Fluchtgeschichten

Ab in den Berliner Westen - um jeden Preis

Nach dem Bau der Berliner Mauer fühlten sich vielen Menschen gefangen. Gefangen in der DDR. Um in diesem Staatsgefängnis nicht lebenslang bleiben zu müssen, riskierten viele alles: Geld, Gesundheit, Freiheit, sogar das Leben. Morgenpost Online hat Fluchtgeschichten gesammelt und aufgeschrieben.

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Schon wieder fehlt ein Gymnasiast beim Fahnenappell. Bereits der achte. Unruhe macht sich breit an der Max-Planck-Schule in Ost-Berlin im Januar 1964. Mit Wolfgang hat es angefangen, dann verschwindet fast die halbe Klasse, Tag für Tag fehlt einer mehr. Niemand redet darüber, was mit den Schülern passiert ist. Jedenfalls nicht mit Fremden.

Karl-Heinz Richter, Kalle, weiß Bescheid. Er hatte eine Postkarte von seinem besten Freund Wolfgang bekommen. Abgestempelt in West-Berlin. Dann folgt ein Brief mit dem Fluchtplan - eine genaue Zeichnung, wie man über einen Hof in der Nähe des Bahnhofs Friedrichstraße den hohen Bahndamm erklimmen kann, um sich dann in der Brückenkonstruktion zu verstecken. Von dort gelangt man auf die Gleise, um auf den Moskau-Paris-Express aufzuspringen, wenn er in Richtung Bahnhof Zoo anfährt.

Kalle beobachtet im Winter 1964 nächtelang durch die offene Dachluke die Fluchtstelle, um zu prüfen, ob die Stasi schon Wind von der Sache bekommen hat. Er prägt sich alle Einzelheiten ein. Bald kennt er die genauen Zeiten der Grenzpatrouillen, weiß, wo sie entlang gehen und welches die beste Stelle ist, um nicht entdeckt zu werden. Als er das alles beobachtet hat, flüchtet er nicht selber, sondern verhilft zunächst seinen Freunden zur Flucht.

Kalle bleibt auf den Gleisen liegen

Am 30. Januar 1964 entscheidet er sich, selbst in den Westen zu gehen, zusammen mit seinem Freund Frank. Vorher weiht er noch Holger ein. Kalle erklärt ihm den genauen Weg und sagt, dass er es morgen versuchen solle. Bevor er los geht, lässt Kalle einen Brief für seine Eltern bei einer Freundin mit der Bitte, ihn nach 20.30 Uhr abzugeben. "Meine lieben Eltern, wenn Ihr diesen Brief lesen werdet, bin ich schon in Westberlin. Macht Euch keine Sorgen, denn die Stelle, wo ich rüber gehe, ist ziemlich sicher."

Er beginnt, die Strecke zu erklettern, die er anderen schon so oft erklärt hat. Es stürmt und regnet an diesem Abend. Pünktlich ziehen sich Kalle und Frank die Mauer hoch, laufen zum Unterbau der Brücke, hangeln sich dann in der Stahlkonstruktion bis zu einer Nische unterhalb der Bahngleise. 20.57 Uhr fährt der Zug vom Bahnhof Friedrichstraße. Ab dann bleiben nur wenige Minuten, bis er über die Brücke hinweg rauscht.

Plötzlich stockt beiden der Atem, zwei Grenzsoldaten nähern sich. Sie suchen Schutz unter der Brücke, um sich eine Zigarette anzuzünden. Ein Blick nach oben, und sie würden die beiden jungen Männer direkt über sich sehen. Im selben Moment kommt die Durchsage vom Bahnhof, dass der Zug abfährt. Sie hören das Näherkommen der Lok.

Frank schafft es, Kalle nicht

Kein Wort, keine Bewegung, kein Laut. Die Soldaten sind immer noch unter ihnen und haben einen Wachhund bei sich. Kalle und Frank hören, wie die Lok über die Brücke fährt. Waggon für Waggon rattert vorbei. Endlich gehen die Grenzer weg. Frank und Kalle klettern sofort weiter. Sie ziehen sich an einem Starkstromkabel hoch, überwinden das Absperrgitter und stehen nun auf den Bahngleisen. Durch die verlorenen Minuten ist der Zug schon sehr schnell und fast vorbei, und ihnen bleibt nur der Versuch, das letzte Trittbrett zu erreichen.

Frank gelingt es, rauf zu springen und Kalle die rechte Hand hinzustrecken. Der greift mit der linken zu, inzwischen fährt der Zug jedoch so schnell, dass er auf dem Schotter nicht mehr mithalten kann. Vergeblich versucht er, mit der rechten an den Haltegriff zu kommen, aber er schafft es nicht. Nur an einer Hand von Frank gehalten, wird er mitgeschleift, bis er ruft: "Franky, lass los, ich schaffe es nicht!" Der will nicht loslassen, aber Kalle löst seinen Griff, überschlägt sich einige Male und bleibt liegen.

Als er auf den Gleisen liegt, überlegt er: Soll ich liegen bleiben, zurückrobben oder aufrecht rennen? Er entscheidet sich für das Letzte, mit dem Wissen, dass er im freien Schussfeld der Grenzer läuft. Ungefähr 150 Meter sind es bis zu der Stelle, wo sie hoch geklettert sind. Wenn sie dich sehen, schießen sie, sind seine Gedanken, während er die Strecke zurückjagt. Endlich ist er an der Brücke. Mit einem Satz springt er über das Geländer runter auf die Straße. Sieben Meter tief!

In den Armen der Eltern bricht er zusammen

Er bricht sich beide Füße, das rechte Handgelenk, mehrere Rippen, hat etliche Prellungen, blutet stark an Kopf und Körper. Kurzzeitig verliert er das Bewusstsein. Trotz dieser Verletzungen schleppt er sich nach Hause. In den Armen der Eltern bricht er zusammen.

Am nächsten Morgen bringen sie Kalle ins Krankenhaus. Den Ärzten sagen sie, ihr Sohn sei die Bodentreppe runter gefallen - die hatten sie vorher präpariert. Die Eltern bestehen darauf, ihn wieder mit nach Hause zu nehmen. Niemand erfährt, was Kalle passiert ist.

Für den nächsten Abend ist Holgers Flucht geplant. Er ahnt nicht, was am Tag zuvor auf den Gleisen geschehen ist. Als er am 13. August 1961 hörte, was passiert war, rannte er zur Brunnenstraße und sah, wie die Vopos die Stacheldrahtrollen über die Straßen zogen. Im selben Jahr wird Holger zur Max-Planck -Schule delegiert. Gleich an seinem ersten Tag wird er wieder nach Hause geschickt, weil er mit Jeans zum Fahnenappell angetreten ist. Überhaupt sei er zu westlich geprägt. Er wird später von der Schule verwiesen, erhält aber keine Schul-Entlassungspapiere, und ohne die bekommt er keine Lehrstelle.

Holger flieht mit spitzen Schuhen

Die Entscheidung, in den Westen zu flüchten, ist gefallen. Holger bereitet sich auf seine Art vor. Er geht an seinen Kleiderschrank. "Ich wollte ja im Westen schick ankommen", erzählt er. "Also zog ich meine besten Klamotten an und meine total spitzen Schuhe. Mit denen konnte ich schon auf der Straße kaum laufen, geschweige denn klettern und rennen." Dennoch schafft er an diesem Abend, das Bahnviadukt zu erreichen.

Als der Moment kommt, in dem er neben dem Zug her rennen muss, um aufzuspringen, sind seine Gedanken schon am Bahnhof Zoo: "Ich hatte eigentlich nur Angst, mein Gott, wie wirst du dreckig sein, wenn du hier hinfällst. Meine spitzen Schuhe waren total hinderlich. Aber irgendwie hab ich doch geschafft, auf den Zug zu springen." Perfekt war Holgers Schick allerdings nicht: Einen Schuh hatte er beim Aufspringen verloren.

Im Osten muss Kalle im Bett bleiben. Seine Verletzungen machen ihm schwer zu schaffen. Eine Woche ist seit seinem Fluchtversuch vergangen, als es klingelt und acht Stasi-Leute in seine Wohnung stürmen. Die Staatssicherheit hatte einen Brief von Wolfgang abgefangen. Sechs Monate bleibt Kalle in Haft.

Zu dieser Zeit ist Klaus-Dieter Richter erst acht Jahre alt. Sein Vater sitzt im Gefängnis wegen versuchter Republikflucht. 98 Tage Einzelhaft. Er hatte versucht, mit einem gepanzerten Wagen unter der Schranke am Checkpoint Charlie durchzufahren. Als er raus kommt, gibt er den Fluchtgedanken nicht auf, mehrere Versuche misslingen.

Tränen in West-Berlin

Die Jahre gehen ins Land. Klaus-Dieter schließt die Schule ab und absolviert eine Kochlehre. Eine Flucht scheint weit entfernt, bis die Eltern zu Freunden nach Kleinmachnow eingeladen sind. Dort ist auch der Vertreter einer Botschaft zu Gast. Er bietet eine Schleusung nach West-Berlin im Kofferraum an - für 120.000 D-Mark. Zwei Fuhren werden vereinbart: am 16. September 1976 um 7 Uhr der Vater mit Frau, um 7.30 Uhr der Sohn mit Freundin. Treffpunkt Gethsemanekirche.

Sohn und Freundin steigen in den Diplomatenwagen, auf der Fahrt rücken die beiden unter die Sitze, damit sie bei der Einfahrt in die Botschaft von Zaire nicht von den Polizisten gesehen werden. Rein in die Garage, umsteigen in den Kofferraum, raus aus der Botschaft, Richtung West-Berlin. Klaus-Dieter Richter erinnert sich an die Minuten im Kofferraum: "Es war beängstigend: Was ist, wenn die Klappe aufgeht und Vopos vor Dir stehen?" Als der Kofferraum endlich geöffnet wird, schaut Klaus-Dieter Richter auf die Autos. Alle haben West-Nummern...

Die Eltern sind schon da. Später steigen alle in einen Bus und sagen dem Schaffner, dass sie zum Bahnhof Zoo wollen, aber kein Geld haben. Kein Westgeld. "Wir kommen aus der DDR und sind gerade geflüchtet." Die Leute im Bus können es nicht glauben. Da zeigen die Richters ihre Personalausweise. Alle freuen sich, einige fangen an zu weinen. Und der Busfahrer sagt: "Na, dann fahr ich euch mal."

Karl-Heinz Richter stellt später einen Ausreiseantrag. Am 13. August 1975, 14 Jahre nach dem Mauerbau, darf er nach West-Berlin.

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