Berliner Wahrzeichen

Wie ein Morgenpost-Online-Reporter Tempelhof besetzte

Der Flughafen Tempelhof soll in Kürze für Besucher geöffnet werden. Bis dahin ist noch Zeit für Aktivisten, es noch einmal zu versuchen mit der Besetzung des Areals. Unser Reporter war dort - ganz allein unterwegs auf dem Flughafen Tempelhof. Er bleibt nun für immer Besucher Nummer eins.

Ich habe Tempelhof besetzt. Dienstag, am Nachmittag. Still und leise. Ohne Rangeleien mit Polizeibeamten. Ohne mühsame Anträge. Ich stand minutenlang auf dem Rollfeld. Und in der Abfertigungshalle. Ich schmökerte in verlassenen Büros und Teeküchen. Ich bin mit alten Fahrstühlen gefahren, habe verstaubte Treppen erklommen und an verschlossenen Glastüren gerüttelt. Knapp 15 Minuten war ich Besucher Nummer eins auf dem Tempelhofer Feld, das im Mai als Berlins größter Park eröffnet werden soll.

Mein Rundgang beginnt am Columbiadamm. Dort ist der Zaun unterbrochen, die Tore offen. Wachschutz? Fehlanzeige. Mit dem Auto kann man direkt auf dem Gelände parken. Wie praktisch.

Die ersten Treppen zum Bauteil A2 nehme ich im Flug, die Tür steht offen. In der ersten Etage ist es mucksmäuschenstill. An den Türen hängen Schilder mit Namen von Managern und Bauleitern, von Koordinatoren und Projektmitarbeitern. Plötzlich steht eine Dame vor mir und grüßt. Sekunden später ist sie wieder verschwunden. Ob ihr Arbeitsplatz von Tempelhof-Besuchern im nächsten Jahr auch besichtigt werden kann?

Drei Büros weiter steht eine Tür offen. Ich klopfe an und platze in ein Arbeitsgespräch zwischen Chef und Mitarbeitern. „Wie komme ich auf das Flugfeld?“ Ich solle bei der BIM nachfragen, der Berliner Immobilienmanagement GmbH, antwortet der Herr mit Schlips. Das Büro sei im Gate 2.

"Niemand spricht mich an"

Station zwei meiner Tempelhof-Touristik-Tour. Ich verlasse das Gebäude und schlendere in Richtung Polizeipräsidium. Immer wieder begegne ich Menschen, die freundlich grüßen. Aber immer auch einen fragenden Blick haben. Doch niemand spricht mich an. Ein weißes Hemd, die randlose Brille und eine Klemm-Mappe unter dem Arm – wahlweise auch das Handy am Ohr – schützen vor neugierigen Fragen nach Weg und Absicht.

Im nächsten Gebäude verschlägt es mich in den verstaubten Keller, über lange schmale Gänge erreiche ich das Flugfeld. Keine der Türen ist verschlossen. Links von mir steht ein Flugzeug, mein Blick schweift über 230 Hektar freies Land. Ich halte inne. Minutenlang. Ich bin mir sicher, jeder Autonome dieser Stadt würde jetzt gerne mit mir tauschen. „Tempelhof besetzt – endlich!“ So stelle ich mir die Meldung auf den Internetseiten vor. Pech gehabt. Ich war zuerst hier.

Die Hitze wird unerträglich. Ich flüchte zurück in die kühlen Gänge, nehme einen Fahrstuhl ins Erdgeschoss. Auf Zehenspitzen schleiche ich um die Ecken und stehe plötzlich in der Abfertigungshalle. Auf dem Boden spiegelt sich das Sonnenlicht, das über die meterhohen Fenster einfällt. Sämtliche Lampen sind eingeschaltet. Stille. Alles erinnert an eine Kirche auf dem Lande, in der Besucher minutenlang verharren, um den Geist der Geschichte zu fühlen. Vor meinem inneren Auge sehe ich bereits Hunderte Berliner, die sich mit Filzlatschen an ihren Füßen durch die Halle schieben und mit Fingern in Richtung Anzeigentafel zeigen.

"Plötzlich höre ich Stimmen"

Station drei der Besichtigung: Der Blick über das Rollfeld – aus der ersten Etage. Endlose, betonierte Weite. Plötzlich höre ich Stimmen. Der Wachschutz kommt. Die Männer wollen BIM-Papiere sehen. Ich zücke den Presseausweis. Meine Besichtigungstour wird abgebrochen, die Herren in Blau übernehmen jetzt die Routenplanung. Die Sicherheitsleute führen mich in ein Büro. Zum „Property Management“. Dort kann man mir nicht genau sagen, ab wann genau der Ex-Flughafen für Jedermann offen steht. Die Senatsverwaltung hätte Termine im Oktober bestätigt.

17 Uhr. Ich versuche erneut, das Rollfeld zu erreichen. Über andere Wege. Vergeblich. Der Wachschutz ist schneller, droht jetzt mit Hausverbot. Schade, denke ich. Doch die Enttäuschung währt nur kurz. Ich bin und bleibe Besucher Nummer eins auf dem Flugfeld. Wahrscheinlich für die nächsten vier Wochen.