Verwaltung ausgetrickst

Straßenbesitzer aus Berlin bittet Havelsee zur Kasse

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Philip Kuhn

Foto: ddp

Sein Überraschungscoup soll sich für den Berliner Geschäftsmann Wassim Saab finanziell auszahlen. Für 1000 Euro ersteigerte er eine Straße in der brandenburgischen Stadt Havelsee. Jetzt fordert er von der Gemeinde das 150-Fache seines Einsatzes.

Der Käufer einer Straße in Havelsee will die Verkehrsfläche gewinnbringend an die Stadt verkaufen – für mindestens 150.000 Euro. „Das ist die Basis, über die wir reden können“, sagte der Käufer Wassim Saab Morgenpost Online. Ein Sachverständiger habe den Verkehrswert der Straße sogar auf 1,5 Millionen Euro taxiert – allerdings in unbenutztem Zustand. Nach Rücksprache mit dem Gutachter wolle er deshalb höchstens 10 bis 15 Prozent dieser Summe erzielen.

Der libanesische Geschäftsmann aus Berlin hatte die Straße Am Mühlenberg erst vor zwei Wochen für 1000 Euro ersteigert. Zwei Mitarbeiterinnen des zuständigen Bauamts Beetzsee hatten während der Versteigerung am Amtsgericht Potsdam nicht mitgeboten. Offenbar gingen die Frauen davon aus, dass ihnen die Straße ohnehin für den Mindestbetrag von einem Euro zufallen würde.

Die Straße Am Mühlenberg führt durch ein Neubaugebiet der Gemeinde Briest, einem Ortsteil der Stadt Havelsee (Potsdam-Mittelmark). Der Wohnpark wurde in den 90er-Jahren errichtet, doch der Investor ging in Konkurs. Neben drei freien Baugrundstücken fiel auch die Erschließungsstraße in die Insolvenzmasse. Die Frankfurter MHB Bank AG beantragte die Zwangsversteigerung, die vor knapp zwei Wochen im Potsdamer Amtsgericht eröffnet wurde.

Der ehemalige Investor und jetzige Nachtragsliquidator des Wohnparks, Ulrich Pietrucha, hatte der Stadt vor längerer Zeit vergeblich angeboten, die Straße für einen symbolischen Euro zu erwerben. Ein entsprechender Vertrag lag bereits im Bauamt. Doch keiner der Beamten ging darauf ein. Zunächst, weil die Straße angeblich Mängel hatte. Später wollte man die Kosten für den Notar sparen – etwa 100 bis 200 Euro. Pietrucha kann eine gewisse Schadenfreude nicht verhehlen. „Die Damen hielten sich für clever, als sie dachten, dass ihnen die Straße für einen Euro zufällt.“

Selbst mitzubieten war den Bauamtsmitarbeiterinnen nicht in den Sinn gekommen – laut dem Havelseer Bürgermeister Günter Noack wären sie dazu allerdings durchaus berechtigt gewesen. Die etwa 60 Anwohner der Straße Am Mühlenberg sind verunsichert; sie fürchten nun, Nutzungsgebühren zahlen zu müssen. Denn Saab hat nicht nur die Straße, sondern auch Straßenlaternen und Wasserleitungen erworben.

Laut Presseerklärung des Bauamtes Beetzsee könne davon allerdings keine Rede sein: Es handele sich um eine öffentliche Straße, Benutzungsgebühren für die Abwasserentsorgung könne Saab gar nicht verlangen. Dieser Ansicht widerspricht Pietrucha vehement: „Das ist falsch. Es ist nie eine öffentliche Straße gewesen. Erst durch den Kauf sollte die Straße umgewidmet und damit öffentlich werden. Genau wie Strom- und Wasserleitungen, die nun Herrn Saab gehören.“ Das belege auch ein Gutachten. Sollte der Libanese tatsächlich Benutzungsgebühren erheben, können sich die Bewohner gegen die Stadt im Zuge der Amtshaftung wehren. Die Siedlung sei „voller Rechtsanwälte“, warnt Pietrucha. Schon deshalb bleibe der Stadt gar keine andere Wahl, als sich mit Saab zu einigen.