Gedenken

Berlin erinnert an den Schrecken der Mauer

1347 Menschen starben nach Angaben des Mauermuseums am Checkpoint Charlie durch das Grenzregime der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR. Am 48. Jahrestag des Mauerbaus wurde in Berlin der Opfer gedacht und gegen eine Verharmlosung der Geschichte protestiert.

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1347 Menschen starben nach Angaben des Mauermuseums am Checkpoint Charlie durch das Grenzregime der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR. Am heutigen 48. Jahrestag des Mauerbaus wird in Berlin der Opfer gedacht und gegen eine Verharmlosung der Geschichte protestiert.

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Klaus Noack kam zu spät. Eher zufällig war er am Donnerstag in der Zimmerstraße an der Metallstele zur Erinnerung an Peter Fechter vorbeigekommen. Da war das offizielle Gedenken der Maueropfer gerade beendet. Doch Klaus Noack braucht keine Erinnerungshilfe. Der Tag vor fast 47 Jahren ist ihm immer noch sehr präsent. Noack, heute 69 Jahre alt, war damals – am 17. August 1962 – 22 Jahre alt. Damals, als der 18 Jahre alte Maurerlehrling Peter Fechter nach einem gescheiterten Fluchtversuch an der Zimmerstraße hilflos verblutete. „Ich war gerade dabei, in der Lindenstraße Wäsche auszuliefern, als sich wie ein Lauffeuer herumsprach, dass die DDR-Grenzsoldaten in unmittelbarer Nähe geschossen hatten“, erinnert sich Noack. „Ich fuhr sofort hin. Viel zu sehen war nicht, da die Grenzer Rauchbomben geworfen hatten und der angeschossene Fechter direkt hinter der Mauer gelegen haben muss.“

Erst später, als die Grenzer den Toten brutal an Händen und Füßen abtransportieren, sieht Noack das Entsetzliche. „Vergessen werde ich das nie“, sagt er und begrüßt es, dass vor der Stele jedes Jahr an Peter Fechter, stellvertretend für alle Mauertoten, erinnert wird.

Fechter hatte mit seinem gleichaltrigen Freund und Arbeitskollegen Helmut Kulbeik ein Jahr nach dem Mauerbau die Grenzanlagen in unmittelbarer Nähe zum Checkpoint Charlie überwinden wollen. Kulbeik gelingt die Flucht, doch Fechter wird von den Schüssen der Grenzer lebensgefährlich verletzt und fällt auf Ost-Berliner Gebiet zurück. Er verblutet. „Peter Fechter 1944–1962…Er wollte nur die Freiheit“ steht auf der Metallstele, die der Verlag Axel Springer nach dem Fall der Mauer aufstellen ließ.

Die Schwester von Peter Fechter, Gisela Geue, Berlins Bürgermeisterin Ingeborg Junge-Reyer (SPD), Vize-Parlamentspräsident Uwe Lehmann-Brauns (CDU), Vertreter aller Parteien im Abgeordnetenhaus, der Vorstandsvorsitzende der Axel Springer AG, Mathias Döpfner, und der Vorstandsvorsitzende der Axel Springer Stiftung, Ernst Cramer, sowie die Chefin des Mauermuseums, Alexandra Hildebrandt, hatten dort Kränze niedergelegt und in einer Schweigeminute der Mauertoten gedacht.

Mahnung: Kein Streit um Zahl der Opfer

Mit einer Andacht und Kranzniederlegung war zuvor an der Bernauer Straße an den Bau der Mauer vor 48 Jahren erinnert worden. Zum Jahrestag mahnten Politiker, Theologen und Vertreter der Opferverbände eine intensive Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit an. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) bezeichnete die Auseinandersetzung mit der Geschichte als andauernde Aufgabe.

Bis 1989 verloren mindestens 136 Menschen ihr Leben an der Berliner Mauer. Am Rande der Kranzniederlegung forderte Wowereit mit Blick auf unterschiedliche Angaben: „Es darf keinen Streit um die Zahl der Opfer geben.“ Zwar sei die Zahl der an der Mauer Getöteten „höchstwahrscheinlich größer“ als in der am Dienstag vorgestellten Studie „Die Todesopfer an der Berliner Mauer 1961 bis 1989“ dokumentiert. Aber jedes Opfer sei eines zuviel, fügte Wowereit hinzu. Millionen Menschen hätten unter dem Unrechtssystem der DDR gelitten. „Das muss aufgearbeitet werden.“

Der Pfarrer der Versöhnungsgemeinde, Manfred Fischer, wies in der Andacht darauf hin, dass seit dem 13. August 2005 täglich in der Kapelle der Versöhnung an jeweils einen Mauertoten und sein Schicksal erinnert wird (Bernauer Straße 111, dienstags bis freitags 12 bis 12.15 Uhr). „Jedes Opfer wird jetzt so dem Vergessen entrissen. Für die Angehörigen ist es ein Trost zu wissen, dass die Opfer nicht vergessen sind.“ Die in der Studie beschriebenen 136 Todesfälle zeigten die Menschenverachtung der SED-Diktatur, sagte Fischer. „Jetzt sind es nicht mehr nur Vermutungen und ungeprüfte Behauptungen, jetzt haben wir Gewissheit und genaue Kenntnis.“ Es sei nun auch erwiesen, dass die Todesursache der Maueropfer oft verschwiegen oder gefälscht wurde, fügte Fischer hinzu. „Das zeigt, dass die SED-Führung sich über die Schändlichkeit ihres Grenzregimes im Klaren war. Doch lieber sollte ein Mensch sterben, als sich am System etwas ändern. Der Einzelne zählte nichts.“

Erstmalig wurde am Donnerstag in Berlin eine Straße nach einem Mauertoten benannt. Die Straße 174 in Altglienicke erhielt den Namen Lutz-Schmidt-Straße. Sie erinnert an den Lkw-Fahrer, der am 12.Februar 1987 beim Fluchtversuch von zwei Grenzsoldaten erschossen wurde. Er hatte mit einem Kollegen zusammen versucht, auf einer Leiter über die Mauer zwischen Altglienicke und Rudow zu klettern.

Fiktive Todesopfer mit aufgemalten Schussverletzungen

Vor den Mauerresten am Potsdamer Platz hat die Vereinigung der Opfer des Stalinismus (VOS) mit einer Protest-Inszenierung an die Opfer der SED-Diktatur erinnert. Auf dem Boden lagen fiktive Todesopfer mit aufgemalten Schussverletzungen. Dazu wurden 136 Namen der Opfer verlesen, im Wechsel ertönten Maschinengewehrsalven von einem Tonbandgerät.

Alle Teilnehmer waren selbst als politische Häftlinge in der DDR inhaftiert. Sie kritisierten vor allem den Umgang mit dem Andenken an die Toten. „Wir protestieren gegen die verharmlosende, touristische Zurschaustellung der Mörder“, sagte Sprecher Carl Wolfgang Holzapfel. Gemeint sind beispielsweise Schauspieler, die sich als Soldaten in NVA-Uniform präsentieren. Sie stehen an von Touristen besuchten Orten und lassen sich mit DDR-Flagge fotografieren. Die VOS fordert unter anderem die Erweiterung des Paragrafen 130 des Strafgesetzbuches, der die Verwendung von NS-Symbolik verbietet.

„Wir wollen, dass er auf ein Verbot der SED-Symbolik erweitert wird“, erklärte Protestteilnehmerin Tatjana Sterneberg. „Es kann nicht sein, dass die Symbole der DDR verherrlicht werden dürfen. Die Freiheit, die wir heute haben, ist für uns nicht selbstverständlich und wird durch die Verharmlosung verhöhnt.“ Kein vernünftiger Mensch stelle sich heute als touristische Attraktion in Nazi-Uniform vor eine KZ-Gedenkstätte, sagte Carl Wolfgang Holzapfel. Am Ende des Protestes forderte er zu einer Schweigeminute auf.

Zentraler Gedenkort für Maueropfer gefordert

„Wir, die Opfer des Mauerstaates, denken voller Achtung an all die, die versucht haben, aus dem Unrechtsstaat auszubrechen. Es ist uns eine Genugtuung, dass in der Gedenkstätte an der Bernauer Straße durch das Fenster der Erinnerung der Opfer gedacht wird“, sagte Rainer Wagner, der Vorsitzende der Union der Opfer kommunistischer Gewaltherrschaft. Der Theologe war in der DDR aus politischen Gründen inhaftiert.

Der Fraktions- und Landeschef der CDU, Frank Henkel, nahm den Gedenktag zum Anlass, einen zentralen Gedenkort für die Maueropfer in der Mitte Berlins zu fordern. „Wir werden den Senat bitten, einen Gedenkort in Berlins Mitte in ehrender Erinnerung an die Freiheitskämpfer zu ermöglichen“, sagte Henkel. Als möglichen Namen dieses Ortes schlägt Henkel „Platz des 9. November 1989“ vor, da „an diesem Tag die Freiheitskämpfer gesiegt haben“. Henkel sprach sich überdies für Pflichtbesuche von Schulklassen in NS- wie DDR-Gedenkstätten aus.

Die Linkspartei wertete den Mauerbau 1961 als Ende des Versuchs, einen demokratischen Sozialismus in einem Teil Deutschlands zu errichten. Parteivizechefin Halina Wawzyniak sagte: „Ein Sozialismus, vor dem Menschen flüchten, ein Sozialismus, der von den Menschen nicht gewollt wird und der seine Menschen einsperrt, ist kein Sozialismus.“