Eosanderportal

Forscher machen sensationellen Fund am Schloßplatz

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Isabell Jürgens
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Forscher finden Reste des Eosanderportals

Archäologen haben in Mitte das Fundament des prächtigen Eosanderportals freigelegt. Es ist erstaunlich intakt. Doch die Fachleute sorgen sich weniger um den Zustand, als vielmehr um die Frage, ob die aufgefundenen historischen Keller, Treppen und Verbindungsgänge in den Neubau integriert werden.

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Archäologen haben in Mitte das Fundament des prächtigen Eosanderportals freigelegt. Es ist erstaunlich intakt. Doch die Fachleute sorgen sich weniger um den Zustand, als vielmehr um die Frage, ob die aufgefundenen historischen Keller, Treppen und Verbindungsgänge in den Neubau integriert werden.

Der Fund des Tages sieht bescheiden aus und passt in einen Klarsichtbeutel: „Glasscherben, vermutlich Schnaps- und Weingläser“, sagt Grabungsleiter Peter Fuchs. Der Beutel wird fein säuberlich beschriftet und wandert in eine Obstkiste. Nicht immer ist das, was die Forscher im Auftrag des Landesdenkmalamtes auf dem Schloßplatz freilegen, von historischer Aussagekraft. Doch die eigentliche Sensation der seit zwei Monaten laufenden Grabungsarbeiten steht fest gemauert und nahezu unbeschädigt in zwei bis drei Metern Tiefe unter dem Straßenniveau: das gewaltige Fundament des Eosanderportals, des einst prächtigsten Eingangs zum Stadtschloss.

Die auf Betreiben der DDR-Führung 1950 gesprengte Hohenzollernresidenz soll ab 2010 als Humboldt-Forum wiedererstehen. Bis dahin haben die Archäologen Zeit, unter dem Asphalt nach dem zu suchen, was den Sprengungen getrotzt hat. Das Fundament des Eosanderportals, so die erste Bestandaufnahme der Fachleute, hat die Zerstörungen erstaunlich intakt überdauert. Sorge bereitet den Archäologen deshalb nicht der Zustand des Gemäuers – sondern die ungeklärte Frage, ob die aufgefundenen historischen Keller, Treppen und Verbindungsgänge in das Bauvorhaben integriert oder erneut eingeebnet werden.

Funde mit unsicherer Zukunft

„Wir gehen davon aus, dass die Keller in die Rekonstruktion des Schlosses einbezogen werden“, sagt der Berliner Landesarchäologe Matthias Wemhoff. Die Abfolge von Kellerräumen sei eindeutig als Bodendenkmal zu werten und somit müsse der Erhalt gefordert werden. „Sonst darf man auch nicht von einer Schlossrekonstruktion sprechen, man müsste es dann ehrlicherweise als Neubau bezeichnen“, ergänzt sein Grabungsleiter Peter Fuchs. Es wäre doch ein Unding, wenn ausgerechnet die verbliebenen Originalteile des Schlosses, die dem umstrittenen Vorhaben die nötige Legitimation geben könnten, nicht wieder ihren alten Zweck erfüllen dürften. „Andere Länder haben uns vorgemacht, wie man Bodendenkmäler als archäologische Fenster für die Nachwelt erhält, und auch die Frauenkirche in Dresden kann als Beispiel dienen“, sagt Fuchs.

Der mit dem Bau des Humboldt-Forums beauftragte Architekt Franco Stella soll sich bei einem Ortstermin jedoch äußerst zurückhaltend geäußert haben. Und auch auf Seiten des Bundesbauministeriums gibt es zu dieser Frage noch keine Antwort. „Es laufen derzeit Probebohrungen, die uns zeigen werden, inwieweit die Fundamente in das Konzept integriert werden können“, sagt Vera Moosmayer, Sprecherin von Minister Wolfgang Tiefensee (SPD). Die überarbeiteten Pläne für das Humboldt-Forum werde Stella voraussichtlich im Oktober vorlegen. Dem Architekten war Anfang des Jahres ausdrücklich aufgetragen worden, seinen Siegerentwurf für das Humboldt-Forum so zu überarbeiten, dass der gesetzte Kostenrahmen eingehalten wird. Der Italiener hatte vorgeschlagen, nicht nur drei der Außenfassaden und den Schlüterhof wiederherzustellen, sondern auch die Kuppel und den Eosanderhof als historische Repliken zu errichten. Diese Rekonstruktionen seien „in der Kostenzusammenstellung nicht vorgesehen“, heißt es dazu im Ministerium. Stella wurde bereits aufgefordert, auf die Rekonstruktionen barocker Fassaden im Innern zu verzichten. Angesichts des engen Budgets, das der Bundestag dem Projekt bewilligt hat – insgesamt darf das wichtigste deutsche Kulturbauprojekt seit der Wiedervereinigung nicht mehr als 552 Millionen Euro kosten –, befürchten Experten nun, dass ausgerechnet an den wenigen Originalteilen gespart wird.

Und Fürsprecher gibt es offenbar nicht viele. Das Land Berlin, vertreten durch die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, will sich in dieser heiklen Frage nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. „Wenn man die Funde sinnvoll einbauen kann, ohne Mehrkosten zu verursachen, würden wir uns natürlich freuen“, so Sprecherin Manuela Damianakis. Die Entscheidung obliege indes nicht Berlin, sondern dem Bund, vertreten durch das Bauministerium.

Mehrfach überbaut

Derzeit jedenfalls begeistern die massiven Wände und Bodenbeläge, wie etwa das gut erhaltene Pflaster des Schlüterhofes, die Besucher der Grabungsstätte. Die kann nämlich über eigens angelegte Holzstege gut eingesehen werden. Ein Plakat am Zaun informiert zudem über die Geschichte des Schlosstores.

Das Eosanderportal gehörte zu einem relativ jungen Teil des Berliner Schlosses, der ab 1710 nach den Plänen des damaligen Schlossbaudirektors Eosander von Göthe entstand. Dieser hatte den Auftrag bekommen, die Hohenzollernresidenz nach Westen zu erweitern. Herzstück des neuen Westflügels an der Schlossfreiheit war das nach ihm benannte Portal im Stil eines römischen Triumphbogens. Im 19. Jahrhundert wurde der Torbau durch die aufgesetzte Schlosskapelle und eine Kuppel im Stil der Zeit erneut erweitert.

Mittlerweile freigelegt wurde eine kunstvolle Säule aus Sandstein unterhalb der Tordurchfahrt, um die sich einst eine Wendeltreppe in die Höhe schraubte. Sie steht aufrecht und völlig unbeschädigt an ihrem Platz. Entdeckt wurde auch ein Tunnel, der zu einem Yachthafen am Spreekanal führte, der sich gleich unter dem Sockel des Denkmals für Kaiser Wilhelm I. befand. Ob man den gesamten Tunnel freilegen könne, werde noch geklärt, so Wemhoff.

Mehrere große Säulentrommeln, Spolien und Sandsteinquader sowie Marmorverkleidungen füllen zudem bereits 60 Paletten. „Aus Kostengründen wurde damals nicht der ganze Schutt abtransportiert, sondern in den ehemaligen Keller verfüllt.“ Der Forscher hofft, dass viele der Teile später in die Fassade integriert werden können.

Die Gegend rund um den Schloßplatz hat sich in den vergangenen Monaten als äußerst ergiebige Fundstelle erwiesen. Unter dem Asphalt vor dem Staatsratsgebäude etwa, wo bis 1989 Erich Honecker Staatsgäste empfing, entdeckten Archäologen im Frühjahr die Gebeine von Mönchen und wohlhabenden Bürgern.

Bis heute unauffindbar dagegen sind die Skelette mehrerer Kurfürsten, deren Knochen man in den Gewölben des Schlosses zu finden glaubte.

Doch bei der aktuellen Grabung auf dem Schloßplatz geht es nicht um Sensationsfunde. „Wir wussten aufgrund der überlieferten Lagepläne schließlich genau, wo wir graben mussten“, so Landesarchäologe Wemhoff. „Die eigentliche Sensation“, und jetzt gerät der promovierte Mittelalterarchäologe ins Schwärmen, „sind die gewaltigen Fundamente von unglaublicher Qualität“.