Verwaltung ausgetrickst

Berliner ersteigert Straße in Brandenburg

Ein Dolmetscher aus Berlin hat in einer Kleinstadt in Brandenburg eine Straße gekauft - für nur 1000 Euro. Rund 100 Anwohner sind betroffen. Bei seinem Coup kam dem Mann zugute, dass die Verwaltung unvorbereitet in die Versteigerung ging. Jetzt ist die Aufregung groß. Denn niemand weiß, was der neue Eigentümer plant.

Foto: BMO Grafik

Vertreter der Stadt Havelsee sahen während einer Zwangsversteigerung tatenlos zu, wie der Libanese Wassim Saab die 5200 Quadratmeter große Verkehrsfläche - inklusive Straßenlampen und Wasserleitungen - für 1000 Euro erwarb. Die Beamten selbst hatten den Kauf im Vorfeld aus Kostengründen abgelehnt und im Gericht nur einen Euro als symbolische Kaufsumme dabei.

"Ob ich die Straße jetzt weiter verkaufe oder Gebühren für die Be- und Entwässerung erhebe, muss ich mir noch überlegen", sagte der Geschäftsmann Wassim Saab, der in Berlin-Wilmersdorf ein Übersetzungsbüro betreibt (Arabisch, Deutsch, Englisch). Fest stehe für ihn aber, dass er die Anlieger "nicht übermäßig belasten" wolle.

Die ersteigerte Straße Am Mühlenberg führt durch ein Neubaugebiet der Gemeinde Briest, eines Ortsteils der Stadt Havelsee (Potsdam-Mittelmark). Der Wohnpark wurde in den 90er-Jahren errichtet, doch der Investor ging in Konkurs. Neben drei freien Baugrundstücken fiel auch die Erschließungsstraße in die Insolvenzmasse. Die Frankfurter MHB Bank AG beantragte eine Zwangsversteigerung, die vor knapp zwei Wochen im Potsdamer Amtsgericht eröffnet wurde.

"Ich hatte im Internet von der Versteigerung erfahren", sagt Wassim Saab. Dies habe seine Neugier geweckt. Im Versteigerungssaal saßen bereits die Kämmerin sowie die Bauamtsleiterin des Amtes Beetzsee, die die Straße für die Stadt Havelsee kaufen sollten. Minuten später wurden die regungslosen Damen vom Amt Zeuginnen des Zuschlags an den Berliner Dolmetscher. "Mit einem Mitbieter haben wir nicht gerechnet", sagt Bauamtsleiterin Christiane Neumeister. "Da haben wir einen Fehler gemacht." Selbst mitzubieten kam den Damen offenbar nicht in den Sinn. Laut dem Havelseer Bürgermeister Günter Noack wären sie dazu allerdings durchaus berechtigt gewesen.

Der ehemalige Investor und jetzige Liquidator des Wohnparks, Ulrich Pietrucha, hatte der Stadt vor längerer Zeit vergeblich angeboten, die Straße für den symbolischen Euro zu erwerben. Ein entsprechender Vertrag lag bereits im Bauamt. Doch keiner der Beamten ging darauf ein. Zunächst, weil die Straße angeblich Mängel hatte. Später wollte man die Kosten für den Notar sparen. "Das wären 100 bis 200 Euro gewesen", sagte Pietrucha. "Aber die Damen hielten sich für clever und dachten, dass ihnen die Straße für einen Euro zufällt."

Für Havelsee könnte die Provinz-Posse juristische Konsequenzen haben. Falls es durch den Fremderwerb zu Kosten für die Anwohner kommt, dürfen sie sich im Zuge der Amtshaftung wehren. "Die Stadt muss die Straße deshalb von Saab kaufen. Etwas anderes bleibt ihr nicht übrig", so Pietrucha. Das könnte teuer werden: Der Experte schätzt den Verkehrswert auf bis zu 500.000 Euro.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.