August 1961

Wie der Berliner Sender Rias vom Mauerbau erfuhr

Abrupte Einschnitte in die Weltgeschichte werden nicht eine Woche zuvor auf der Redaktionskonferenz besprochen, so die Erkenntnis von Ernst Elitz. Der ehemalige Intendant des Deutschlandradios berichtet über den Tag des Mauerbaus aus der Sicht der Rias-Redaktion und analysiert die Rolle des Senders in Zeiten der deutschen Teilung.

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Radikale Einschnitte in die Weltgeschichte kündigen sich selten in diplomatischen Noten an. Manchmal ist es nur ein Anruf wie der, den der Rias-Nachrichtenredakteur Hermann Meyn kurz nach seinem Schichtbeginn am 13. August 1961 um null Uhr entgegen nahm. Die S-Bahn, so meldete ein Hörer, habe ihren Betrieb auf den Strecken zwischen Ost- und West-Berlin eingestellt. Bald häuften sich die Anrufe zu Merkwürdigkeiten an der Sektorengrenze, und Meyn – er war in der Nachtschicht der einzige Redakteur – hetzte im ansonsten menschenleeren Büro von Telefon zu Telefon.

Hinzu kamen Schwierigkeiten, eine eilige Tickermeldung der Nachrichtenagentur AP zu verstehen: Sie referierte ein endloses Kommuniqué der Warschauer-Pakt-Staaten, in dem von „Spionage- und Wühlzentralen“ die Rede war, die Spione anwerben und feindliche Elemente zur Organisation von Sabotageakten und Unruhen in der DDR aufputschen würden. Deshalb, so das Kommuniqué, hätten die Bündnispartner Verständnis für „Schutzmaßnahmen an der Grenze West-Berlins“, auch wenn sie für die Bürger „gewisse Unbequemlichkeiten“ mit sich brächten. So vage wie die Erklärung war schließlich auch die Meldung, die Meyn über den Äther schickte.

Sperraktion an der Grenze

Einschnitte in die Weltgeschichte nehmen wenig Rücksicht auf nächtliche Partygänger. Rias-Direktor Robert H. Lochner, ein Amerikaner, wollte sich gerade den Pyjama überstreifen, als ihn ein Anruf aufschreckte: Ein Ost-Berliner Sender hätte über eine Sperraktion an der Grenze berichtet. Lochner sprang ins Auto und raste zum Funkhaus an der Kufsteiner Straße. Dort fragte er, „spärlich bekleidet“, wie Meyn sich erinnert: „Sind die Verbindungswege betroffen?“ Der Redakteur vom Dienst antwortete: „Nein, es geht um die Abriegelung Ost-Berlins.“ Lochner trommelte sofort die Spitzen des Senders zum nächtlichen Treffen in seinem Büro zusammen.

Abrupte Einschnitte in die Weltgeschichte werden nicht eine Woche zuvor auf der Redaktionskonferenz besprochen. „Der Tag war erst anderthalb Stunden alt“, erinnerte sich der 2008 verstorbene Rias-Reporter Erich Nieswandt, „da klingelte das Telefon auf meinem Nachttisch und der hellwache, nachtdiensttuende Nachrichtenredakteur informierte mich, dass an der Sektorengrenze, speziell am Brandenburger Tor, ungewöhnliche Aktivitäten beobachtet würden. Ob ich mich nicht mal auf den Weg machen könnte, um zu schauen, was da los ist.“ Nieswandt, zu jung, um schon ein Starreporter des Senders zu sein, warf sich in den Trainingsanzug, griff im Funkhaus ein Aufnahmegerät mit neuestem technischen Standard – mit Kurbel zum Aufziehen, „Gondi“ genannt – und machte sich auf zum Brandenburger Tor. Schon an der Siegessäule empfing ihn ein dumpfer, nicht enden wollender Ton. Er entpuppte sich, je näher er kam, als das Rattern von Presslufthämmern. Soldaten der Volksarmee rissen mit ihnen das Pflaster an der Grenzlinie auf. Das Geräusch der Presslufthämmer wurde, durch Nieswandts Reportage weltweit verbreitet, zum akustischen Erinnerungszeichen des Mauerbaus. Auch die Weltgeschichte hat ein Geräuscharchiv.

Nachrichtenkonserven vom Vortag

1961 war der Sonntag noch „Tagesschau-frei“. Die Radiosender nudelten nach Mitternacht Nachrichtenkonserven des Vortags ab. Die Informationsgesellschaft war noch am Üben. Sonntag, der 13. August 1961 – das hieß für die Bewohner Ost-Berlins und der DDR: Ab jetzt keine Fahrten mehr in den Westen, keine westlichen Zeitungen, die bislang ein paar Schritte hinter dem Schild mit der Aufschrift „Hier endet der demokratische (sprich: sowjetische) Sektor!“ für zwanzig Ost-Pfennig zu haben waren. Keine Kino-, Theater- und Bibliotheksbesuche im freien Teil der Stadt. Nun musste der Rias, der der in ganz Berlin und der DDR beliebteste und vertrauenswürdigste Sender war, diese Verluste ersetzen. Der Rias wurde zur elektronischen Zeitung mit Nachrichtenteil und Feuilleton, mit Fortsetzungsroman, Wirtschaftsteil und Leserbriefspalte. Natürlich rund um die Uhr, damit sowohl Frühaufsteher wie Schichtarbeiter ihre Radio-Zeitung jederzeit aufschlagen könnten. Gefragt war ein elektronischer Mauerbrecher.

Die Rundschau am Morgen

Innerhalb weniger Wochen entwickelte der Rias ein für das damals betuliche deutsche Rundfunkwesen revolutionäres Sendeformat: Die „Rias-Rundschau am Morgen“ war ein mehrstündiges, live ausgestrahltes Nachrichtenmagazin. Jeder Brief, der die Redaktion über ständig wechselnde Deckadressen des noch unter US-Aufsicht stehenden Senders erreichte, spornte die Programm-Entwickler zu höherem Tempo an. „Unsere einzige Hoffnung ist, dass wir uns auch künftig über die wichtigen Probleme der Welt informieren können. Das ist so wichtig wie unser tägliches Brot“, schrieb ein Hörer aus dem thüringischen Langensalza.

Er sprach für viele. Bestätigt sah sich die Redaktion durch Berichte geflüchteter Volkspolizisten, die in einer schnell ins Programm eingefügten Gesprächsreihe über den Alltag an der Grenze Auskunft gaben. Frage:„Konnten Sie in Ihrer Einheit Radio hören?“ – „Ja, wir hatten unser eigenes Radio, das wir uns selbst gekauft hatten...“ – „Was haben Sie gehört?“ – „Nu, wir wollten etwas andere Musik hören, nicht immer dasselbe. Und wir haben Nachrichten gehört.“ – „Darf ich fragen, welchen Sender?“ – „Luxemburg und Rias ... wenn kein Vorgesetzter da war.“

Auf Rias-Hören stand der Tod

Das SED-Politbüro schäumte. Während die Taskforce von Rias-Redakteuren die aktuellen Sendungen ständig erweiterte und im Oktober 1961 ein erst drei-, später vierstündiges politisches Morgenmagazin ausstrahlte, das bald durch vergleichbare Sendestrecken am Mittag und Abend ergänzt wurde, entsann sich die SED ihres Terrorkonzepts aus den fünfziger Jahren. Damals konnte das Hören des Rias und die Kontaktaufnahme zum Sender mit Zuchthaus oder mit dem Tode bestraft werden. Solche Schandurteile wurden bis 1955 vollstreckt.

Der SED-Einschüchterungskatalog von 1961 enthielt die Aufforderung zur Denunziation, öffentliche Brandmarkung, Antennen-Abknicken, gezielte Desinformation und die Verleumdung von Rias-Mitarbeitern. „Panik im Rias“ meldete die Ost-„Berliner Zeitung“ drei Monate nach dem Mauerbau: „Verlegung des Nato-Senders nach Luxemburg geplant“. Wegen der Umzugspläne herrsche im Funkhaus an der Kufsteiner Straße eine „Atmosphäre der Nervosität und des gegenseitigen Misstrauens“, der prominente „Schlager der Woche“-Moderator Fred Ignor sei schon seit mehreren Tagen nicht mehr in West-Berlin. Eingeweiht in die Umzugspläne sei die „skrupellose Interviewerin“ und „Chefagentin Stein alias Thum“. Sie hätte zudem Hans Rosenthal, dem populären Quizmaster, nach Spezialverhören durch die CIA junge DDR-Bürger für nächtliche Sexorgien zugeführt.

Der Bericht erschien am 11. November 1961. Im Rheinland ein Tag der Karnevalsneckereien, stand das Datum in der DDR nun für eine der dümmsten Geheimdiensterfindungen der Geschichte. Die Fälschung erweckte den Eindruck, als wäre sie in der Stasi-Kantine nach dem Verzehr einiger Flaschen des in der DDR wegen seines günstigen Preises und seiner nachhaltigen Wirkung hoch geschätzten Getränks der Marke „Goldbrand“ ausgeheckt worden.

Familie wurde denunziert

Panik herrschte bei der SED – aber nicht wegen der Stasi-Spritköpfe, sondern wegen der unausrottbaren Neigung, Rias zu hören. Im VEB Ludwigsfelde klebte die FDJ Plakate mit den Namen von Hörern des vermeintlichen „Hetzsenders“. In der „Märkischen Volksstimme“ wurde Familie Schulz aus der Friedrich-Ebert-Straße 201-206 denunziert, weil sie in „voller Lautstärke“ Rias höre und damit „Frieden und Ruhe“ in der Umgebung störe. Und abermals in der „Berliner Zeitung“ bekannte ein gewisser O. Wittig zum Thema „So nahm ich Gift“, auch er sei „auf diesen Leim hereingefallen und habe manchmal den Rias gehört, bis mir zum Bewusstsein kam, dass das doch alles nur Hetze und Schwindel ist“.

Ob Wittig nun Opfer einer Stasi-Erpressung war oder freiwillig die Propaganda der SED befeuerte: Es half nichts. Der Rias sendete weiter aus der Kufsteiner Straße, Fred Ignor moderierte die „Schlager der Woche“, Hans Rosenthal war immer noch Spitze, und die DDR-Bürger wunderten sich, warum Erich Honecker das Rias-Verbot, an das sie sich nie gehalten hatten, 1971 plötzlich für aufgehoben erklärte. Der Rias hatte gewonnen, die SED verloren. Der Staatsratsvorsitzende verlas nur noch die Kapitulationsurkunde.

Im Jahr 1961 wurde deutsche Geschichte geschrieben – und Mediengeschichte. Peinlich berührt von der eigenen Sprach- und Bildlosigkeit am historischen Datum des Mauerbaus führte das damals noch einzige Programm des deutschen Fernsehens noch im selben Jahr eine Sonntags-Tagesschau ein.

Das Rias-Konzept politischer Live-Magazine wurde von allen anderen Sendern übernommen. Die elektronischen Medien insgesamt spannten über Todesstreifen und Stacheldraht eine „Brücke der Einheit“, über die sie die Bürger im Osten mit dem wichtigen Gutversorgten: umfassenden Informationen und unzensierten Ideen. 28 Jahre lang, bis die Reporter – wieder überrascht und ohne Einsatzplan – am Brandenburger Tor ein neues historisches Geräusch aufnehmen konnten: das unermüdliche Hämmern der Mauerspechte.

Ohne die elektronischen Medien wäre der SED-Beton nicht so schnell brüchig geworden.