Neues Buch

Jetzt ist der Struwwelpeter Berliner geworden

Noch einer, der es besser machen will als Heinrich Hoffmann. Noch jemand, der glaubt, dem Struwwelpeter von 1845 etwas Modernes hinzufügen zu müssen. Derartige Versuche gab es schon so zahlreiche, dass eine ganze Gattung danach benannt wurde. Jetzt ist der Struwwelpeter sogar zum Berliner geworden.

Ein bisschen spät sind sie schon dran: Eigentlich sollte der neue "Struwwelpeter" von Fil und Atak pünktlich zu Heinrich Hoffmanns 200. Geburtstag im Juni fertig sein. Doch Georg Barber, der unter dem Künstlernamen Atak arbeitet, brauchte für die Zeichnungen doch ein wenig länger als gedacht. Und die übermütigen Texte des als Fil bekannten Philipp Tägert erhöhten die Neugier auf das fertige Werk nur noch mehr.

Doch nun ist das Buch endlich erschienen: Eine "Struwwelpetriade", wie es sie doch eigentlich schon so viele gibt; eine dieser zahllosen Nachdichtungen, Parodien, Kontrafakturen und Bearbeitungen von Heinrich Hoffmanns berühmtem Kinderbuch, die seit der Erstveröffentlichung des Originals vor 164 Jahren entstanden und nach denen die Germanistik sogar eine eigene Gattung - eben die "Struwwelpetriade" - benannt hat.

Sie heißen "Struwwelliese", "Struwwelhitler" oder "F.D.P.eter" - es gibt unzählige davon, und sie sind keineswegs immer an Kinder gerichtet. Mal setzen sie sich kritisch mit dem Original auseinander wie F. K. Waechters legendärer "Anti-Struwwelpeter" (1970), andere zitieren Hoffmanns allseits bekannte Bildergeschichten eher im Sinne des Autors, wie etwa ein unlängst erschienenes Kinderbuch von Wilfried von Bredow und Anke Kuhl namens "Lola rast".

Eine Coverversion

Wie aber stehen Fil und Atak zum ursprünglichen "Struwwelpeter"? "Dies ist keine Parodie, kein antiautoritärer Hippie-Struwwelschnack, sondern eine in Wort und Bild vom Geist des Originals durchdrungene Coverversion", verkünden die beiden. Sie maßen sich keineswegs an, es besser zu machen als Hoffmann, und richten sich auch nicht kritisch gegen das Original. Fil und Atak wissen, dass sie von Hoffmanns eindringlichen Bildern profitieren, und sie nutzen deren ungeheure Bekanntheit geschickt für ihre Zwecke aus. Kontrafaktur, so nennt man solche Werke im literaturwissenschaftlichen Fachjargon. Aber "Coverversion" ist natürlich schöner. Und vor allem versteht jeder, was gemeint ist.

"Durch sein Haar die Maden tollen;/ irgendwas scheint er zu wollen," so herrlich frech dichtet Fil über den titelgebenden Buben. Und die durchtriebene Kindlichkeit, die Atak vielen seiner Comics so gern verleiht, passt zum Struwwelpeter besonders gut; mit seiner bunten, rundlichen Ornamentik und den allgegenwärtigen Tierchen - kleinen Eulen, Eichhörnchen, Eisvögeln - etabliert er eine zweifelhafte Niedlichkeit voller Nachtseiten. Denn im Gegensatz zu manchen Autoren älterer Struwwelpetriaden haben Fil und Atak mit den teilweise drastischen Motiven der Hoffmannschen Geschichten kein Problem mehr.

"Schwarze Pädagogik"

Geradezu begeistert stürzen sie sich auf jene Aspekte des Werks, die vielen Rezipienten seit den 70er-Jahren als Beweis dafür galten, dass der "Struwwelpeter", genau wie Wilhelm Buschs "Max und Moritz" und viele bekannte Märchen, nach einem Begriff der Soziologin Katharina Rutschky (übrigens durchaus nicht in deren Sinne) als "Schwarze Pädagogik" anzusehen waren. Wenn da zum Beispiel von dem armen Paulinchen, das verbotenerweise mit dem Feuer spielt, schließlich nur noch ein "Häuflein Asch'" übrig ist, bemerkt die Magd Helene bei Fil und Atak bloß: "Kuck mal, wie süß die Katzen weinen!"

Die meisten heutigen Eltern und Pädagogen werden angesichts solcher gezeichneter Unfälle gelassen bleiben. Es war wohl nicht zuletzt die Geschichte des Mediums Comic - als dessen Wegbereiter Hoffmann neben dem Genfer Zeichner und Schriftsteller Rodolphe Töpffer gilt -, die unsere Sehgewohnheiten so verändert hat, dass verunglücktes Kinderbuchpersonal heute niemanden mehr wirklich aufregt.

In vielen Comic-Serien und -Strips werden schließlich am Ende die Bösewichte plattgemacht - ob es nun die Daltons oder die Panzerknacker sind oder eine böse Miezekatze. Der Krieg gegen verderbliche Jugendmedien wird heute eher auf dem Feld der Killerspiele und Gewaltvideos geführt. Darum nehmen auch Fil und Atak Heinrich Hoffmann - zu Recht! - nicht mehr als pädagogischen Buhmann, sondern eher als Wegbereiter der "Neunten Kunst" wahr: Schließlich zählte er zu den ersten, die Bilder und Texte zu Geschichten verknüpften, und auf die Idee, sich mit diesem hybriden Medium an ein kindliches Publikum zu richten, war vor ihm noch gar niemand gekommen.

Daumenlutscher spielt mit Batman

Es ist also kein Zufall, dass ihr neuer Struwwelpeter durchsetzt ist von Verweisen auf die Klassiker der Comic-Geschichte: Konrad, der "Daumenlutscher", spielt zum Beispiel mit einer Batman-Figur, der "Hans-Guck-in-die-Luft" wird von einem Popeye-Double aus dem Wasser gefischt. Der "Fliegende Robert" wiederum erinnert mit einer blonden Haartolle verdächtig an Hergés Tim, und wie dieser geht er auch bei Fil und Atak auf Weltreise: Als ihn sein Schirm mit dem Sturm davon trägt, landet er bei den Muselmanen: "Zum Glück geht alles glimpflich aus:/ Er wird Kalif - lern da was draus!"

Ataks Bilder wirken oft wie Palimpseste: Hinter den vordergründigen Zeichnungen schimmern ältere hervor. Da und dort sind die Schemen eines Hauses, eines Tigerkopfs, eines Schriftzugs erahnbar. Diese Arbeitstechnik, derer sich Atak auch schon in anderen Werken bedient hat, scheint gerade beim Struwwelpeter mit Bedacht gewählt. Denn sie verleiht den Seiten nicht nur eine schöne Tiefe und Vieldimensionalität, sondern passt auch wunderbar zu dem künstlerischen Unternehmen als Ganzes: Im übertragenen Sinne ist schließlich der komplette Struwwelpeter von Fil und Atak ein einziges Palimpsest - also die Überschreibung eines älteren Werkes.

Demonstrativer Dilettantismus

Auch den demonstrativen Dilettantismus, der schon Hoffmanns Verse auszeichnete, findet man in Fils Texten wieder. In der "Geschichte vom wilden Jäger" heißt es etwa bei Hoffmann: "Er trug die Brille auf der Nas'/ Und wollte schießen tot den Has.'" Ebenso hübsch holpert es bei Fil: "Der Friederich, der Friederich, der war ein rechter Bösewich."

Es scheint, als hätte Fil den Dilettantismus der Hoffmannschen Verse - den man dem hauptberuflichen Arzt ja immer wieder ankreidete - als das erkannt, was er wohl am ehesten ist: eine Pose; eine bewusst eingesetzte Quelle des Witzes. Mit solchen Einsichten hilft einem dieser neue Struwwelpeter, auch den alten noch einmal mit neuen Augen zu lesen. Nicht nur deshalb beinhaltet dieser Band eine der schönsten Struwwelpetriaden, die jemals verfasst wurden.

Die Künstler Die Texte zum "Struwwelpeter" stammen von Fil (Jahrgang 1966), der durch seine "Didi & Stulle"-Comics und seine witzigen Bühnenshows bekannt wurde. Für die Bilder zeichnet der Illustrator Atak (Jahrgang 1967) verantwortlich. Er ist Professor für Illustration.

Das Buch Fil & Atak: "Der Struwwelpeter oder lustige Bilder und drollige Geschichten frei nach Heinrich Hoffmann". Kein & Aber, Zürich 2009, 64 Seiten, 24. 90 Euro.