Ermittlungen in Berlin

S-Bahn-Chaos auf Anweisung - Ex-Manager im Visier

Das S-Bahn-Chaos in Berlin kam "auf Anweisung von oben" zustande, sagt Bahn-Vorstand Ulrich Homburg: Reparaturen seien unterblieben, weil Wartungsprotokolle gefälscht wurden, und zwar auf Weisung von Vorgesetzten - anders könne er sich das nicht vorstellen. Wirtschaftsprüfer und Anwälte sollen nun den oder die Schuldigen finden.

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Fälschung von Wartungsprotokollen bei der S-Bahn ist offenbar auf Weisung von Vorgesetzten geschehen. Davon geht Ulrich Homburg, Bahn-Vorstand für den Personenverkehr, aus. Dass Mitarbeiter ohne „Anweisung von oben“ nicht erledigte Arbeiten abgehakt hätten, liege außerhalb seiner Vorstellungskraft, sagte Homburg gestern. Noch ist unklar, wer die Anweisung gegeben hat. Schriftliche Dokumente wurden nach Bahn-Angaben bislang nicht gefunden.

Um die Missstände aufzuklären, holt sich die Bahn Hilfe von außen. Neben der konzerninternen Revision ermitteln ab sofort auch die Wirtschaftsprüfer von KPMG und die Anwaltskanzlei Gleiss Lutz bei der S-Bahn. Mit den neuen Partnern werde auch ein Konzept zur Vermeidung „solcher Vorgänge“ erarbeitet, sagte Homburg.

Er kündigte eine „lückenlose Aufklärung“ und entsprechende Konsequenzen an. Es handele sich um „strafrechtlich relevante“ Vorgänge, so der Bahn-Vorstand. „Die Verantwortlichen werden ohne Ansehen von Namen und Person zur Rechenschaft gezogen.“ Eine vorzeitige Schuldzuweisung, etwa an den ehemaligen Technik-Geschäftsführer der S-Bahn, Ulrich Thon, oder Aufsichtsratschef Hermann Graf von der Schulenburg, lehnte Homburg ab. Die Ermittlungen befänden sich noch „im Stadium der Vermutungen“.

Schuldigen drohen bis zu fünf Jahre Haft

Auch die Staatsanwaltschaft überprüft im Rahmen ihrer laufenden Ermittlungen die nun bekannt gewordenen Mängel im Wartungssystem der S-Bahn, wie Sprecher Martin Steltner bestätigte. Sollte sich herausstellen, dass in der oberen oder mittleren Managementebene Entscheidungen getroffen wurden, die Leib und Leben der Fahrgäste gefährdeten, drohen den Verantwortlichen laut Gesetz bis zu fünf Jahre Haft wegen „Gefährdung des Bahnverkehrs“.

Mindestens seit 2004, so erste Erkenntnisse, sei „systematisch gegen Tauschvorschriften für Bremszylinder verstoßen“ worden, bestätigte Homburg. „Es sind Prüf- und Wartungsarbeiten dokumentiert worden, die nicht vollständig oder gar nicht durchgeführt wurden.“

VBB begüßt Einsatz externer Ermittler

Weil die Verschleißteile an den Bremsen offenbar über Jahre nicht gewechselt wurden, fällt seit Montag drei Viertel der Fahrzeugflotte der S-Bahn aus. Auch gestern mussten deshalb Hunderttausende Fahrgäste Verspätungen, Ersatzverkehr und überfüllte Züge hinnehmen. 30 zusätzliche Werkstatt-Mitarbeiter aus Eberswalde sollen nun helfen, schnell wieder mehr Züge auf die Schienen zu bringen.

Der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) begrüßte den Einsatz externer Ermittler in der S-Bahn-Krise. „Transparenz muss jetzt zur Selbstverständlichkeit werden“, forderte VBB-Chef Hans-Werner Franz. „Das Verwirrspiel beim Thema Qualität und Zuverlässigkeit muss ein Ende haben.“