Neubau des Innenministeriums

Nobel-Restaurant "Paris Moskau" am Abgrund

Unweit des Hauptbahnhofs soll bis 2014 der neue Bau des Bundesinnenministeriums entstehen. Im Frühjahr begannen die Vorbereitungsarbeiten. Seitdem steht das bekannte Nobelrestaurant "Paris Moskau" in einer Bauwüste - in Kürze auch ohne Sommerterrasse.

Foto: Massimo Rodari

Wolfram Ritschl ist sauer. „Das war der schlechteste Sommer seit Jahren“, sagt der Gastronom und meint damit keineswegs die vergangene Hitzeperiode. Der Eigentümer des bekannten Nobelrestaurants „Paris Moskau“ bezieht sich vielmehr auf „Einnahmenverluste in Höhe von mindestens 80.000 Euro“, wie er sagt. Und das sei noch tief geschätzt, schiebt er schnell nach. Grund der enormen Umsatzeinbußen, so der 50-jährige Ritschl, seien die vorbereitenden Arbeiten für den Neubau des Bundesinnenministeriums (BMI) auf dem Grundstück an der Straße Alt-Moabit unweit des Hauptbahnhofes. Dort, nur wenige Meter hinter dem denkmalgeschützten Fachwerkhaus des „Paris Moskau“, soll bis 2014 für knapp 200 Millionen Euro der neue BMI-Bau entstehen. Im März begann bereits das Abräumen und die Altlastensanierung auf dem 36000 Quadratmeter großen und bislang grünen Areal, das unterdessen einer staubigen Sandwüste gleicht. Jüngst wurde die etwa 70 Quadratmeter große Sommerterrasse abgerissen. Eine Baumaßnahme, die Wolfram Ritschl als besonders geschäftsschädigend betrachtet. Das Restaurant steht seither zumindest räumlich am Abgrund. Mitte Juli wurde die einst von Bäumen überschattete und zuletzt abgesperrte West-Terrasse mit dem Bagger dem Erdboden gleich gemacht. Damit fällt eine wesentliche Einnahmequelle des „Paris Moskau“ weg – „im Sommer bewirten wir etwa 50 Prozent unserer Gäste draußen“, sagt Ritschl.

Zuvor wurde bereits die zuletzt als Wirtschaftsraum genutzte ehemalige Kegelbahn an der Rückseite des Hauses abgetragen. Wollte Restaurantbesitzer Ritschl heute – wie noch vor wenigen Wochen möglich – aus der Seitentür ins Freie treten, würde er abstürzen. Denn der angrenzende Grund und Boden ist an der rechten Außenwand bereits mehrere Meter tief abgetragen. Hier soll ein Parkdeck mit 218 Stellplätzen gebaut werden. Die Geschossdecke dieses Neubauteils wird später Teil eines öffentlichen Stadtplatzes, in den die dann neue und nach Angaben des Bauministeriums „etwas größere Terrasse“ des Restaurants integriert wird.

Was Wolfram Ritschl am meisten stört, sind nicht die Arbeiten an sich, sondern „vor allem die absolut chaotische Planung seitens der beteiligten Ministerien und Behörden“. Er sei ja gar kein Gegner des Neubaus, betont der Gastronom mehrmals und ergänzt: „Aber die Planungen hier sind eine Katastrophe.“ Zuständigkeiten seien unklar, Zeitpläne würden nicht wie abgesprochen eingehalten, und er wisse derzeit nicht, wie es beim konkreten Ablauf 2011 und 2012 weitergehe, kritisiert Ritschl. Möglicherweise liegt das auch an der Vielzahl der Beteiligten. So sind gleich mehrere Ministerien und Behörden mit dem Bauprojekt beschäftigt: Das bundeseigene Grundstück wird von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) verwaltet, die wiederum Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) untersteht. Der Neubau wird für das derzeit von Minister Thomas de Maizière (CDU) geleitete Bundesinnenministerium erstellt. Die baufachliche Aufsicht wiederum untersteht dem Bundesbauministerium unter Minister Peter Ramsauer (CSU). Die aktuellen vorbereitenden Arbeiten für den Baustart 2011 obliegen schließlich der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung.

Sommerterrassen vor dem Abriss

Nach Angaben von Wolfram Ritschl habe man sich zuletzt darauf geeinigt, „dass die Terrasse nicht schon im Juli, sondern frühestens Mitte oder Ende August abgerissen wird, was mir wirtschaftlich durchaus geholfen hätte“. „Der Abriss der Sommerterrassen wäre ohne Probleme auch vier Wochen später möglich gewesen“, betont Ritschl, der das „Paris Moskau“ mittlerweile schon seit 26 Jahren erfolgreich betreibt. Er kritisiert „das absolut unnötige Vorgehen der Planer“, zumal der Terrassenabriss anfangs nicht einmal für dieses Jahr terminiert gewesen sei. In einem Protokoll einer Sitzung der an dem Bauprojekt Beteiligten vom 8. September 2009 heißt es denn auch: „Die Terrasse muss zwar im Zuge des Abbruchs der Kegelbahn gesichert werden, wird jedoch in 2010 planmäßig noch nicht abgebrochen.“

Jetzt muss das Restaurant noch auf die zweite und kleinere Terrasse verzichten. Bis nächsten Freitag sollen die sechs Tische dort verschwinden, damit die Bagger auch diesen Teil abtragen können. Ritschl konnte für diesen Abriss noch einen Aufschub von einer Woche erreichen, ursprünglich sollte bereits bis zum Wochenende geräumt sein.

Bei der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben in Bonn wird der zeitige Abriss der Terrassen damit begründet, dass nach dem Abtragen des Kegelbahngebäudes dort akute Einsturzgefahr bestanden habe. Für Wolfram Ritschl ist diese Begründung „eine Ausrede. Den Beteiligten lag der Lösungsvorschlag eines bekannten Statikers vor, wonach die Terrasse mit mehreren Schaufeln des vorhandenen Erdaushubes angeschüttet und ganz leicht hätte gesichert werden können“. Für Ritschl steht fest: „Die wollten das jetzt einfach abreißen.“ Die mit allen Ministerien abgesprochene Mitteilung der BImA, wonach „als einzige Sicherung der Abriss der Terrasse-West in Frage kam“ ist nach Ansicht Ritschls falsch.

Aus dem Bundesbauministerium heißt es zu der Auseinandersetzung: „Natürlich ist die Nachbarschaft zu einem Bauvorhaben dieser Größenordnung mit großen Unannehmlichkeiten verbunden. Die vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des neuen Ministeriums werden aber auch neue Kunden für das Paris-Moskau bringen.“ Es sei sicherlich auch im Interesse des Pächters, dass die Baustelle zügig voranschreiten könne. Daran, dass der für das BMI-Projekt unter anderem zuständige Bundesbauminister Peter Ramsauer zu „den gern gesehenen Stammgästen unseres Hauses“ gehöre, werde sich trotz der Auseinandersetzung nichts ändern, beteuert Ritschl. Er wundere sich aber schon, „dass mein Anschreiben an ihn noch nicht beantwortet wurde“.