mit dem Kopftuch verletzen, dürfen sie ihren Bonnet, also ihr Unterkopftuch, aufbehalten und einen Rollkragenpullover dazu tragen.

Morgenpost Online: Uns wurde mitgeteilt, dass Yunus M. den Raum in den vergangenen anderthalb Jahren nur sechs Mal genutzt?

Brigitte Burchardt: Ich kann dazu nur sagen, dass der Raum selten frequentiert wurde.

Morgenpost Online: Wie verlief der erste Tag nach der Urteilsverkündung an Ihrer Schule?

Brigitte Burchardt: Es war ein ganz normaler Schultag und eine ganz normale Stimmung. Die große Mehrheit unserer muslimischen Schüler scheint wohl der Meinung zu seine, dass man nicht in der Schule beten muss, sondern auch mal zwei Gebete zusammenfassen darf.

Morgenpost Online: Gab es denn aufgrund des Urteils schon weitere Anfragen nach einem Raum zum Beten?

Brigitte Burchardt: Bislang hat sich noch keiner weiter gemeldet.