Serie "Das ist Berlin"

Vom süßen Leben in Schöneberg

| Lesedauer: 6 Minuten
Katrin Schoelkopf

Bürgerlich und unangepasst, junge Paare und Individualisten – in Schöneberg passt zusammen, was scheinbar nicht zusammengehört. Nirgends kann man besser lernen, wie das Miteinander funktioniert, als in den Kneipen. Für jeden Geschmack gibt es eine, doch hier kommen auch die verschiedensten Menschen mal an einem Ort zusammen.

Spätestens in der „Geisterbahn“ bekommt das Klischee einen Knacks. Schöneberg – lebendig, politisch grün und bürgerlich? Nein. So vorzeige-schick wie am Viktoria-Luise-Platz oder so bunt wie am Winterfeldtplatz präsentiert sich das einstige Regierungsviertel hier nicht. Aber eins wird auch deutlich: Schöneberg ist Ortsteil der Individualisten. Hinter dem Tresen der „Geisterbahn“, einer Kneipe an der städtebaulich verkorksten Ecke Dominicus- und Hauptstraße, steht Julia.

Ihr Gesicht ist martialisch gepierct, die Oberarme sind flächendeckend tätowiert. „Abends ist hier die Hölle los“, sagt die junge Frau mit einer Freundlichkeit, die so gar nicht in diese Düsternis passen will. Die „Geisterbahn“ ist eine Institution – seit Jahrzehnten. 23 Stunden am Tag hat sie geöffnet. Den Fudschi (Cola/Weinbrand) gibt es hier für einen Euro. Hartnäckig hält sich das Gerücht, dass am Tresen zuweilen 100 Jahre Knast vereint sitzen.

Silke Schulze macht, wenn sie zur Arbeit geht, denn auch einen großen Bogen um die „Geisterbahn“. „Nicht, dass schon was passiert wäre, aber ich weiß, dass morgens die Besoffenen rauskommen.“ Silke Schulze arbeitet im Geburtshaus Schöneberg, das im selben Eckhaus wie die Kneipe seinen Sitz hat. Gegenüber liegt der„Lustgarten“ – „der mit Abstand preiswerteste Club“, wie auf der Werbetafel steht.

Und im Erdgeschoss des gelb-grünen Eckhauses werden gebrauchte Waschmaschinen und Geschirrspüler günstig angeboten. Die Läden rundherum haben Namen wie „Haltestelle“, oder „Best Supermarkt“. Sexkinos heißen einfach nur Sexkino. „Das mit den Sexkinos“ findet Silke Schulze „ganz schlimm“. „Die klingeln hier und fragen: ,Habense mal Zeit?‘ Ich sag dann immer: Wir sind ein Geburtshaus, kein Puff.“ Einen Kilometer Luftlinie nordwestlich, an der Ecke Wartburg- und Salzburger Straße, liegt „Das süße Leben“. Eine andere Welt.

Nebenan wohnt Bühnenautor Horst Pillau

Feinste Schokoladen in Bilderbuchatmosphäre bieten Karin Krömer-Rüde und Ingrid Lang (53) seit sieben Jahren in dem kleinen Laden an. Hier, rund um das Rathaus und den Bayerischen Platz, beginnt das bürgerliche, liberale und zuweilen auch etwas spießig anmutende Schöneberg. Das erstreckt sich mit seinen oft schönen Altbauten bis zum noblen Viktoria-Luise-Platz und zum KaDeWe. „Schöneberg ist schön“, findet die 55 Jahre alte Karin Krömer-Rüde. „Hier gibt es diese ganz spezielle angenehme Mischung.“

Krömer-Rüde und Lang hatten, nachdem ihre Kinder groß waren, den Neuanfang gewagt und die in die Jahre gekommene Confiserie von zwei älteren Damen übernommen. Gleich nebenan wohnt Bühnenautor Horst Pillau. Schauspieler Ulrich Noethen holt seine Zeitung am Kiosk am Bayerischen Platz. Schauspielerin Marion Kracht lebt in dieser Ecke von Schöneberg, die Schriftstellerin Monika Maron ebenfalls.

Auch die quirlige Entertainerin Gayle Tufts wohnt in Schöneberg. Den Bayerischen Platz lässt sie links liegen, wenn sie morgens durch den Volkspark zum Café in die Akazienstraße joggt. Ganz spezielle Läden, Cafés und Restaurants reihen sich in bunter Vielfalt von der Akazien- über die Goltzstraße bis hin zum Winterfeldtplatz. Der dort beheimatete Wochenmarkt ist stadtbekannt und am Sonnabend beliebter Treffpunkt zum Start ins Wochenende. Etablierte Altachtundsechziger, Zugezogene und Alteingesessene, Schwule und Lesben, Studentenpaare und Alleinerziehende – hier klappt das Miteinander der Individualisten, die Schöneberg vereint.

Im "Felsenkeller“ kam Jeffrey Eugenides die Idee zu "Middlesex"

Nur wenige Schritte entfernt, im Kiez um die Motzstraße, feiert Berlin jedes Jahr im Juni Europas größtes schwul-lesbisches Stadtfest. Die erste Regenbogenfahne, Symbol der Homosexuellenbewegung, wurde denn auch 1996 von Berlins erster grüner Bezirksbürgermeisterin, Elisabeth Ziemer, vor dem Schöneberger Rathaus gehisst. Was damals noch für Aufregung sorgte, ist zumindest in Schöneberg heute eine Selbstverständlichkeit.

Tolerantes Miteinander ist auch angesagt bei Willi Mangler. Seine Eckkneipe an der Hauptstraße 57, nahe dem Innsbrucker Platz, sieht wie die Kulisse eines Films aus, ist aber alles andere als künstlich. Seit 34 Jahren gibt sich „Tout Berlin“ – vom Müllmann bis zum Senator – hier die Klinke in die Hand. „Hier kommen alle rein, aber keene Rabauken“, sagt Gerhard Reusche (60) und genießt sein kleines Bier, das hier noch 90 Cent kostet. Doris Day singt „Qué Será“. Reusche lebt heute von Hartz IV. Früher war er Finanzbuchhalter, bekam für seine Verdienste beim Roten Kreuz das Bundesverdienstkreuz und war 26 Jahre lang Discjockey, beim ADAC- wie beim Tunten-Ball.

Dass Willi Mangler in Schöneberg ein Begriff ist, bestätigt Michaela Friedrichs. Sie ist die Inhaberin einer noch viel älteren Institution, die im vergangenen Jahr beinahe nach New York exportiert worden wäre: der „Felsenkeller“ an der Akazienstraße 2.

Seit 1920 gibt es die Kneipe. Gemeinsam mit Günter Döring betreibt Michaela Friedrichs seit 16 Jahren die legendäre Gaststätte, die den amerikanischen Autor Jeffrey Eugenides zu seinem Pulitzerpreis-gekrönten Werk „Middlesex“ inspirierte. Holzgetäfelt, schmal und schummrig ist die etwas andere Kneipe Treffpunkt einer bunten Mischung von Stammgästen, Studenten und Menschen, die nach der Arbeit ihr Bier trinken.

Im vergangenen Jahr drohte dem „Felsenkeller“ das Aus. Weil die Miete untragbar erhöht werden sollte, entschlossen sich Döring und Friedrichs, die Einrichtung nach New York zu verkaufen. Doch der Vermieter lenkte in letzter Sekunde ein. „Die nächsten zehn Jahre jedenfalls sind sicher“, sagt Michaela Friedrichs. Und mit der „großartigen alten Bar“, wie Eugenides sagt, auch das Bunte und Besondere Schönebergs.