Kindesmisshandlung

Richter sprechen Berliner Tagesmutter frei

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Christina Brüning

Eine Tagesmutter ist vom Amtsgericht Berlin-Tiergarten vom Vorwurf der Misshandlung zweier Mädchen freigesprochen worden. Nach zum Teil widersprüchlichen Aussagen der Zeugen, darunter der Mütter der Kinder, habe sich der Verdacht nicht bestätigt, urteilte die Richterin.

Erst nach ihrem Freispruch sieht Susanne B. wieder aus wie eine Frau, in deren Obhut man sein Liebstes geben würde. Ihr Gesicht war während der Verhandlung so von der Anspannung gezeichnet, dass ihre Mine völlig verhärtet wirkte und in einem seltsamen Gegensatz zu ihrem blonden, gelockten langen Haar stand. Das Verfahren, diese drei Stunden auf der Anklagebank, hätten ihr das Kapital ihrer Arbeit entziehen können – das Vertrauen der Eltern, deren Kinder sie als Tagesmutter hütet. Die 44 Jahre alte Berlinerin war angeklagt, zwei ihrer Schützlinge misshandelt zu haben.

Es ist der Albtraum aller Eltern. Es fällt sowieso schon schwer, sein Kind einer Fremden anzuvertrauen, egal ob Erziehern in Kita und Kindergarten oder einer Tagesmutter. Der Trennungsschmerz ist meist auf beiden Seiten groß. Doch was tun, wenn es plötzlich Zweifel an der Fürsorge gibt? Wenn das Kind plötzlich blaue Flecken hat, die man sich nicht erklären kann – wann muss man einschreiten?

Missgeschicke oder Misshandlungen?

„Uns ist überhaupt nichts aufgefallen.“ Wie oft hat man diesen Satz schon gehört. Vom Jugendamt. Von Nachbarn. Er ist dann Antwort auf die Frage, ob denn niemand bemerkt hat, dass die kleine Jessica, der kleine Kevin misshandelt worden ist. Auch am Montag fielen diese Worte wieder vor dem Amtsgericht Tiergarten. Den Satz sagte eine Zeugin – eine Mitarbeiterin des Jugendamtes Spandau, das die Tagesmutter Susanne B. betreut. Nur – in diesem Fall gab es anscheinend wirklich nichts, das hätte auffallen müssen. Und doch landete sie vor Gericht. Zwei Mütter trugen im Zeugenstand vor, wie sie blaue Flecke und in einem Fall eine Verbrennung bei ihren Töchtern festgestellt hatten, nachdem sie bei Susanne B. waren. Stürze oder Schläge? Missgeschicke oder Misshandlungen?

Susanne B. wird wie die meisten Tagespflegestellen vom Bezirksamt betreut, es gab regelmäßigen Kontakt, sie arbeitet seit 15 Jahren als Tagesmutter. Die Betreuer im Jugendamt schätzen sie als „fürsorglich und liebevoll“ ein. Aber der Fall zeigt: Wo Kinder in die Obhut anderer gegeben werden, reicht Überwachung durch das Jugendamt nicht aus. Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser.

Immer wieder mal gab es blaue Flecken

Im Juni 2007 war Ilka K. eine Verbrennung an der Wange ihrer damals vierjährigen Tochter aufgefallen. Ihre Tochter habe ihr erzählt, die Verletzung stamme von einem Föhn, sagt die Mutter im Zeugenstand. Kurz zuvor hatte sie noch in einem Schreiben ans Jugendamt darum gebeten, ihre Tochter bis zur Einschulung in den „liebevollen Händen“ der Susanne B. belassen zu können, anstatt den Kindergartenplatz für die Kleine anzunehmen. Auf die Verletzung angesprochen habe die Tagesmutter gesagt, sie habe gar keinen Föhn und würde dem Mädchen doch auch nie die Haare waschen. Ilka K. glaubte ihr.

Dann habe es aber immer mal wieder blaue Flecken gegeben. „Aber sie hat mir immer klar gemacht, dass die Verletzungen aus Versehen passiert sind“, sagt die Mutter. Ihre Tochter sei manchmal etwas ungeschickt, ein Frühchen halt. Als sie das erzählt, hat ihr Gesicht ebenso verhärtete Züge wie das der Angeklagten. Die Frauen ähneln einander, aber sie sehen sich nicht einmal mehr an. Irgendwann hätten sich dann „viele Dinge aneinander gereiht“, die 43-Jährige benachrichtigte Jugendamt, Kinderarzt und Kripo.

Misshandlungen an Schutzbefohlenen sind für die Polizei eine schwierige Angelegenheit. Die wichtigsten Zeugen, nämlich die Opfer – egal ob kleine Kinder in der Kita oder alte Menschen im Pflegeheim – sind meistens nicht vernehmungsfähig, die Indizien nicht immer eindeutig. „Schrammen und Beulen können immer auch von Sturzverletzungen herkommen“, sagt Hans-Joachim Blume, Leiter der Abteilung des Berliner Landeskriminalamts, die sich seit 20 Jahren mit Misshandlungen bei Schutzbefohlenen befasst. Rund 1000 Anzeigen bearbeitet das Kommissariat im Jahr. „Die Menschen sind gerade was kleine Kinder angeht, heute sehr aufmerksam geworden“, sagt Blume.

Job als Tagesmutter streng reglementiert

So ist auch der vor einigen Jahren noch recht zwanglose Job als Tagesmutter mittlerweile strenger reglementiert. Es gibt zwar keine Berufsausbildung zur Tagesmutter, doch seit 2005 benötigt jede Tagespflegeperson eine Pflegestellenerlaubnis, auch bei privater Finanzierung. Alle in Berlin vom Bezirksamt vermittelten Tagesmütter müssen zudem eine Eingangsqualifizierung absolvieren – einen Lehrgang in Fächern wie Pädagogik und Erster Hilfe. „Nicht jeder, der selbst Kinder erzieht, hat automatisch eine pädagogische Eignung“, sagt Anke Otto, als Stadträtin in Steglitz-Zehlendorf für die Tagespflege zuständig. „Die zusätzliche Qualifizierung, wie sie das Gesetz nun vorschreibt, ist daher absolut wichtig.“ Die zuständigen Bezirksämter stünden so auch von Beginn an mit den Tagesmüttern in Kontakt. Otto rät deswegen Eltern, sich immer zuerst vom Bezirksamt beraten zu lassen, wenn es um die Wahl einer Tagespflegestelle geht.

„Aber das Vertrauensverhältnis bleibt das Wichtigste bei der Wahl einer Tagesmutter“, sagt auch die Stadträtin. Eltern sollten darum intensiven Kontakt zur Tagesmutter suchen und vor allem auf ihr Bauchgefühl hören.

Susanne B. möchte weiterhin als Tagesmutter arbeiten

Das hat auch Gisela T. gemacht, deren Tochter ebenfalls bei Susanne B. in der Tagespflege war. Als sie eines Abends im Frühjahr 2008 ihre Zweijährige abholte, hatte diese ein großes Hämatom unter dem linken Auge. „Frau B. hatte dafür eine für mich plausible Erklärung – einen Unfall beim Spazierengehen“, sagt die zweifache Mutter. Ihre Tochter sei mit der Tochter von Ilka K. auf der Straße kräftig zusammengestoßen. Wenige Wochen später nahm Gisela T. ihre Kleine aus der Tagespflege – aber nicht wegen des Vorfalls, sondern weil sie wieder im Mutterschutz war und ihre Kinder selbst betreuen konnte.

Susanne B. möchte auch weiterhin als Tagesmutter arbeiten. „Zum Glück gibt es Eltern, die mir trotz allem weiter vertrauen.“ Nur das Zutrauen in sich selbst, das fiel ihr während des Prozesses manchmal schwer, da wollte sie am liebsten aufhören. „Aber ich liebe diesen Job, ich liebe die Kinder“, entschied die Tagesmutter schließlich.

Es muss ein Trost für Susanne B. gewesen sein, als in der Verhandlungspause plötzlich Gisela T. zu ihr kommt. Die 38-jährige promovierte Chemikerin läuft zielstrebig auf die ehemalige Tagesmutter ihrer Tochter zu und umarmt sie. „Ich wünsche dir alles Gute“, sagt sie dabei. Es ist eher dieser intime Moment als das Urteil im Namen des Volkes, das Susanne B. freispricht.