Heuschnupfen

Berliner Allergiker erwarten die Pollen

Haben Sie an Taschentücher gedacht? Wenn Sie Allergiker sind, sollten Sie in diesen Tagen mit dem Schlimmsten rechnen: mit dem konzertierten Angriff der Pollen. Denn wenn es jetzt warm wird, beginnen viele Pflanzen gleichzeitig zu blühen. Ärzte betonen, dass Heuschnupfen nicht unterschätzt werden sollte. Denn dieser kann unbehandelt zu Asthma werden.

Allergiker sollten jetzt noch einmal tief durchatmen. Denn damit ist es sehr bald vorbei: Die Pollen kommen. Sie kommen spät, aber in rauen Mengen. Denn der Winter war kalt und lang, und so rechnet Professor Torsten Zuberbier, Leiter des Allergie Centrums der Charité, mit einer Pollenexplosion.

Müssen Allergiker jetzt die Fenster schließen und im Haus bleiben, wie vor Jahren empfohlen? "Nein. Das ist falsch", sagt Zuberbier. Allergien, kurz gesagt Überreaktionen des Immunsystems, kann man lindern. Zuberbier rät, rechtzeitig zum Allergologen zu gehen und sich mit Medikamenten zu versorgen.

Wer noch keine Allergien hatte, sollte sich beobachten und beim Facharzt testen lassen. Nur wann? "Anzeichen können eine anhaltend laufende Nase mit wässrigem Schnupfen sein, häufiges Niesen, nächtlicher Hustenreiz, gerötete und tränende Augen", sagt Zuberbier - zumal wenn die Beschwerden länger als eine Woche anhielten.

"Im Prinzip handelt es sich um grippeähnliche Symptome ohne Fieber, die jedes Jahr zur gleichen Zeit wiederkehren", ergänzt der Allergologe Michael Silbermann. Wie Zuberbiers ist auch seine Erfahrung, dass Allergien oft unterschätzt würden. " Heuschnupfen muss behandelt werden, sonst entwickelt er sich zu Asthma, rutscht also von den oberen Atemwegen eine Etage hinab in die Bronchien, die sich durch eine Entzündung verengen." Jeder Asthmaanfall, so Silbermann weiter, könne lebensbedrohlich sein.

Allergien schränken die Lebensqualität ein. Die Leistungsfähigkeit in der Schule, auf der Universität und auf der Arbeit sinke um bis zu 30 Prozent, sagt Zuberbier. Nach seinen Angaben sind rund 35 Prozent der Bevölkerung betroffen. Insbesondere bei Kindern nähmen Allergien weiter zu.

Ulrike Reichart lebt seit fast 20 Jahren mit Heuschnupfen. Die 35-Jährige reagiert allergisch auf Gräser - und zeigt genau die von Zuberbier beschriebenen Symptome. "Außerdem bin ich Frühjahrsasthmatiker. Das ist so, als würde man den ganzen Tag über Langstreckenlauf machen: extrem mühsam." Momentan gehe es ihr gut, weil Erle und Haselpollen durch die Luft fliegen. "Mit Gräsern rechne ich erst ab Mai", sagt Reichart. Ein Heilmittel gegen ihre Erkrankung hat sie noch nicht gefunden. "Ich habe Antihistaminika probiert, also Mittel, die die Arbeit des Botenstoffs Histamin unterdrücken, der Allergien mit auslöst. Früher haben sie einen ganz müde gemacht. Heute sind die Nebenwirkungen nicht mehr so stark, aber ich nehme die Antihistaminika nur an den Tagen, wenn meine Beschwerden sehr stark sind." Außerdem benutzt sie ganz normales Nasenspray, damit die Schwellung abklingt, sowie Augentropfen zum Befeuchten und gegen Juckreiz. Selbst mit Desensibilisierung hat Reichart begonnen. Dabei werden in Wintermonaten erst wöchentlich, dann monatlich Allergene in kleinen Dosen gespritzt, damit sich Antikörper bilden. Die Behandlung kann sich über drei bis fünf Jahre erstrecken. Als sie schwanger wurde - inzwischen hat sie zwei Kinder -, musste sie die Therapien abbrechen. "Aber ich werde vermutlich einen neuen Anlauf unternehmen", sagt Reichart, wobei sie seit den Schwangerschaften das Gefühl hat, dass ihre Allergien schwächer geworden seien.

Weil die Schulmedizin manchmal nicht so viel ausrichten könne, fragten viele Patienten nach Verfahren der Naturheilkunde, sagt Chefarzt Andreas Michalsen vom Immanuel-Krankenhaus, der eine Stiftungsprofessur an der Charité für Klinische Naturheilkunde hat. So gebe es den allgemeinen Ansatz, das Immunsystem mit einem gesunden Lebensstil besser in die Selbstregulation kommen zu lassen. "Dazu gehören eine gesunde Ernährung, leichte sportliche Bewegung, Kneipp-Anwendungen - wenn Gesichtsgüsse morgens Haut und Schleimhäute in Schwung bringen - sowie Entspannungsverfahren des Yoga, Tai Chi und Chi Gong." Im Speziellen zeige Akupunktur gute Ergebnisse. "Sie hilft nicht jedem, ist aber immer einen Versuch wert", sagt Michalsen. Als homöopathisches Mittel habe sich "Galphimia Glauca" bewährt, Heilkräuter wie Pestwurz sowie Nasenspülungen mit Emser Sole oder Meersalz.

Ein Allheilmittel gegen Allergien gibt es nicht, das sagt auch Allergologe Silbermann. "Unser Ziel ist, dass der Patient gut leben kann, also so beschwerdefrei wie möglich ist." Silbermann hat vor 25 Jahren zusammen mit Meteorologen der Freien Universität Berlin einen Polleninformationsdienst gegründet - mit zwei Messstationen in Berlin. Seine aktuelle Bilanz: "Im Moment ist in meiner Praxis wenig los. Es sind kaum Pollen in der Luft. Die Hasel verblüht still, und die Erlenpollenkonzentration ist mäßig."

Jedoch macht sich der Birkenpollenflug zunehmend bemerkbar. Ab Mitte April beginnt die Hauptsaison. Mit besonders vielen Pollen rechnet Anja Bode. Sie leitet die Geschäftsstelle der Stiftung Deutscher Polleninformationsdienst. Seit 20 Jahren wertet die Einrichtung Daten aus mehr als 40 Pollenfallen in ganz Deutschland aus; eine davon steht in Berlin. "In Jahren mit gerader Zahl haben wir viel mehr Birkenpollen gemessen als in Jahren mit ungerader Zahl", sagt Bode. Warum das so ist, sei wissenschaftlich nicht erforscht. "Aber es gibt die Annahme", sagt Bode, "dass sie es so macht wie Obstbäume, die in einem Jahr sehr gute Erträge haben und sich das Jahr darauf schonen."

Anders als die Erhebungen der Stiftung Deutscher Polleninformationsdienst haben die Berliner Daten keine Häufung zu bestimmten Jahreszahlen gezeigt, sagt Silbermann. Er gibt keine Prognose ab. "Wer weiß schon, wie das Wetter wird? Es kann sein, dass die ganze Pollensaison verregnet ist. Man muss es abwarten."